Das Interview: Margot Käßmann

„Eine moderne Form der Sklaverei“

Die vielleicht populärste Theologin des Landes, Margot Käßmann, kommt nach Achim. Als Botschafterin von Terre des Hommes spricht sie im Kasch über die Arbeitsbedingungen in der indischen Textilindustrie.
15.01.2020, 17:54
Lesedauer: 6 Min
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„Eine moderne Form der Sklaverei“
Von Björn Struß
„Eine moderne Form der Sklaverei“

Im November 2019 besuchte Margot Käßmann das südindische Tirupur. In der Region arbeiten laut Terre des Hommes etwa 500 000 Menschen in der Textilindustrie, 260 000 von ihnen sind Mädchen und junge Frauen.

Christel Kovermann/terre des hommes
Frau Käßmann, am nächsten Mittwoch besuchen Sie Achim und sprechen über die Arbeitsbedingungen in der indischen Textilindustrie. Für Terre des Hommes haben Sie das Land im November besucht. Inwieweit hat sich Ihr eigenes Konsumverhalten seitdem verändert?

Margot Käßmann: Ich bin auch Teil der Konsumgesellschaft, da will ich mich nicht höher stellen, als Andere. Aber ich war schon früher in Indien und Bangladesch. Das Bewusstsein über die Arbeitsbedingungen ist bei mir daher sehr hoch. Es ist ein Problem, dass immer mehr Kleidung in immer kürzerer Zeit als „Fast Fashion“ unter Bedingungen produziert wird, die wir als Konsumenten nicht verantworten wollen.

Wie reagieren Sie, wenn Sie in einem Kaufhaus eine schöne Hose entdecken? Zücken Sie sofort das Handy, um etwas über die Arbeitsbedingungen herauszufinden, oder folgen Sie auch manchmal direkt dem Impuls, zu kaufen?

Ich gebe durchaus auch dem Impuls nach. Ich wünsche mir aber, dass ich auf dem Etikett der Hose erkennen kann, unter welchen Bedingungen sie produziert ist. Der „Grüne Knopf“ ist da ein Anfang. Bei Kaffee kann ich in jedem Supermarkt bereits erkennen, ob er Fairtrade ist. Was ich bei meinem Besuch in Indien noch einmal begriffen habe ist, dass wir die gesamte Produktionskette im Blick haben müssen. Von der Baumwolle mit den Pestiziden auf den Feldern über die Spinnereien bis zu den Färbereien und dann den Nähereien.

Der Grüne Knopf ist ein Siegel für Textilien, die unter guten Arbeitsbedingungen produziert wurden. Aber vergleichbare Siegel stehen in der Kritik, weil sie ihre Versprechen nicht halten können. Ist dies trotzdem der richtige Weg?

Ja, langfristig schon, wenn die Gütesiegel die gesamte Lieferkette im Blick haben. In Indien haben wir auch mit den indischen Mitarbeitern von Terre des Hommes diskutiert, ob es einen Boykott der indischen Textilprodukte geben sollte. Sie waren klar dagegen. Sie haben gesagt, dass sie die Textilindustrie mit den Arbeitsplätzen brauchen. Aber sie brauchen auch die kritischen Konsumenten und Konsumentinnen in Übersee. Einige Firmen aus Deutschland wurden positiv hervorgehoben, weil sie auf die Produktionsbedingungen achten und dies etwas verändert.

Aber die Produkte mit einem „Made in India“ oder „Made in Bangladesch“ im Regal liegen zu lassen, wäre doch viel leichter, als auf Siegel zu vertrauen. Bringt ein solcher Boykott wirklich gar nichts?

Um das Ausbeutungssystem, unter dem vor allem junge Mädchen und Frauen leiden, zu verändern, braucht es den Druck der europäischen Konsumenten. Faire Produktionsbedingungen, Rechtsschutz, Schwangerschaftsschutz, klare Urlaubsbedingungen, klare Arbeitszeitregelungen – das kann dieser Druck bewirken. Wir sollten weniger konsumieren, das ist gar keine Frage. Wir brauchen nicht sechs, acht oder zehn neue Kollektionen pro Jahr, die unsere Wegwerf-Mentalität fördern. 60 Prozent der neu gekauften Kleidung wird nach weniger als einem Jahr weggeworfen. Das ist nicht nachhaltig.

