Achim Ein Platz für die Trauer

Achimerinnen gründen eine Gruppe für Eltern von Sternenkindern. Das Ziel: Mit anderen Betroffenen reden.
03.11.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Tina Hayessen

Sternenkinder, das sind Jungen und Mädchen, die nur kürzeste Zeit in dieser Welt verbringen durften. Sie starben vor, bei oder kurz nach der Geburt. Dass auch diese winzigen Geschöpfe betrauert werden, ist lange Zeit ein Tabuthema gewesen – und ist es für viele Menschen noch. Zwei Sternenmütter aus Achim, die selbst miteinander viel über ihre Situation sprechen konnten, wollen nun eine Gruppe ins Leben rufen. Das Ziel: gemeinsam über die Kinder reden und das Erlebte gemeinsam verarbeiten.

Matilda steht auf der roten, mit bunten Sternen beklebten Schachtel. Darin liegen Ultraschallaufnahmen, ein positiver Schwangerschaftstest, eine Plüschsspieluhr – auch ein inzwischen leerer, rosa Heliumballon und ein von Kinderhand gemaltes Bild. Das, was in dieser Schachtel steckt, erinnert an ein Mädchen, das nicht viel von der Welt erlebt hat. Matilda ist ein Sternenkind. Sternen-, Schmetterlings- oder auch Engelskinder – das sind Begriffe für Babys die vor, während oder direkt nach der Geburt sterben. Als Kinder, als Menschen, werden sie längst nicht von allen Seiten angesehen. Noch bis ins vergangene Jahr waren sie juristisch gesehen nicht existent. Sie konnten noch nicht einmal bestattet werden. Das hat sich zwar geändert, doch noch immer haben Eltern von Sternenkindern ihre ganz eigenen Sorgen. Etwa, wenn die Umgebung der Trauer mit pragmatischer Kälte begegnet.

Die rote Schachtel, der kleine Schatz, der von Matildas kurzem Leben erzählt, ist für die Familie wichtig, erklärt ihre Mutter Kerstin Flato. „Unsere älteste Tochter hat Matilda einen Brief geschrieben“, zählt sie einen weiteren Gegenstand auf, der in der Schachtel steckt und davon zeugt, dass es Matilda gab, dass sie geliebt wurde und dass sie Spuren hinterließ. Jeder Gegenstand hat seine eigene Geschichte. Die Plüschspieluhr lag wochenlang immer wieder auf dem Schwangerschaftsbauch, in dem Matilda schlummerte, der rosa Ballon wehte im Wind, als das Mädchen auf dem Bierdener Friedhof begraben wurde. 520 Gramm wog Matilda bei ihrer Geburt – in der 25. Schwangerschaftswoche hatte sie keine Chance, zu überleben. „Ich weiß nicht, ob die Hebamme das Handtuch auf der Waage hat liegen lassen“, deutet Kerstin Flato eine mögliche Trickserei an. Denn 500 Gramm, das ist eine Größe, der im deutschen Recht besonderes Gewicht zukommt. Bis zum Frühjahr 2013 konnte man Kinder, die bei der Geburt weniger wogen und starben, nicht einmal beerdigen lassen, sie galten schlicht nicht als Menschen. Noch immer spiele diese Grenze eine große Rolle, betont Flato. Mutterschutz nach der Geburt, Nachbetreuung durch eine Hebamme – das hätte sie mit einem 21 Gramm leichteren Kind nicht bekommen, erklärt sie. „Das war mir vorher nicht klar, woher auch, selbst die Krankenkasse musste prüfen, ob ich ein Recht darauf habe.“

Deutlich leichter, 120 Gramm, war Ben bei seiner Geburt. Er war der Sohn von Stefanie Gebers, sie ist eine Freundin von Kerstin Flato und bekam ihren Sternenjungen am 19. September 2013 – dass sie Wehen hatte, dass sie eine Geburt durchhielt, wie andere Mütter auch Wochenbettblutungen hatte, spielte für den Gesetzgeber keine Rolle. „Damit soll man dann zurück ins Büro?“, fragt sie, betont aber gleich, dass es ihr nicht um die Arbeitszeit gehe. Ohnehin noch in der Elternzeit von der älteren Tochter, habe es deswegen keine Probleme gegeben. Und natürlich werde man in einem solchen Fall krank geschrieben, ergänzt Kerstin Flato. „Aber das ist anders, es geht einfach auch um die Wahrnehmung.“

