Handball-Oberliga

Aus dem tiefsten Tal

Hinter der SG Achim/Baden liegt eine besondere Saison. Das war sie nicht nur wegen des plötzlichen Endes. Denn die Achimer legten nach einem schwachen Start eine starke Aufholjagd hin.
16.04.2020, 18:00
Lesedauer: 6 Min
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Aus dem tiefsten Tal
Von Florian Cordes
Aus dem tiefsten Tal

Der Moment der Erlösung: Nach dem Heimspiel gegen Elsfleth feierte die SG Achim/Baden ihren ersten Sieg der Saison.

Ingo Wächter

Nach dem Regen scheint die Sonne. Oder anders gesagt: Einem Tief folgt ein Hoch. Dass in dieser alten Weisheit jede Menge Wahrheit steckt, hat die SG Achim/Baden während der Saison 2019/2020 in der Handball-Oberliga Nordsee intensiv zu spüren bekommen. Die Achimer finden sich nach der abgebrochenen Spielzeit im grauen Mittelfeld der Tabelle wieder. Das klingt nach wenig Spektakel. Dennoch liegen Monate hinter dem Team, die so schnell wohl niemand vergisst. Es war eine besondere Saison für SG-Coach Tobias Naumann und seine Mannschaft – und das nicht nur wegen des abrupten Endes in Folge der Corona-Pandemie. Das zeigt unser Rückblick.

Vorbereitung voller Verletzungen

Sie gehören zum Sport, gebrauchen kann sie aber niemand – Verletzungen. Entwickelt sich dann noch eine echte Verletztenmisere, bringt dies jeden Trainer an den Rand der Verzweiflung. Mit solch einer Lage musste Tobias Naumann bereits vor dem ersten Saisonspiel zurechtkommen. Viele seiner Spieler zogen sich Blessuren zu oder schleppten sich angeschlagen durch die Vorbereitungszeit. Erik Schmidt und Noah Dreyer, der die Achimer im Sommer in Richtung TV Oyten verlässt, zogen sich Bänderrisse zu. Jannis Jacobsen klagte während der Wochen der Vorbereitung über Oberschenkelprobleme. Während der Saison musste Naumann zudem immer wieder auf Steffen Fastenau verzichten. Und dann waren da noch zwei Verletzungen, die der SG richtig wehtun sollten: Der stets gesetzte Kreisläufer Fabian Balke riss sich die Achillessehne. Bei Tobias Freese, der wurfgewaltige Rückraumspieler, der gerade erst als Königstransfer vom TV Cloppenburg nach Achim vermeldet wurde, wurde ein Kreuzbandriss diagnostiziert. Balke und Freese kehrten entsprechend erst im Jahr 2020 auf das Feld zurück.

Trotz der widrigen Umstände blieb Naumann vor Saisonbeginn aber relativ gelassen. Er wollte nicht jammern. „Die Vorbereitung hat sich wegen der Verletzungen leider nicht so entwickelt, um richtig zuversichtlich auf den Start zu blicken. Aber wir müssen jetzt das Beste daraus machen“, sagte der Trainer im August 2019. „Es nervt natürlich, dass wir das Feintuning noch nicht so hinbekommen haben. Wir gehen fit in die Saison. Aber in Sachen Abstimmung werden zunächst ein paar Dinge noch offenbleiben.“

Der schwache Start

Dass das Feintuning und die Abstimmung fehlten, sollte sich bei der SG auf Anhieb zeigen. Zum ersten Saisonspiel fuhren Naumann und Co. zur TSG Hatten-Sandkrug. Der Klub aus dem Kreis Oldenburg zählt nicht zu den Schwergewichten der Oberliga Nordsee. Doch die Achimer waren in Hatten chancenlos. Sie kassierten zum Auftakt eine heftige 17:28-Klatsche. Eine Woche später setzte es beim späteren Drittliga-Aufsteiger ATSV Habenhausen eine weitere Pleite mit elf Toren Unterschied (14:25). So mancher Beobachter der Liga unkte bereits, dass die SG mit ihrer stolzen Vereinshistorie in dieser Saison zu den größten Abstiegskandidaten zählt. Die Achimer sollten sich nach den beiden Abfuhren zwar steigern und ihre Oberliga-Tauglichkeit unter Beweis stellen, ein Problem hatte jedoch Bestand: Das Team blieb erfolglos. Die ersten acht Saisonspiele wurden allesamt verloren. Die vielen Verletzungen aus der Vorbereitung, sie zeigten Wirkung. Obwohl die SG Achim/Baden das Tabellenende zierte, hielt Teammanager Cord Katz am Trainer fest. Er vertraute Tobias Naumann, er glaubte, dass mit ihm die Wende gelingen würde.

Die emotionale Erlösung

Wie groß der Druck auf den Coach nach dem desaströsen Start war, zeigte sich am Abend des 23. November. An diesem Tag trug die SG ihr neuntes Saisonspiel aus. Zu Gast in der Gymnasiumhalle war der Aufsteiger Elsflether TB. Ein Sieg war für die Achimer Pflicht. Eine weitere Niederlage hätte schlimme Auswirkungen nach sich ziehen können. Das wussten alle Beteiligten. Doch soweit sollte es nicht kommen. Die Achimer siegten. Wobei der erste Erfolg der Saison nicht dramatischer hätte zustande kommen können. Beim Abpfiff stand es 21:20 für die SG. Der ETB hatte aber noch die Chance zum Ausgleich. Der frühere SG-Spieler Florian Doormann führte noch einen direkten Neunmeter aus. Der Wurf blieb im Block hängen.

