Petermann-Lesung in Achim

Ein Kriminalist aus Leidenschaft

„Die Diagramme des Todes“ hat Axel Petermann, der in Oyten lebende Ex-Profiler der Bremer Polizei, sein neuestes Werk betitelt, das er nun im Rahmen einer Lesung im Kasch in Achim vorgestellt hat.
02.10.2019, 15:47
Lesedauer: 3 Min
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Von Gisela Enders
Ein Kriminalist aus Leidenschaft

Axel Petermann hat in Achim auf Einladung der Buchhandlung Hoffmann aus seinem neuen Werk gelesen.

Jons Kako

Gespannte Ruhe herrschte schon, bevor Axel Petermann am Dienstagabend im Kasch aus „Die Diagramme des Todes“ zu lesen begonnen hatte. Etwa 120 Menschen, so schätzte Buchhändler Veit Hoffmann, waren seiner Einladung gefolgt und warteten gespannt auf Passagen aus dem neuen Werk des Fallanalytikers, das gerade erst erschienen ist. „Diagramme sind mathematische Körper, alltagsfremd aber spannend“, beschrieb Hoffmann die zeichnerischen Darstellungen, mit denen er sich in Abi-Klausuren auseinanderzusetzen hatte. Petermanns Ermittlerfigur indes bekommt es mit einem Serienmörder zu tun, der die Schritte seines perfiden Handels in grafischen Darstellungen festhält, um die Emotionen bei seinen Morden immer wieder erleben zu können und damit seine Lust am Töten zu steigern.

Insgesamt viermal sei er bereits im Kasch gewesen, erst im vergangenen Jahr, um einen gemeinsam mit Co-Autor Cornelius Fischer entstandenen Roman vorzustellen, erklärte der ehemalige Leiter der Bremer Mordkommission, der in Oyten lebt. „Die Elemente des Todes“ ist der True-Crime-Thriller betitelt, der – so wie auch das aktuelle Werk – auf wahren Begebenheiten beruht.

Viel beschäftigter Pensionär

Axel Petermann ist einer der bekanntesten Profiler Deutschlands, der nach einer klassischen Ausbildung bei der Bremer Polizei blieb und dort im Laufe seiner Dienstzeit mehr als 1000 Fälle des unnatürlichen Todes bearbeitet hat. Er ist überzeugt davon, dass der Schlüssel zur Klärung eines Tötungsdeliktes durch die Interpretation der Spuren am Tatort, am Opfer und durch die Analyse der Opfer-Persönlichkeit zu finden ist.
Seit seiner Pensionierung im Jahre 2014 beschäftigt er sich im Auftrag von Angehörigen mit der Aufklärung ungeklärter Todesfälle, erklärte der 66-Jährige. Darüber hinaus ist er Berater verschiedener Tatort-Redaktionen und als kriminalistischer Fachberater eingebunden in Dokumentar- und Nachrichtensendungen. Bevor Axel Petermann zu lesen begann, erfuhr das Publikum, dass die in „Die Diagramme des Todes“ beschriebenen und in ihrer Brutalität oft schwer zu ertragenden Szenarien der Realität entsprächen und ein Abbild seiner Arbeit kurz vor dem Rückzug in den Ruhestand darstellen. Er regte zu Fragen an und versprach, seine persönlichen Gedanken zu den Fällen zwischendurch einfließen zu lassen.

Sabine war eine junge Frau, die einem grausamen Täter im Keller ihrer Wohnanlage zum Opfer fiel. Bis zu ihrem Todestag, einem Freitag im Mai, sei sie ein glücklicher Mensch gewesen, zitierte der Autor und schickte sich an, den Hergang des Überfalles zu schildern: „An diesem Mittwoch fuhr Sabine gegen 0.30 Uhr in ihrem gelben Morris Cooper in die Tiefgarage der umgebauten Lagerhalle am Alten Hafen, in der sich ihre Wohnung befand. Sie hatte keine Angst, und nicht einmal der Umstand, dass erst ein Drittel der großen Studios mit Blick auf die Hafenanlagen bewohnt war, flößte ihr Furcht ein. Die Stille wurde nur unterbrochen vom Summen der blassen Leuchtstoffröhren an der Garagendecke. Sie stieg aus und nahm die Mappe mit den Zeichnungen vom Beifahrersitz. Der Galerist hatte sie gebeten, für einen reichen Sammler exklusiv eine Handvoll kleiner Tuscheskizzen vom verlassenen Hafengelände anzufertigen.

Ein bestialischer Mord

Sie ging zur Rampe, um das Garagentor zu schließen. Die Zufahrt wurde von zwei Lampen beleuchtet, die an alte Schiffslaternen erinnerten. Der Himmel war klar und tiefblau, voller Sterne. Eine schlaflose Silbermöwe mit schneeweißen Flügeln schwebte lautlos unter dem Mond dahin wie ihr eigener Geist, dem Wasser entgegen. Die ganze Welt lag unter einem, auch die neue Wohnanlage, die hier am Wasser gebaut wurde. Legohäuser, weiße Betonquader mit bodentiefen Fenstern, modern und sauber, wie Sabine es gern hatte.
Sie zog an der Kette, die das Rolltor in Gang setzte, wandte sich ab und ging zur Eisentür, die zum Treppenhaus führte. Als sie an einem der Stützpfeiler vorbeikam, bemerkte sie einen nassen Fleck über dem reflektierenden Leitstreifen und darunter die glitzernden Scherben einer zerbrochenen Wodkaflasche“.

Bereits an dieser Stelle befiel die Zuschauer eine Ahnung dessen, was sich wenig später als kaum nachvollziehbares Geschehen über den Saal legen sollte: der bestialische Mord an der lebensfrohen Sabine. Besonders die akribischen Aufzeichnungen des überaus intelligenten Täters sind dazu angetan, das Ausmaß möglicher Grausamkeiten bildhaft darzustellen: „Er malte ein kleines Messer in sein Diagramm. Angst: 5 Grad. Es war kein Entsetzen oder Grauen gewesen, nur ein kurzes Aufflackern. Kampf: 10 Grad. Stiche in Bauch, Brust, Gesicht: 24 Grad. Ein winziges Messer folgte dem vorangegangenen, einige höher, andere tiefer, wie die Noten einer Partitur. So hatte er es sich vorgestellt, die Erfüllung seiner Fantasien. Sein Blut schäumte, sein Puls raste, und die Messer tanzten“.

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