Diskussion um Krippenplätze "Die Quote wird nicht ausreichen"

Landkreis Verden. Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, könnte ab 2013 etwas einfacher werden, wenn auch Kinder ab Vollendung des ersten Lebensjahres einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz haben.
20.07.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Bianca Belouanas

Landkreis Verden. Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, könnte ab 2013 etwas einfacher werden, wenn auch Kinder ab Vollendung des ersten Lebensjahres einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz haben. Bisher galt dieser nur für Kinder ab drei Jahren. Im Klartext heißt das aber auch: Die Gemeinden müssen für die neue U-3-Generation (Kinder unter drei Jahren) die Zahl ihrer Krippenplätze aufstocken. Die dafür vorgesehene Quote von 35 Prozent hält Berthold Ernst, Geschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes Niedersachsen, für zu gering. "Kein Problem", sagt hingegen Peter Genée, Leiter des Fachdienstes Jugend und Familie vom Landkreis Verden. "Wir sind gut aufgestellt."

Das schließt er aus dem so genannten Kindertagesstättenbedarfsplan, der jährlich in Zusammenarbeit mit den Städten und Gemeinden erstellt wird. Demnach gab es 2010 im Landkreis 607 Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren. "Der Bedarf für 2013 liegt bei 977, das heißt, pro Jahr müssen wir noch rund 120 Plätze schaffen", erklärt Genée. "Dann haben wir im Bereich U3 eine durchschnittliche Versorgungsquote von 40 Prozent", berichtet er stolz.

Ob das ausreicht? Zumindest liege man damit über der von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden geforderten Versorgungsquote von 35 Prozent, auf der die Finanzierung basiere, so Genée. Fällt der Bedarf überraschenderweise höher aus, "müssen wir schnell reagieren, denn wir haben ein bedarfsgerechtes Angebot bereitzustellen", sagt Genée. Wenn es zu Engpässen kommt, müsse die Betreuung nicht unbedingt in Form eines Krippenplatzes sichergestellt werden, erklärt er. Auch die Betreuung durch eine Tagesmutter oder in altersübergreifenden Gruppen seien denkbare Alternativen.

Da der Rechtsanspruch für Kinder ab einem Jahr schon ab 1. Januar 2013 gilt, könnten Eltern sogar mitten im Kindergartenjahr auf einen Betreuungsplatz pochen, erklärt sein Kollege Holger Badenhoop. Eine Krux, die die Gemeinden vor ein Problem stellen könnte. Denn "wenn jemand diesen Anspruch geltend machen würde, wäre die Gemeinde in der Pflicht. Aber es stellt sich natürlich die Frage, ob der Bedarf gerade nach dem 1. Januar 2013 sprunghaft ansteigt", so Badenhoop.

Doch zurück zum Versorgungsgrad. Auch wenn dieser laut Genée im Bereich U3 im Landkreis bei durchschnittlich 40 Prozent liegen soll, gibt es in den einzelnen Gemeinden doch deutliche Unterschiede. Beinahe in allen Gemeinden, darunter auch Achim, soll die neue Versorgungsquote bei 35 Prozent liegen. Ausreißer nach oben sind Kirchlinteln mit 40 Prozent, Verden mit 50 Prozent und Langwedel mit 55 Prozent, zählt Peter Genée auf. Als Ausgangsgröße für diese Hochrechnungen ziehen die Gemeinden die Geburtenzahl heran. Laut Kindertagesstättenbedarfsplan für 2011 sind im Flecken Langwedel derzeit 26,5 Prozent der Null- bis Dreijährigen in einer Betreuungseinrichtung untergebracht. Schlusslicht ist die Stadt Achim mit 12,9 Prozent. In Verden beträgt die derzeitige Quote in dieser Altersgruppe 21,2 Prozent, in Oyten 20,6 Prozent, im Flecken Ottersberg 14 Prozent und in der Samtgemeinde Thedinghausen 17,6 Prozent. So gesehen besteht durchaus Entwicklungspotenzial nach oben, wenn man die Quote von 35 Prozent zugrunde legt.

Doch genau die könnte laut Städte- und Gemeindebund zu gering bemessen sein. "Der Gesetzgeber fordert 35 Prozent Versorgungsquote, Bund und Land bezahlen sie. Aber wenn wir annehmen, dass es ausreicht, wenn nur 35 Prozent eines Jahrgangs einen Betreuungsplatz kriegen, glaube ich, dass uns die Nachfrage überholt", fürchtet Berthold Ernst, Geschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes Niedersachsen. Er vermutet: "Die Quote wird nicht ausreichen". Ein Verdacht, den er laut eigener Aussage auf Berichte von Bürgermeistern verschiedener Gemeinden stützt. "Da wird eine Krippe errichtet, die eigentlich ein paar Jahre ausreichen soll - und dann staunt man, dass die ruckzuck voll ist und wieder nicht ausreichend Plätze vorhanden sind", sagt Ernst. Ein weiteres Problem sei die Haushaltslage der Gemeinden. "Viele stehen unter Haushaltsaufsicht und dürfen gar nicht mehr Plätze ausbauen, als für die Quote notwendig sind." Das könne sich noch zu einem "politischen Problem" entwickeln, denn "möglicherweise ist der Wert von 35 Prozent die falsche Quote", sagt der Geschäftsführer.

Bleibt zu hoffen, dass für diese Situation ein ausgereifter Plan B in der Schublade der Verantwortlichen schlummert, damit der Rechtsanspruch nicht im Chaos endet.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+