Anita-Augspurg-Preis Dem Jemen Hoffnung schenken

Sie will den Krieg in ihrer Heimat nicht einfach geschehen lassen. Und sie will Frauen eine Stimme geben. Die Jemenitin Rasha Jarhum und die Verdenerin Anita Augspurg sind Schwestern im Geiste.
22.09.2019, 16:07
Lesedauer: 2 Min
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Dem Jemen Hoffnung schenken
Von Björn Struß

Rasha Jarhum ist eine routinierte Rednerin, sie sprach schon vor dem UN-Sicherheitsrat, aber in diesem Moment stockt ihr im Verdener Rathaus der Atem. Die Stimme bricht, sie ringt mit ihren Gefühlen. „Das Haus, in dem wir uns versteckten, wurde von einer Katusha-Rakete getroffen und ich sah den ganzen Raum vor uns einstürzen.“ Sie spricht Englisch, aber die Zuhörer bekommen eine Übersetzung ins Deutsche. Jarhums Blick geht zu ihrer Mutter, die auch im Publikum sitzt. Dann spricht sie weiter. „Meine Mutter trug meine jüngere Schwester, packte mich an der Hand und begann zu laufen."

Es ist ihre erste Erinnerung an den Krieg, von der Jarhum hier spricht. Damals, im Jahr 1986, war sie fünf Jahre alt und lebte noch in ihrer Heimat, dem Jemen. Das Land an der südlichen Grenze von Saudi-Arabien ist nicht erst seit 2015 von Krieg und Leid gezeichnet. Jarhum erlebte zwölf Kriege und bewaffnete Konflikte, bis sie mit ihrer Familie schließlich das Land verließ. „Ich habe vielleicht Glück gehabt, nicht im Jemen zu sein, als dieser aktuelle Krieg ausbrach, aber ich verstehe, was Krieg bedeutet“, sagt sie in ihrer Rede.

Aus dem Exil heraus hat sich Jarhum zu einer weltweit beachteten Stimme für eine friedliche Zukunft des Jemens entwickelt. 2015 gründete sie die Initiative „Peace Track“, in der sich 250 Frauen aus dem Jemen organisiert haben. Sie unterstützen sich gegenseitig, bieten von Gewalt bedrohten Frauen Hilfe an und wollen die Rechte der Frauen in dem arabischen Land stärken. Für Jarhum liegt der Frieden in den Händen der Frauen. Sie lerne jeden Tag aus der Widerstandskraft all dieser Frauen. „Es ist das, was mich am Laufen hält und was die Hoffnung in meinem Herzen hält, dass der Jemen bald Frieden finden wird.“

Für dieses Engagement erhielt Rasha Jarhum am Freitagabend den Anita-Augspurg-Preis „Rebellinnen gegen den Krieg“, den die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF) zum dritten Mal in Kooperation mit der Stadt Verden verlieh. Der Preis ist mit einer aus Spenden finanzierten Summe von 5718 Euro dotiert. Diese Zahl nimmt Bezug auf das Geburtsjahr von Augspurg: 1857.

Es ist Julie Trippo von der IFFF, die in ihrer Laudatio eine Verbindung von der berühmten Verdenerin zu Jarhum schlägt. „Anita war eine Rebellin par définition: als Frontfrau bei den Kämpfen um Frauenrechte, als radikale Pazifistin, dezidierte Gegnerin des Nationalsozialismus und als Revolutionärin.“ Als erste promovierte deutsche Juristin habe Augspurg einen Platz für Frauen geschaffen, der zuvor nicht vorgesehen war. Ein Verdienst von ihr sei es, Frauen als zentrale Akteurinnen der Friedensbewegung positioniert zu haben.

„Genau wie Anita Augspurg rebelliert auch Rasha Jarhum gegen den Krieg in ihrem Land“, sagt Trippo. Sie hebt aber nicht nur Jarhums Engagement für den Frieden hervor, sie betrachtet die Jemenitin auch aus einer feministischen Perspektive. „Im Jemen ist die politische Partizipation von Frauen sehr niedrig.“ Frauen müssten ihre stereotype Rolle als Hausfrau einnehmen. Es ist also auch ihr Kampf gegen die Dominanz der Männer, der Jarhum an diesem Abend zu Preisträgerin macht.

Trotzdem darf im Rathaus auch ein Mann an das Rednerpult treten, Bürgermeister Lutz Brockmann „Ich hoffe, der Anita-Augspurg-Preis gibt Ihnen viel Kraft und neue Unterstützung für Ihr mutiges und vorbildliches Engagement.“ Er ehrt die Preisträgerin auch damit, dass er das goldene Buch der Stadt für sie öffnet. Ihre Danksagung an die Stadt Verden beendet Jarhum mit den Worten: „Your new biggest fan from Jemen“. Die Reiterstadt hat also offenbar einen kleinen Platz im großen Herzen der nimmermüden Kämpferin für den Frieden erobert.

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