Das Schwarmdenken abstellen

Glück ist kein Moment, sondern eine Haltung – das sagt Birgit Tobaben, die Philosophie studiert und sich seitdem intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Diese garantiere allerdings keine pausenlose Euphorie, was auch gar nicht wünschenswert sei.
19.03.2016, 00:00
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Von Sophia Allenstein
Das Schwarmdenken abstellen

Birgit Tobaben hat Philosophie studiert und sich seitdem intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Für sie bedeutet Glück ein erfülltes Leben, unabhängig von materiellen Werten.

Björn Hake

Glück ist kein Moment, sondern eine Haltung – das sagt Birgit Tobaben, die Philosophie studiert und sich seitdem intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Diese garantiere allerdings keine pausenlose Euphorie, was auch gar nicht wünschenswert sei. Ein dauerhafter Glückszustand hätte schließlich eine Gewöhnung zur Folge. „Dann vergisst man, dass man glücklich ist, insofern ist ein Absturz notwendig“, führt die Frau mit den kurzen braunen Haaren den Gedankengang weiter und schaut konzentriert in die Ferne, wie um ihre Gedanken zu sammeln.

Warum trotzdem viele Menschen unzufrieden mit sich und ihrem Leben seien? Tobaben sieht überhöhte Erwartungen und zu hoch gesteckte Ziele, die zum Teil in unerreichbarer Ferne lägen, als Wurzel des Problems an. „Ich muss nicht mich an das Ziel anpassen, sondern das Ziel an mich“, präzisiert sie. Viele Menschen müssten lernen, sich und ihre Lebensumstände so zu akzeptieren, wie sie sind.

Das sagt sich leicht, doch die Umsetzung dieses Rates, dürfte einen grundlegenden Wandel im Weltbild eines Menschen erfordern. Man müsse Mut aufbringen, um herauszufinden, wer man selbst ist, sich zu hinterfragen und sein Verhalten zu ändern, meint Tobaben. Die Glückshaltung zu ändern sei ein Prozess, der Einsicht, Reflexion und Zeit erfordere.

Sie selbst nimmt sich regelmäßig „leere Zeit“, wie sie sagt: Zeit in der sie keinen Aufgaben oder Verpflichtungen nachgeht. Zeit in der sie nur die Sonne genießt und hofft, dass niemand anruft. „60 Millionen Arbeitsstunden fallen jährlich wegen psychischer Erkrankungen weg“, erklärt die Philosophin, was aus ihrer Sicht daran liegt, dass die Arbeitnehmer ihre Arbeit in die Freizeit mitnehmen. Dies würde jedoch weitere Probleme schaffen – so kämen beispielsweise Partner und Kinder zu kurz. Eine Grenze zwischen beruflichen Verpflichtungen und privater Zeit zu ziehen, fiele schwer, der Anspruch auf Perfektion sei oft groß.

„Den Ballast im Büro lassen und erst am nächsten Tag weitermachen“ – so lautet Tobabens Rat an alle, die ihre Prioritäten zuerst auf die Arbeit legen und dabei unglücklich sind. Im Extremfall könne es auch helfen, sich für einen Monat eine Auszeit zu nehmen und ganz auszusteigen – auch wenn das der Arbeitgeber natürlich nicht besonders gern sehe. Auf diese Weise könne man sich jedoch die Zeit nehmen, seine Lebensweise zu hinterfragen und danach anzupassen.

Wie viel muss man besitzen, um glücklich zu sein? Wie sehr hängt das Empfinden von Glück auch vom geografischen Raum ab? Darauf hat die Achimerin eine entschiedene Antwort. „Der gesellschaftliche Druck, bestimmte Dinge haben und können zu müssen, ist in einem hoch industrialisierten Land wie Deutschland groß“, sagt sie. Gemeint sind Smartphones, Tablets, Autos – Statussymbole eben. „Einem wird erzählt, was man haben muss“, kritisiert Tobaben die Werbesprache und nennt als Beispiel das „Must-have“. Sie dagegen frage gern selbst nach dem Sinn eines Kaufes, anstatt dem Schwarmdenken zu folgen. Auch hier sei Selbstbewusstsein gefragt, um sagen zu können „Ich hab’s nicht. Ich brauch’s nicht. Wofür brauchst du das?“. Die Philosophin selbst besitzt kein Smartphone – und erst seit drei Monaten einen Laptop.

Wenn man den Gedanken auf die Spitze treibt, kann man fragen: Sollte man sich also vom Besitz lösen, um auf der Suche nach Glück erfolgreich zu sein? „Jeder definiert selbst, was an Besitz reicht, was nötig ist, um glücklich zu sein“, sagt die Philosophin. Sie selbst habe Freude daran, ungenutzte Gegenstände zu verschenken, so könne noch jemand benutzen, was bei ihr nur Staub fange.

Dass die individuellen Vorstellungen von Glück schon früh von der Erziehung geprägt werden, steht für Tobaben fest. Hier ist seitens der Eltern Feingefühl gefragt: „Eltern müssen vorsichtig sein, wie sie ihre Erwartungen formulieren.“ Kinder sollten den Freiraum haben, ihre Talente selbst zu entdecken, anstatt Wunschvorstellungen zu folgen, die nicht ihre eigenen seien. „Damit die Kinder nicht den Weg abklappern, den die Eltern schon planiert haben, als sie noch nicht auf der Welt waren“, führt Tobaben den Gedanken metaphorisch aus und lächelt. Für sich selbst hat Birgit Tobaben eine eigene Definition von Glück gefunden: „Das bleibende Wissen, dass man ein erfülltes Leben hat, unabhängig von materiellen Werten“. Ob sie sich momentan zufrieden fühlt? Das bejaht die Philosophin. Momentan freue sie sich besonders darüber, bei der Arbeit mit Flüchtlingen helfen zu können. Vor allem wenn sie die Ansprüche der jungen Flüchtlinge mit denen von Kindern unserer Gesellschaft vergleiche.

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