Wie die Umgebung damit umgeht, dass ein Paar ein Sternenkind betrauert, ist so unterschiedlich, wie die Menschen an sich, erklären die beiden Frauen. „Ich habe schon alles erlebt“, erinnert sich Gebers an die vergangenen Monate. Wahre Empathie und echte Tränen in den Augen der Gesprächspartner habe sie gesehen, aber auch Kommentare gehört, die ihr das Blut gefrieren ließen. „Wir müssen dann jetzt schon wissen, ob Sie noch ein Kind kriegen wollen oder nicht“, habe ihr früherer Chef sie gefragt – nur zwei Wochen nach der Beerdigung von Ben. Auch Flato erinnert sich an Reaktionen, die sie noch immer kaum verstehen kann: „,Du hast ja schon drei Kinder!’ habe ich gehört oder ,Du bist noch jung, da kann ja noch eins kommen.’ Trotzdem habe ich doch in dem Moment eine Tochter verloren“, ringt die Mutter um Verständnis. Außerdem haben die Familien in ihrer Situation herausgefunden, dass es mehr Sterneneltern in ihrem Umkreis gibt, als sie geglaubt haben. Allein drei Arbeitskollegen ihres Mannes hätten, einmal mit dem Thema konfrontiert, verraten, dass auch sie ein Kind so früh verloren haben, erzählt Gebers. „Es ist eben immer noch ein Tabuthema“, ist sie sich sicher. Sterneneltern blieben mit ihrer Trauer oft für sich – auch wenn die beiden Mütter beobachtet haben, dass Jüngere sich immer öfter auch öffentlich zu ihren Kindern bekennen. Offen um sie trauern.

Sie hätten noch Glück gehabt, in der jeweils anderen eine Gesprächspartnerin gefunden zu haben, halten Kerstin Flato und Stefanie Gebers fest. Nur die Erfahrungen der Freundin habe sie etwa darauf gebracht, ihr Kind kurz nach der Geburt zu fotografieren, gibt Flato ein Beispiel davon, wie wichtig so ein Austausch sein kann – auch vor der Geburt. Zwar habe sie auch ein paar Bilder von Ben, erklärt Gebers und zeigt die wenigen Aufnahmen des winzigen Körpers mit der fragilen, fast durchsichtigen Haut. „Aber ich hätte so gerne mehr und auch andere.“

In der Familie habe man die Sternenkinder natürlich ebenfalls betrauert, wobei sich manche Menschen als viel stärkere Stützen entpuppten als erwartet. Mit großer Begeisterung skizziert Stefanie Gebers, wie der Vater von Ben unglaubliche Kraft bewies, als sie sie so dringend brauchte. „Das hat uns noch stärker zusammengeschweißt“, ist sie sich sicher. Kerstin Flato ist besonders von ihrer Tochter überrascht, sechs Jahre alt war sie, als Matilda tot geboren wurde. „Sie ist wie eine Trauerexpertin, sie geht völlig offen damit um, das macht es leichter.“

Dass nicht alle Sterneneltern jemanden haben, mit dem sie reden können, wissen Flato und Gebers. Und sie wollen daran etwas ändern – zumindest für ihre direkte Umgebung. Ein Austausch von Sternenmüttern und -vätern sowie betroffenen Geschwistern und Großeltern ist das Ziel der Beiden. „Egal ob es drei Monate, drei oder dreißig Jahre her ist. Für ein Gespräch unter Betroffenen ist es nie zu spät“, finden sie und laden für den 9. November um 19.30 Uhr zu einem ersten Treffen im Achimer Kasch (Kulturhaus Alter Schützenhof) ein.

Für Rückfragen stehen die beiden Frauen unter sternenelternachim@gmail. com zur Verfügung.

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