Spieleschmiede in Sottrum Eins werden mit den Karten

Reinhard Staupe stellt aus Hellwege heraus das Programm des Nürnberger-Spielkarten-Verlags zusammen. Er entdeckt dabei außergewöhnlich erfolgreich Spieleperlen. Wie aktuell: "The Mind".
04.06.2018, 16:33
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Eins werden mit den Karten
Von Andreas D. Becker

Hellwege. Reinhard Staupe las die Spielregel, die ihm dieser österreichische Spiele-Autor zugesandt hatte. Er konnte es nicht glauben, was da stand. „Das hat mich umgehauen“, sagt Staupe. „Ich dachte: Wenn das funktioniert, ist es genial.“ Ein Spiel, in dem es im Grunde nur 100 Karten gibt, die die Mitspieler als Team in der korrekten Reihenfolge ausspielen sollen. Der Clou: Keiner darf reden, jeder spielt seine nächste Karte dann, wenn er meint, dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Ist das überhaupt ein Spiel, grübelte Staupe? Denn vielleicht war das auch die Grippe, die ihn ans Bett in seinem Haus in Hellwege fesselte, das Fieber, das ihn im wahrsten Sinne des Wortes umgehauen hatte, die ihn gerade in die Irre führen wollten. „Aber ich sagte dem Autor Wolfgang Warsch, dass er mir einen Prototypen zum Testen senden soll.“

Es war nicht die Grippe, es war nicht das Fieber, das kleine Spielchen namens „The Mind“ war wirklich so brillant, wie Staupe, Redakteur beim Nürnberger-Spielkarten-Verlag (NSV), dachte. „An einem Freitag um 12 Uhr hat der Bote den Prototypen gebracht. 30 Minuten später habe ich es das erste Mal gespielt. Und noch einmal 30 Minuten später habe ich Warsch geschrieben: Ich nehme es!“ Es war mal wieder ein Volltreffer für den NSV und für Staupe. Die Fachwelt ist begeistert, die Kritikerjury, die den weltweit wichtigsten Branchenpreis, das „Spiel des Jahres“, vergibt, hat „The Mind“ nominiert. Fast alle, die „The Mind“ gespielt haben, sind mindestens verblüfft, meistens begeistert.

Was bei der Erstbekanntschaft mit dem kleinen Kartenspiel verwundern mag. Was bitte in aller Welt soll daran Spaß machen, wenn alle am Tisch sitzen, meistens schweigen und warten? Und was ist daran toll, wenn man ab und an eine Karte legt, auf der 35 oder 62 steht? Dem sei gesagt: Es ist spannend. Fürchterlich spannend sogar. Wer nur die Regeln hört, kann sich das kaum vorstellen. Und es spricht für Staupes Scout-Qualitäten, dass er diesen Geist, der in „The Mind“ steckt, sofort erkannt hat.

Der Spielekritiker Udo Bartsch, der bei Würfelzockern, Kartendreschern und Intensiv-Brettspielern ungefähr ein Ansehen genießt wie Bücherpapst Denis Scheck im Literaturbetrieb („Druckfrisch“), hat das Spielgefühl von „The Mind“ in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Spielbox“ so beschrieben: „Wer es nicht erlebt, mag kaum glauben, welch intensive Wirkung dieses Ablegespiel hervorrufen kann. Wie wir einander beobachten. Blicke werfen. Blicke deuten. Spontan loskichern, weil die Anspannung einfach raus muss. Und befreit auflachen, wenn die Gruppe eine knifflige Situation erfolgreich meistert.“

Die Nominierung von „The Mind“ für den Kritikerpreis „Spiel des Jahres“ ist aber auch eine ganz besondere Erfolgsgeschichte von Reinhard Staupe, der seit 2012 aus der Samtgemeinde Sottrum heraus das Programm des Nürnberger Kleinverlags kuratiert. Er ist nicht nur Redakteur und ab und an selbst Autor neuer Titel, er ist vielmehr mit seiner kleinen Spieleschmiede in Sottrum Intendant des NSV. Sein Chef, Franz Jurthe, lässt ihm absolut freie Hand. Wahrscheinlich auch, weil Staupe dem Namen NSV in der Szene der Vielspieler einen Klang gegeben hat. Und weil er einige Blockbuster-Spiele ins Portfolio holte, die sich richtig gut verkaufen.