Sie haben vor Ort mit Textilarbeiterinnen geredet. Was haben diese Ihnen erzählt?

Ich war schon vier Mal in Indien, aber diese Arbeitsbedingungen waren wirklich bedrückend und schockierend. Es gab überhaupt keinen Arbeitsschutz. Es herrschte ein Höllenlärm, aber es gab keinerlei Schutz für die Ohren. Die Menschen trugen zum Teil Flipflops neben riesigen Maschinen. Keinerlei Atemschutz, obwohl Baumwolle durch die Halle flog. Auf dem Fabrikgelände gab es Hostels für die Mädchen. Die Arbeitgeber betonten, wie gut dies sei, weil sie dann vor der bösen Umwelt geschützt sind. In diesen Hostels lebten acht Mädchen in einem Zimmer auf dem nackten Fußboden. Sie haben keinerlei Privatsphäre, der Lärm der Fabrik war voll zu hören. Das Fabrikgelände dürfen die Mädchen nur einmal pro Woche zum Einkaufen verlassen, nach Hause zu der Familie geht es nur einmal pro Jahr. Das ist eine moderne Form der Sklaverei.

Moderne Sklaverei ist eine drastische Beschreibung. Empfinden die Arbeiterinnen vor Ort dies auch so, oder sind sie froh, dass sie überhaupt etwas verdienen?

Ich habe nicht erlebt, dass da jemand froh über diese Arbeit ist. Oft bleiben die Arbeiterinnen durch sogenannte Sumangali-Verträge. Wenn sie drei Jahre durchhalten, dann zahlt der Arbeitgeber ihnen einen Bonus, den die jungen Frauen oft als die Mitgift der Braut, den Preis für die Hochzeit verwenden. Das ist ganz oft das Ziel.

Haben Sie sich in Indien als Pastorin vorgestellt oder spielt Religion bei diesem Thema keine Rolle?

Ich war zunächst nur Botschafterin in Indien. Aber es war für mich persönlich sehr spannend, dass mir viele indische Mitarbeiter von Terre des Hommes berichtet haben, dass sie selbst Christen sind. In Indien sind sie eine absolute Minderheit. Aber Christen nehmen in der ganzen Welt immer wieder diakonische Aufgaben wahr, weil das zu unserer christlichen Haltung dazugehört.

Die schlechten Arbeitsbedingungen sind schon seit Jahren bekannt und Organisation wie Terre des Hommes machen immer wieder darauf aufmerksam. Hat sich denn in Indien in der Vergangenheit schon etwas nennenswert verbessert?

Vor etwa fünf Jahren war ich in Bangladesch an dem Ort, wo das Rana Plaza eingestürzt ist. Da sagte man mir, es gab ein großes Erschrecken, danach hat sich aber nicht viel geändert. In Indien sagen die einheimischen Mitarbeiter von Terre des Hommes, dass ihre Arbeit seit 2011 rund 40 000 ehemaligen Textilarbeiterinnen durch Schule und Ausbildung einen Start in ein neues Leben ermöglicht hat. Aber es muss noch mehr passieren, damit es wirklich würdige Bedingungen werden.

Angenommen, ich möchte 100 Euro nutzen, um die Arbeitsbedingungen in Indien zu verbessern. Soll ich das Geld lieber spenden oder damit teure Produkte kaufen, für die hohe ethische Standards gelten?

Da würde ich sagen: 50/50. Eine Spende an Terre des Hommes hilft den Mädchen vor Ort, ein selbstständiges Leben zu führen. Auch die Lobbyarbeit ist wichtig. Trotzdem müssen wir bewusste Konsumenten werden. Wir können nicht aufhören, zu konsumieren, aber wir können bewusster und weniger konsumieren.

