Doppelt so viele Tiere wie 2010: Oytens Faltenwespenbeauftrager Eckhard Jäger hat derzeit jede Menge Aufträge Der Wespen-Jäger

Landkreis Verden. An sonnigen Wochenenden steht Eckhard Jägers Telefon nicht still. Bis zu zehn Anrufe bekommt er dann innerhalb kurzer Zeit. Von Menschen, die er noch nie zuvor gesehen hat. Wildfremde, die seine Hilfe benötigen. Eckhard Jäger ist einer von sieben Faltenwespenbeauftragten im Landkreis Verden und für die Gemeinde Oyten zuständig. Mehr als 80 Mal musste er in diesem Jahr schon ausrücken.
03.09.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Der Wespen-Jäger
Von Maren Beneke

Landkreis Verden. An sonnigen Wochenenden steht Eckhard Jägers Telefon nicht still. Bis zu zehn Anrufe bekommt er dann innerhalb kurzer Zeit. Von Menschen, die er noch nie zuvor gesehen hat. Wildfremde, die seine Hilfe benötigen. Eckhard Jäger ist einer von sieben Faltenwespenbeauftragten im Landkreis Verden und für die Gemeinde Oyten zuständig. Mehr als 80 Mal musste er in diesem Jahr schon ausrücken.

An der Tür zum Bio-Raum des Schulzentrums Pestalozzistraße prangt ein großes Schild. "Gesperrt" ist unübersehbar mit roten Lettern darauf geschrieben. Was es damit auf sich hat, lässt sich auf den ersten Blick nicht erkennen. Etwas schmutzig sieht er aus, der Boden, überall schwarze Flecke. Beim genaueren Betrachten fällt auf: Die schwarzen Flecke sind nicht etwa Schmutz, sondern Hunderte von Wespen. Die meisten sind tot. Nur noch vereinzelt fliegen Drohnen durch den Raum. Auch eine Königin ist dabei. Ein typischer Fall für den Oytener Faltenwespenbeauftragten Eckhard Jäger.

Er wurde von der Schulverwaltung angerufen, um die Ursache für die vielen Wespen zu finden. Fachmännisch greift er sich gleich das erstbeste Tier vom Boden, hält es sich nur wenige Zentimeter vor die Augen. "Die liegen hier schon seit ungefähr fünf Wochen", sagt er. Aufschluss darüber hat ihm der Verwesungsgrad der Wespenkadaver gegeben. "Einfach wegfegen und abwarten", lautet sein Rat.

Immer wieder neue Situationen

Als Faltenwespenbeauftragter des Landkreises hat Eckhard Jäger derzeit jede Menge Aufträge. Viele Male war er in diesem Sommer schon in der Kommune unterwegs. "Ich komme immer in eine andere Situation, deswegen ist es auch immer ein Abenteuer", sagt er. Mal wird er von der Gemeinde angerufen, mal wenden sich die Menschen direkt an ihn. Menschen, die keine Lust mehr haben auf Wespen in ihrem Garten oder sogar in ihren Häusern.

Eckhard Jäger ist jedoch nicht dafür zuständig, die Tiere zu entfernen. Er ist dafür da, sie zu schützen. Nur in Ausnahmefällen - unter anderem, wenn sie sich im Wohnbereich angesiedelt haben - gibt er die Wespen für den Schädlingsbekämpfer frei. "Aber falls es geht, versuche ich, den Leuten ins Gewissen zu reden, dass sie die Nester hängen lassen." Zum Beispiel, wenn es sich um gefährdete Arten wie die Sächsische Wespe handelt. Oder wenn sich die Insekten dort angesiedelt haben, wo sie niemanden stören.

Wie zum Beispiel bei einer seiner Kundinnen in der Allerstraße. Sie lebt mit ihrem Mann in einem Reihenhaus. Im ersten Geschoss liegen Badezimmer und Büro, getrennt nur durch eine Wand und ein schmales Stück Dach. Und genau da haben sich die Wespen in einem Hohlraum unter den Schindeln angesiedelt. Wespe um Wespe schwirrt an den beiden Veluxfenstern vorbei. Hunderte Tiere. Eckhard Jäger streckt seinen Kopf nach draußen und fasst blitzschnell nach einem Insekt. "Eine Gemeine Wespe", lautet seine Einschätzung.

