Karsta Flechner arbeitete 32 Jahre für die Stadtverwaltung Achim – sie kennt viele Büros im Rathaus von innen Die Einblicke der Reinemachfrau

Achim. Zum Abschied stößt Karsta Flechner mit Bürgermeister Rainer Ditzfeld in dessen Büro an. Die Sektgläser klingen.
01.06.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Die Einblicke der Reinemachfrau
Von Felix Weiper

Zum Abschied stößt Karsta Flechner mit Bürgermeister Rainer Ditzfeld in dessen Büro an. Die Sektgläser klingen. 32 Jahre hat Flechner für die Stadtverwaltung Achim als Reinigungskraft gearbeitet. „Das ist eine großartige Leistung“, meint Ditzfeld. Am vergangenen Freitag ging Flechner in der Ruhestand – an ihrem 65. Geburtstag

Die dritte Etage im Achimer Rathaus mit 30 Büros und Besprechungsräumen, mit Teeküche und WC waren in den vergangenen zwölf Jahren das Wirkungsfeld der Raumpflegerin. Auch das Treppenhaus bearbeitete sie mit Besen, Lappen und Wischer. Zuvor sorgte sie jahrelang in anderen städtischen Einrichtungen, zum Beispiel im Bürgerzentrum für Sauberkeit.

Ja, als Reinemachefrau gewinne man tiefe Einblicke, sagt die resolute Dame die den Eindruck macht, dass sie beim Putzen singen, aber auch mal gehörig fluchen kann. Der Zustand eines Büros sage schon sehr viel über den Menschen aus, der darin tätig sei, weiß Fechner aus langer Erfahrung. Und es gebe auch unter Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst entgegen aller Klischees den einen oder anderen, der es mit der Ordnung nicht so genau nehme. Insgesamt habe sie aber ein dankbares Arbeitsumfeld, versichert Flechner.

Und wie bewertet die Reinigungskraft das Büro des neuen Bürgermeisters? Der Blick der Kennerin schweift umher. „Der Raum spricht dafür, dass er ein solider und ordentlicher Mensch ist“, bemerkt Flechner mit einem Augenzwinkern. „Und bürgernah ist er auch“, ergänzt sie. Das verraten ihr die Bilder an den Wänden. Ditzfeld hat Wünsche von Achimer Bürgern auf Zetteln gesammelt und diese einrahmen lassen.

Jeden Morgen um 6 Uhr stand Flechner auf der Matte. Fegen, wischen, putzen, aufräumen, Papierkörbe leeren: So sah ihr Arbeitsalltag aus, der bis 10 Uhr im Rathaus dauerte. Danach ging es noch für eine Stunde in den städtischen Generationentreff an der Langenstraße.

In drei Jahrzehnten, die sie als Raumpflegerin tätig gewesen sei, habe sich so manches geändert, berichtet Flechner. „Wir verwenden heute weniger Putzmittel als früher.“ Das spare Geld und schone die Umwelt. Mit drei Reinigern – einer fürs WC, einer für die Fenster sowie ein Universalmittel für alle weiteren Flächen – komme sie heute aus. Und auch das Werkzeug ist besser geworden. In früheren Zeiten habe sie sich noch mit einem starren Schrubber abgeplagt. Heute gebe es „zum Glück“ den flexiblen und höhenverstellbaren Wischmop.

Karsta Flechner war eine von 72 Reinigungskräften, die bei der Stadt Achim beschäftigt sind. Sie war damit Angestellte im öffentlichen Dienst. „Das ist schon komfortabel“, sagt sie. Und auch die Bezahlung sei gut. Flechner weiß, dass viele andere Behörden und Unternehmen die Reinigungsdienstleistungen einkaufen. Und die Branche stand immer mal wieder in der Kritik – aufgrund der Arbeitsbedingungen, die dort herrschen. Bürgermeister Ditzfeld versicherte, die Stadt Achim wolle auch in Zukunft ihre eigenen Kräfte behalten. Dass Karsta Flechner nicht mehr dabei wird, bedauert er: „Sie wissen ja: Neue Besen kehren zwar gut, die alten wissen aber, wo der Dreck liegt.“

Rund 10 000 Arbeitskräfte – die meisten sind Frauen – arbeiten in der Region Bremen und umzu in der Gebäudereinigung. Die Branche sei gut aufgestellt, sagt der Regionalleiter der zuständigen Gewerkschaft IG-Bau, Wolfgang Jägers. Auch habe sich das Lohnniveau in der vergangenen Jahren verbessert. Die nächsten Tarifverhandlungen stünden noch in diesem Jahr an. „Wir wollen dann einen Stundenlohn von mehr als zehn Euro erreichen.“ Derzeit seien es 9,50 Euro. Die Raumpfleger, die im öffentlichen Dienst beschäftigt seien, kämen in etwa auf das gleiche Niveau.

Wie Jägers berichtet, werde die Reinigungstätigkeit, die früher vor allem als Zuverdienst betrachtet wurde, mehr und mehr zum unverzichtbaren Neben- oder Haupterwerb. „Die Zahl der Mini-Jobber und der Teilzeit-Kräfte in dem Gewerbe nimmt ab.“ Und ja – es gebe auch noch die schwarzen Schafe in der Branche, die den Mindestlohn umgehen. „Uns sind zum Beispiel Hotels bekannt, in denen Putzfrauen, weil sie nach der Anzahl der geputzten Zimmer bezahlt werden, auf lediglich 3,50 Euro Stundenlohn kommen.“ Insgesamt habe sich die Lage der Beschäftigten aber im Laufe der Zeit immer weiter verbessert. Das liege auch daran, dass viele große und kleine Reinigungsfirmen nach Arbeitskräften suchten. Für Karsta Flechner ist das alles kein Thema – sie sei immer fair bezahlt und fair behandelt worden, wie sie sagt. Demnächst wird sie sich als Rentnerin mehr mit der Enkelin befassen. Und sie möchte viele Radtouren unternehmen. Eines stört sie aber doch am Ruhestand: Sie ist ab jetzt nicht mehr so gut auf dem Laufenden. „Wer als Raumpflegerin im Rathaus arbeitet, weiß immer, was wo in der Stadt läuft“, sagt sie – und schmunzelt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+