Als Pastorin sind sie 2018 in den Ruhestand gegangen, seit 2019 engagieren Sie sich als Botschafterin von Terre des Hommes. Ist der Ruhestand für Sie die Gelegenheit, mehr eigene Schwerpunkte abseits der Kirche zu setzen?

Ich freue mich, dass ich mich in meinem Ruhestand ehrenamtlich engagieren kann. Im kirchlichen Bereich habe ich alle Ämter abgegeben. Das finde ich richtig, weil man den Nachfolgern und Nachfolgerinnen auch ihren Freiraum geben sollte. Deshalb engagiere ich mich nun in nicht kirchlichen Ehrenämtern. Ich bin zum Beispiel auch Herausgeberin der niedersächsischen Straßenzeitung „Asphalt“.

Ohne die kirchlichen Ämter ist es nun natürlich leichter, diese Aufgaben anzunehmen.

Die Alten in unsrem Land haben eine Verpflichtung, sich zu engagieren, wenn sie dies noch können. Unsere Generation hat sehr von einer reichen Gesellschaft profitiert. Deshalb halte ich es für selbstverständlich, davon auch etwas zurückzugeben.

Sie sind auch eine erfolgreiche Buchautorin, am 4. März lesen Sie in der Lunser Kirche St. Cosmas und Damian in Thedinghausen. Man könnte meinen, die Pastorin war für Sie nur ein Nebenjob.

Nein (lacht). Insbesondere als Landesbischöfin oder Ratsvorsitzende der EKD haben Sie keinerlei Spielraum für andere Tätigkeiten. Ich war mit Leidenschaft Pastorin und Bischöfin, freue mich aber, dass ich nun auch Zeit für andere Dinge habe.

Im Februar liegt es nun exakt zehn Jahre zurück, dass Sie die Ämter als EKD-Ratsvorsitzende und Landesbischöfin abgegeben haben. Haben Sie schon ein persönliches Fazit für dieses Jahrzehnt?

Heute vor zehn Jahren, am 15. Januar 2010, konnte ich mir gewiss nicht vorstellen, wie fundamental sich mein Leben seitdem verändern würde. Wenn ich zurückblicke, war der Anfang ein Albtraum. Diese Rücktritte waren wahrhaftig keine angenehme Erfahrung. Aber insgesamt war es ein gutes, wichtiges und positives Jahrzehnt für mich.

Auch nach dem Rücktritt waren Sie ein Aushängeschild der evangelischen Kirche, heute gelten Sie als populärste Theologin des Landes. Sigmar Gabriel wollte, dass Sie als Bundespräsidentin kandidieren. Was muss passieren, dass Sie noch einmal ein großes öffentliches Amt annehmen?

Das möchte ich nicht tun. Jeder Mensch muss wissen, wann die öffentliche Zeit vorbei ist. Es gibt nun eine nächste Generation, die diese öffentlichen Ämter wahrnimmt. Da kann ich sehr gut loslassen, ein solches Amt wäre jetzt nichts mehr für mich. Mein siebtes Enkelkind kommt im übernächsten Monat, da habe ich nun andere Prioritäten. Auch das hat sich bei mir in den vergangenen zehn Jahren verändert.

Das Interview führte Björn Struß.

Info

Zur Person

Margot Käßmann (61)

ist Botschafterin von Terre des Hommes (TDH) und berichtet am Mittwoch, 22. Januar, im Achimer Kasch über die Arbeitsverhältnisse in der indischen Textilindustrie. Im November hat sie mit Engagierten von TDH das Land besucht. Die Veranstaltung ist bereits ausverkauft. Dies gilt auch für Käßmanns Lesung in der Lunser Kirche St. Cosmas und Damian am 4. März in Thedinghausen. Käßmann war von 1999 bis 2010 Bischöfin der Landeskirche Hannovers und von Oktober 2009 bis Februar 2010 zudem Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Im Jahr 2018 ist sie als Pastorin in den Ruhestand gegangen.

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