Kitaplätze in Achim

Eine Option, die eigentlich keine ist

Neue Kitaplätze braucht die Stadt: Daher wollen die Achimer Sozialpolitiker nun die ehemalige Jugendfreizeitstätte Clüverswerder in Augenschein nehmen. Eine Umnutzung wäre aber mit immensen Kosten verbunden.
16.08.2019, 15:44
Lesedauer: 4 Min
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Eine Option, die eigentlich keine ist
Von Kai Purschke
Eine Option, die eigentlich keine ist

Der Landkreis Verden sucht eine Nachnutzung für seine leer stehende Jugendfreizeitstätte Clüverswerder, daher prüft Achim die Umwandlung des Gutshauses in eine Kita.

Fotos: Björn Hake

Nur mal gucken und sich selbst ein Bild machen. Unter diesem Motto dürfte die öffentliche Ortsbegehung stehen, die der Achimer Sozialausschuss vor seiner anschließend im Rathaus stattfindenden Sitzung (18.30 Uhr) am Montag, 26. August, eine Stunde vorher absolvieren wird. Denn die Mitglieder wollen sich die ehemalige Jugendfreizeitstätte Clüverswerder sowie das dazugehörige Gelände ansehen, um anschließend darüber zu befinden, ob sich beides als Kindertagesstätte eignet. Diesen Prüfauftrag hatte die Politik bereits an die Stadtverwaltung gegeben und deren Einschätzung lässt darauf schließen, dass eine Umgestaltung des früheren Landsitzes Clüverswerder hin zu einer modernen Kita sehr unwahrscheinlich ist.

„Es gibt aber die Überlegung und wir werden uns das ergebnisoffen anschauen“, sagt Silke Thomas (Grüne), die Vorsitzende des Sozialausschusses. Doch auch sie weiß, dass sowohl die Lage des Gutshauses und der anderen Gebäude sowie deren stark sanierungsbedürftiger Zustand eher gegen eine Umnutzung sprechen. Das Areal liegt so weit außerhalb des Stadtgebiets, dass es eigentlich nur mit dem Auto gut zu erreichen ist.

Viele Punkte auf der Kontraseite

Dieser Punkt findet sich auch auf der Kontraseite der Prüfungsliste der Stadtverwaltung wieder. „Die Lage wird für viele Familien nur mit dem Privat-Pkw zu erreichen sein und erschließt sich somit nur einem bestimmten Teil der Achimer Familien“, heißt es darin. Auch die zum Ensemble führende Straße ist in weiten Teilen nur einspurig, was das Holen und Bringen der Kinder im Begegnungsverkehr erschwert. Die Abgeschiedenheit sowie die naturnahe und ruhige Lage des Grundstücks, die auch als Positivfaktoren gewertet werden, führen aus Sicht der Verwaltung dazu, dass im Bedarfsfall weder Kräfte von Zeitarbeitsfirmen als Vertretung eingesetzt werden könnten, noch wäre eine dortige Kita an Kooperationspartner oder andere Einrichtungen örtlich angebunden. Über allem schweben aber wie dunkle Wolken die sehr hohen Kosten, mit denen eine Sanierung und ein Umbau verbunden wären.

Die Stadtverwaltung geht davon aus, dass wenn sie lediglich im Hauptgebäude – die Nebengebäude müssten aufgrund ihres Zustands wohl abgerissen werden – drei Gruppen mit rund 70 Kindern unterbringen wollte, die Investitionskosten bei rund 2,5 Millionen Euro liegen würden. Dazu kämen weitere 170 000 Euro für eine Erstausstattung sowie eine knappe halbe Million Euro jährlich für den Betrieb und jährlich 130 000 Euro für den Unterhalt und die Bewirtung des Gutshauses sowie des großen Außengeländes, zu dem auch ein See gehört. Das Fazit der Stadtverwaltung lautet daher: „Die Errichtung ist zu verwerfen.“ Auch alternative Nutzungen wie eine Waldkindertagesstätte oder Jugendarbeit sind aus diversen Gründen laut Verwaltung dort nicht realisierbar.

Dennoch möchten und werden sich die Ausschussmitglieder selbst ein Bild vom Gebäudeensemble machen, das sich inmitten eines Landschaftsschutzgebiets befindet. Denn noch immer gibt es zu wenige Kitaplätze in der Stadt. Im April standen noch 276 Kinder auf der Warteliste, die keinen Betreuungsplatz fürs neue Kita-Jahr bekommen haben. Hinzu kamen zu diesem Zeitpunkt noch 43 Kinder, die für einen Hortplatz auf der Warteliste standen. Aktuelle Zahlen dazu hat Fachbereichsleiterin Wiltrud Ysker auf Anfrage nun für Ende August in Aussicht gestellt.

Allerdings sind Stadtverwaltung und Politik nicht untätig (gewesen), so ist beispielsweise der Kita-Neubau an der Heinrich-Laakmann-Straße in Uesen bereits hochgezogen. Die Inbetriebnahme des Gebäudes ist aber erst für das Kindergartenjahr 2020/2021 geplant. Im August 2021 soll dann auch der Neubau einer Kindertagesstätte neben dem Friedhof Baden fertig sein. Aber auch in Bierden sollen und müssen neue Plätze entstehen. Und der Landkreis Verden wäre nicht abgeneigt, wenn zwischen Bierden und Bollen auf seinem Areal – nämlich in Clüverswerder – per Pacht oder Kauf durch die Stadt Achim weitere Kitaplätze entwickelt werden könnten.

Eigentümer ist der Kreis

Denn der Landkreis ist der Grundstückseigentümer und konnte daher vor wenigen Jahren dort eine Sammelunterkunft für Flüchtlinge einrichten. Zuvor war Clüverswerder eine vom Verdener Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) betriebene Jugendfreizeiteinrichtung. Wie DRK-Kreisgeschäftsführer Dirk Westermann ausführt, hätte der Standort, den das DRK auch extern vermietet hatte, „massiv saniert“ werden müssen mit Kosten von bis zu einer Million Euro. Und so kam ein Weiterbetrieb fürs DRK aus wirtschaftlichen Gründen nicht in Frage. So bleibt derzeit der Landkreis auf den Kosten sitzen, seit 2016 stehen die Gebäude leer. Pro Jahr kostet die Bewirtschaftung des Landsitzes rund 35 000 Euro.

„Wir sind bemüht, dafür eine Nachnutzung zu finden“, erklärt Kreis-Kämmerer Holger Piplat, dass der Landkreis Verden involviert ist. Denn die Lage im Landschaftsschutzgebiet und das Nichtvorhandensein eines Bebauungsplans für das Gebiet und die Gebäude machen sie zu einem ganz speziellen Fall. Der Flächennutzungsplan sieht laut Piplat soziale Zwecke vor, ein Jugendheim etwa – und so eines war Clüverswerder früher ja auch. „Jede Nutzung, die damit nicht in Einklang steht, ist eine baugenehmigungspflichtige Änderung“, sagt er. So müsste auch von der Bauaufsicht der Kreisverwaltung eine Kitanutzung genehmigt werden. Piplat glaubt aber, dass diese „gute Chancen hätte“. Wären da nicht die Kosten und der bestehende Denkmalschutz, sodass ein Verkauf in private Hände nahezu ausgeschlossen sein dürfte.

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