Franziska Wanie bildet ehemalige Rennpferde zu Freizeitpferden aus / Mit 15 den ersten Vollblüter im Stall Die letzte Rettung vor dem Schlachthof

Ottersberg·Grasberg. Es ist ein Sport, der nicht den kleinsten Fehler oder eine noch so minimale Schwäche verzeiht. Prestige, oft eine große Menge Geld beim Wetteinsatz - im Pferderennsport gibt es viel zu gewinnen, aber ebenso viel zu verlieren. Die getrimmten vollblütigen Pferde sind extremen körperlichen Belastungen ausgesetzt, Gelenke verschleißen schon nach wenigen Jahren. Psychische Schäden aufgrund der kontinuierlichen Stresssituation werden oftmals erst gar nicht protokolliert. Dann sind sie Verlierer des sportlichen Ehrgeizes.
04.09.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von David Rosengart

Ottersberg·Grasberg. Es ist ein Sport, der nicht den kleinsten Fehler oder eine noch so minimale Schwäche verzeiht. Prestige, oft eine große Menge Geld beim Wetteinsatz - im Pferderennsport gibt es viel zu gewinnen, aber ebenso viel zu verlieren. Die getrimmten vollblütigen Pferde sind extremen körperlichen Belastungen ausgesetzt, Gelenke verschleißen schon nach wenigen Jahren. Psychische Schäden aufgrund der kontinuierlichen Stresssituation werden oftmals erst gar nicht protokolliert. Dann sind sie Verlierer des sportlichen Ehrgeizes.

Ist ein Rennpferd gesundheitlich lädiert oder bringt nicht die prophezeiten und erwarteten sportlichen Leistungen, landet es fast immer auf der Schlachtbank, wie Pferdetrainerin Franziska Wanie sagt: "Bereits mit wenigen Jahren werden die jugendlichen Tiere für den Rennsport ausgebildet. Dann beginnt je nach Leistung eine mehrjährige sportliche Karriere. Sind sie zu alt oder krank, werden sie aussortiert und landen für ein paar Hundert Euro beim Schlachter."

Die Ausbilderin gibt ehemaligen Rennpferden eine zweite Chance. Schult sie mit Erfahrung und zahlreichen Übungsstunden zu ganz normalen Freizeitpferden um - und verkauft sie dann an Hobbyreiter. "Oft haben die Rennpferde schon ihre Macken. Sie müssen sich erst einmal an die Lebensumstände eines Freizeitpferdes gewöhnen", beobachtet die Ottersbergerin immer wieder bei ihrer Arbeit. In der acht bis zwölf Wochen dauernden Ausbildung lernen die ausschließlich auf Geschwindigkeit trainierten Ex-Rennpferde zunächst die alltäglichen Grundgangarten wie Trab oder Galopp. Auch will das richtige Verhalten im Verkehr sowie im unwegsamen Gelände sorgsam erlernt sein.

Und dabei geht es nicht ausschließlich darum, den Rennsportveteranen ein annehmbares zweites Leben zu verschaffen, auch finanziell lohnt es sich für Rennsportvereine: Franziska Wanie kauft den Reitställen ihre Sorgenkinder ab - und das zu einem höheren Betrag im Vergleich zum Schlachthof. Hat ein Pferd ausgelernt, verkauft sie es wieder gewinnbringend. "So ein Vollblüter, der als Rennpferd genutzt wurde, kostet schon eine Menge Geld. Daher ist auch eine Investorin bei mir eingestiegen", sagt die 23-Jährige.

In der Nähe von Grasberg im Kreis Osterholz hat sie einen großen Reitstall für ihre vierbeinigen Schüler. Die tiefgrünen weitläufigen Weiden der Umgebung bieten den Ex-Rennpferden ausreichend Platz, ihre neuen Freiheiten ausgiebig auszuleben. Derzeit hat sie drei "Renner", sowie zwei Freizeitpferde für die Ausbildung bei sich in den Boxen. "Die Rennpferde sind ausschließlich Vollblüter. Aber andere Rassen wie Hannoveraner oder Oldenburger nehme ich auch in die Ausbildung", sagt die Pferde-Expertin.

Solch ein vollblütiges Tier eigne sich hervorragend für Hobbyreiter, da die Rasse kleiner und zierlicher ist als beispielsweise die großen Hannoveraner, die mit einem Schultermaß von bis zu 1,85 Metern und einem Gewicht von rund 900 Kilogramm, wahre Kraftpakete sind. "Vollblüter sind äußerst sensibel und intelligent. Tolle Tiere", schwärmt sie. Die Entwicklung eines ehemaligen, oft verstörten Pferdes sei die größte Belohnung an ihrer Tätigkeit. Früh kristallisierte sich die Passion der gebürtigen Thüringerin für Pferde heraus: Mit sechs Jahren saß sie das erste Mal auf dem Rücken eines der edlen Rösser. Mit 15 nahm sie ihren ersten Vollblüter unter die Fittiche. Eine Reise nach Italien und einige Lehrgänge auf einem großen Gestüt besiegelten dann den Entschluss, sich hauptberuflich den Vierbeinern zu widmen.

Neben der Ausbildung bietet sie auch eine mobile Reitschule an. Die intensive Arbeit mit den Tieren bereitet der 23-Jährigen eine 70-Stunden-Woche: "Auch am Wochenende sind meine Schützlinge natürlich hungrig." Aber ihr Engagement lohnt sich für die Tiere: Für einige ausrangierte Rennpferde ist Franziska Wanie die letzte Rettung vor dem Schlachthof.

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