Neben der Gemeinen und der Sächsischen Wespe gibt es in unserer Region fünf weitere Wespenarten. Nicht alle sind für den Menschen gefährlich. "Lästig sind eigentlich nur die Deutsche und die Gemeine Wespe", erklärt Eckhard Jäger. "Das sind diejenigen, die auf süße Sachen gehen." Für einen Laien sind diese Tiere im Vorbeifliegen aber kaum von den anderen zu unterscheiden. Doch auch hierfür hat der Faltenwespenbeauftragte einen Tipp: "Kann ich das Nest sehen und hat es einen grauen Farbstich, dann sind die Wespen für uns nicht gefährlich." Zuhause bei sich in Bockhorst finden solche "schützenswerten Arten", wie Jäger sie nennt, eine neue Heimat. Mit Hilfe von Holzkästen und Eimern siedelt er die Tiere um.

Die Wespen der Kundin in der Allerstraße werden jedenfalls nicht umziehen. Auch wenn die Frau damit gar nicht einverstanden zu sein scheint. "Ein furchtbares Viehzeug", schimpft sie. Eckhard Jäger versucht zu beschwichtigen, während eines der Insekten durch das Badezimmer brummt. "Die Wespen haben sich bei Ihnen untergemietet, ohne zu fragen, aber dafür fressen sie Ihnen nun auch die Mücken weg", lenkt er ein.

Tatsächlich brauchen die Wespen das Eiweiß anderer Insekten als Futter für ihre Brut. Nektar und zuckerhaltige Nahrung hingegen nutzen sie als Flugantrieb. Wegen des vielen Regens in den vergangenen Wochen finden sie aber nur schwer geeignete Pflanzen und genügend Nahrung. "Und wer hungrig ist, ist wütend", begründet Eckhard Jäger. Deswegen könne es vorkommen, dass die Tiere in diesem Jahr auch grundlos stechen. "Und es wird noch schlimmer", kündigt er an. Denn die Hochzeit der Wespen sei noch nicht gänzlich erreicht. "Wenn alle Zwetschgen reif sind, merkt man erst, wie viele es wirklich gibt."

Nur wenige Hornissen

Seinen Einschätzungen zufolge sind es in diesem Jahr mehr als doppelt so viele Wespen wie noch 2010. Das lässt sich nicht nur anhand der vielen Anrufe und Aufträge erkennen, sondern auch anhand der Wetterlage. Durch die langanhaltende Trockenzeit im Frühjahr konnten sich die Tiere gut fortpflanzen. Ihre natürlichen Feinde, die Hornissen, haben bei ihrer Entwicklung dann die Schlechtwetterperiode abbekommen. Dadurch ist das Gleichgewicht zwischen Wespen und Hornissen in diesem Jahr nicht gegeben. Bis zu 10000 Wespen können in einem Nest leben.

Eckhard Jäger ist sein zehn Jahren Faltenwespenbeauftragter für den Landkreis. An den Job kam er durch einen einfachen Zufall. Als Bienenhalter wollte er damals seine neuen Stöcke anmelden, da kam die Gemeinde auf ihn zu. Seitdem hat er viel erlebt und kann jede Menge spannender Geschichten rund um die Insekten erzählen.

Zum Beispiel von einem großen Hornissennest, das im Hausflur einer Fischerhuder Familie hing. "Ich habe mir das angeschaut, aber sie wollten es unbedingt behalten", erinnert er sich. "Das war schon ganz schön extrem." Schließlich sonderten die Tiere ein Sekret ab, das ziemlich streng riechen würde. Oder von den Hornissen, die es sich im Rolladenkasten einer Dame aus Oyten bequem gemacht hatten. Oder von den Wespen, die ihr Nest in den Sandkasten eines Kindergartens gebuddelt hatten. Das größte Nest, das er bisher betreut hat, kam auf stattliche 1,20 Meter.

Außer einer kleinen Aufwandsentschädigung vom Landkreis bekommen Eckhard Jäger und Kollegen übrigens kein Geld für ihre Arbeit. Auch die Kunden müssen nichts für ihre Beratung zahlen. Sie sind Faltenwespenbeauftragte aus Spaß an der Sache und stehen gerne im ehrenamtlichen Dienst für die Kommune. "Ein bisschen wahnsinnig muss man aber schon sein", sagt Eckhard Jäger.

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