Die ersehnte Erlösung, sie war da. Tobias Naumann, der nach dem letzten Wurf des Spiels emotional völlig aufgewühlt war, benötigte einige Minuten, bis er sich den Fragen zum ersten Saisonsieg stellen konnte. „Dieser Sieg war für uns von sehr großer Bedeutung“, sagt Naumann jetzt nach dem Ende der Spielzeit. „Allerdings waren wir auch in den Wettkämpfen davor nicht weit von einem Erfolgserlebnis entfernt. Deutliche Klatschen gab es nicht mehr.“ Dennoch sei es immens wichtig für sein Team gewesen, zu wissen, dass es nicht nur mithalten, sondern auch wieder gewinnen konnte. Und der Erfolg gegen Elsfleth war der Auftakt einer beeindruckenden Aufholjagd. Bis zum Jahreswechsel verlor die SG Achim/Baden nur noch ein Spiel – zu Hause mit 25:26 gegen den HC Bremen. Diese Niederlage war vermeidbar. Sie verhinderte eine noch bessere Bilanz. Die durfte sich aber auch so sehen lassen: Aus den Saisonspielen neun bis 13 holte die Naumann-Sieben 7:3 Punkte.

Der aufmüpfige Außenseiter

Zwei dieser Zähler schnappte sich die SG bei der ambitionierten HSG Delmenhorst. Der Außenseiter hatte dem Favoriten aus der Delmestadt beim 32:26 überraschend ein Bein gestellt. Und die Achimer wurden im Jahr 2020 noch einige weitere Male aufmüpfig, wenn sie auf vermeintlich übermächtige Kontrahenten trafen. Gleich in der ersten Begegnung im Januar bestätigte die SG den Eindruck, dass mit ihr in der Oberliga wieder zu rechnen war. Bei der HSG Schwanewede/Neuenkirchen, die zwar als Aufsteiger in die Saison gegangen war, das allerdings mächtig aufgerüstet, gewannen die Achimer mit 32:31.

Ein noch größerer Coup folgte zwei Wochen später. Der ATSV Habenhausen war als hoher Favorit nach Achim gekommen. Nach einer dramatischen Schlussphase feierten Naumann und Co. auch nach dem Spiel gegen die Bremer. Mit 25:24 rangen sie den künftigen Drittligisten nieder. Der nächste Favorit, der in Achim stolperte, war die SG VTB/Altjührden. Die Friesländer verloren in der Gymnasiumhalle mit 23:25. „In dieser Saison waren schon viele tolle Spiele dabei“, weiß Naumann, dass besonders die Siege gegen die Favoriten die Highlights bildeten. „Natürlich haben diese Spiele besonders viel Spaß gemacht.“

Das abrupte Ende

Die Partie gegen Varel wurde am 1. März ausgetragen. Es sollte – das wusste zu diesem Zeitpunkt noch niemand – das letzte Heimspiel der SG Achim/Baden in dieser Saison sein. Denn es folgte die Corona-Krise, die die sportliche Welt seit Mitte März zum Stillstand bringt. Der Handballverband Niedersachsen setzte den Spielbetrieb zunächst aus und brach die Saison kurz vor Ostern komplett ab. Die Achimer hatten sich zu diesem Zeitpunkt so gut wie aus dem Abstiegskampf verabschiedet. Sie beenden die Spielzeit auf Platz neun. „Wir hatten uns Schritt für Schritt da unten rausgearbeitet“, erinnert sich der Coach an die vergangenen Monate. „Vor dem Abbruch war der endgültige Klassenerhalt für uns ja zum Greifen nah.“

Die Gewinner der Saison

Dass den Achimern nach dem Katastrophenstart – auch ohne die beiden Leistungsträger Fabian Balke und Tobias Freese – die Wende gelang, ist mit vielen Namen verbunden. „Im Grunde könnte ich jeden meiner Spieler nennen“, findet Naumann. Einige seiner Spieler stachen dann aber doch besonders hervor. Da wäre zum einen Jan Wolters, der im Rückraum dann die Verantwortung übernahm, wenn es in diesem Bereich besonders dünn geworden war. Malte Meyer wusste seine Chance ebenfalls zu nutzen. Er vertrat Fabian Balke am Kreis mehr als würdig und entwickelte sich beim Oberligisten zu einer festen Größe. Das zudem nicht nur in der Offensive, sondern auch in der Abwehr. In der Deckung bildete er mit Joost Windßus immer wieder einen starken Innenblock. Der Trainer verzichtet aber dennoch darauf, den einen Gewinner der Saison zu nennen: „Im Prinzip ist die gesamte Mannschaft der Gewinner. Denn es ist uns immer gelungen, die vielen Verletzungen und Rückschläge zu kompensieren.“

Das Fazit des Trainers

Die positiven Eindrücke haben im Jahr 2020 klar die Oberhand bei der SG Achim/Baden gehabt. Dennoch: Tobias Naumann will kein durchweg positives Fazit der Saison ziehen. Er tut sich eher schwer damit, der gesamten Spielzeit, die sechs Partien vor dem eigentlichen Abschluss endete, die Schulnote „gut“ zu verpassen. „Die zweite Saisonhälfte war natürlich gut. Wahrscheinlich sogar noch besser als gut“, sagt Naumann. Aber da war eben auch dieser bittere Start mit 0:16 Punkten. „Wäre uns das nicht passiert, wäre sicher noch mehr drin gewesen. Ein Platz im Mittelfeld ist dann aber eben auch nur mittelprächtig“, beurteilt der Coach das Abschneiden nüchtern. „Für uns ist es aber gut, dass die zweite Hälfte so gut verlaufen ist. Darauf können wir aufbauen. Und sie lässt die erste Hälfte ein bisschen vergessen.“ Wichtig sei Tobias Naumann noch ein weiterer Aspekt: „Die Mannschaft hat eindrucksvoll gezeigt, dass sie in die Oberliga gehört.“

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