Wichtigster Baustein dürfte dabei das Würfelspiel „Qwixx“ von Steffen Benndorf sein, ein internationaler Millionenseller. Als Staupe den Prototypen mit seiner Freundin spielte, war er begeistert. Er wusste, dass das Spiel das Zeug hat, ein neues „Kniffel“ zu werden. Solche spielerischen Geistesblitze – so simpel, dass es jeder sofort verstehen kann, trotzdem mit dem entscheidendem Quantum Pfiff – sind rar gesät. Und dann kam 2013 auch die Nominierung zum „Spiel des Jahres“ für „Qwixx“, vollkommen unerwartet, ein Donnerschlag. „Damals sagte ich zu Herrn Jurthe: So etwas erreicht man nur ein Mal im Leben. Als kleiner Verlag kriegen wir das nicht noch einmal hin.“

2015 wurde der NSV erneut für das „Spiel des Jahres“ nominiert. Dieses Mal hatte das Spiel den frechen, weil im Internet via Google unauffindbaren Namen „The Game“. Auch da ging es schon darum, dass alle Spieler zusammen versuchen, den Kartenstapel mit Werten von 2 bis 99 in der richtigen Reihenfolge abzuspielen. Allerdings durfte dabei noch ein wenig geredet werden. Bartsch, der Kritiker, urteilte: „‚The Game‘ schickt die Spieler in eine emotionale Abwärtsspirale. Jede Karte verringert den Bewegungsspielraum, mit jedem Zug wird es schwieriger. Man hofft. Man bangt. Und zwar gemeinsam. Das Finale steigert diese Dramatik.“ Beim Verlag hofften sie natürlich, es würde so weitergehen. „Aber ich sagte, noch mal wird uns so etwas nicht passieren. Doch dann kam ‚The Mind‘ um die Ecke“, erzählt Staupe, mittlerweile seit 22 Jahren im Gesellschaftsspielgeschäft. „Ich habe in dieser Zeit schon rund 1000 Prototypen gesehen, aber so ein Spiel kommt nicht wieder“, ist er sich sicher. Auch wirtschaftlich ist „The Mind“ ein Erfolg. Jetzt schon. „Wir haben noch nie so viele Anfragen von ausländischen Verlagen nach Lizenzen bekommen“, sagt Staupe.

Natürlich könnte man das Spiel recht leicht austricksen, in dem alle zusammen auf ein Zeichen Sekunden zählen. Was aber erstens von der Regel ausgeschlossen wird, denn jegliche Form der Absprache ist untersagt, zweitens wahrscheinlich gar nicht funktioniert, weil jeder im Geiste in einem anderen Tempo zählt, und drittens – was das Wichtigste ist – sich die Spieler mit diesem vermeintlichen Kniff um das Faszinierende an „The Mind“ bringen, nämlich dass die Gemeinschaft am Tisch nach und nach eins wird. Allerdings muss man sich auf dieses Experiment auch wirklich einlassen können. „Es ist wirklich wichtig, dass Stille herrscht und sich alle konzentrieren“, erklärt Staupe, wie man „The Mind“ am intensivsten erleben kann. „Doch nach der Stille, wenn ein Level geschafft ist, entlädt sich alles.“ Er hat mit Andreas Spies, ein Freund und Co-Autor des gerade frisch beim NSV erschienen Spiels „Würfelland“, auch Partien gespielt, bei denen sie die Karten verdeckt abgelegt haben. Sie sind bis zum achten Level gekommen. „Wir waren eine Entität“, sagt Spies. Und danach schmissen sich sich, wie unfassbar gut sie funktionierten. Ein anderer Mitspieler, Alexander, meint zu „The Mind“: „Es ist das unkommunikativste Kommunikationsspiel der Welt.“ Denn natürlich, Watzlawick lässt grüßen, können wir nicht nicht kommunizieren.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+