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Familientreff im Weserstadion

Lucas Höler, Profi des SC Freiburg, und Jan-Moritz Höler, der nun Ex-Ottersberger, sind Cousins. Eine Geschichte über Kindheit, Eifersucht, Verbundenheit und Träume.
08.11.2019, 18:02
Lesedauer: 4 Min
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Familientreff im Weserstadion
Von Patrick Hilmes
Familientreff im Weserstadion

Cousins, die sich eher als Brüder sehen: Freiburgs Profi Lucas Höler (links) und Jan-Moritz Höler.

Oliver Soller

Es war einmal eine Straße in Schwanewede: Da kickten zwei Jungs zusammen, nur aus Lust am Fußball. Passspiel über eine Wand, sich gegenseitig die neusten Tricks vorführen, sich im Eins-gegen-eins messen – was Jungs halt machen, wenn sie jede Möglichkeit nutzen, um das Spiel zu spielen, das sie so sehr lieben. Mittlerweile ist das fast 20 Jahre her. Und heute ist alles anders, heute kicken diese beiden Jungs von damals in anderen Sphären, auf ganz unterschiedlichen Levels. Der eine lief vor Kurzem ins Weserstadion ein und spielte mit dem SC Freiburg gegen den SV Werder Bremen. Der andere hat gerade sein Engagement beim TSV Ottersberg beendet. Die Rede ist von Lucas Höler, dem Bundesligaprofi, und Jan-Moritz Höler, dem nun Ex-Landesligaspieler. Sie sind Cousins, könnten rein äußerlich auch Brüder sein – verschmitztes Lächeln und blondes Haar. Das gilt für damals wie für heute.

Und im Grunde sind und waren beide das auch schon seit jeher. „Wir haben fast schon ein Bruder-Verhältnis“, sagt Lucas. „Er war für mich der ältere Bruder, den ich nie hatte“, sagt Jan-Moritz. Als Lucas am vergangenen Sonnabend ins Weserstadion einlief, da schossen Jan-Moritz auf der Tribüne die Erinnerungen aus ihrer Kindheit in den Kopf – inklusive Gänsehaut. Jede Woche sah der heute 24-Jährige damals seinen ein Jahr älteren Cousin. Deren Väter waren bereits eng verbunden und da beide geschieden waren, unternahmen die Brüder viel gemeinsam mit ihren Söhnen, quasi doppelte Vater-Sohn-Touren. Ab nach Mallorca, wo Lucas' Oma eine Wohnung hatte. Ab zum Zelten auf Usedom. Oder einfach nur ab auf die Straße und kicken. Die Hölers verbrachten viel Zeit zusammen.

Vorbild und Eifersucht

Gemeinsam in einem Verein spielten die beiden jedoch nie: Lucas wuchs in Schwanewede auf, Jan-Moritz in Oberneuland und Borgfeld. „Das wäre für unsere Eltern eine zu große Fahrerei gewesen“, erzählt Lucas. Er schnürte daher erstmals beim FC Hansa Schwanewede die Fußballschuhe, Jan-Moritz tat das beim SV Lilienthal-Falkenberg. Lediglich bei einem Freundschaftsturnier liefen beide mal zusammen auf. Zudem standen sie sich in einem Ligaspiel einmal als Gegner gegenüber – beides damals noch kleine Knirpse. „Ich habe nur Blümchen gepflückt und ihn angeschaut“, erzählt Jan-Moritz lachend. Sein Cousin war bereits damals sein Vorbild. Er selbst wollte auch besser werden, wollte nicht immer im Eins-gegen-eins mit Lucas den Kürzeren ziehen, wie er heute schmunzelnd gesteht.

Kurzzeitig schien das auch im Bereich des Möglichen zu liegen. Jan-Moritz hatte es zum FC Oberneuland verschlagen und wurde als A-Jugendlicher in den Kader der Herren-Regionalliga-Mannschaft beordert. Zwar kam er nicht zum Einsatz, die Hoffnung auf eine Fußballkarriere war nun aber groß. „Mir wurde am Saisonende ein Vertrag vorgelegt, dann aber ging der Verein pleite inklusive Zwangsabstieg“, erzählt Jan-Moritz. Zu diesem Zeitpunkt spielte Lucas bereits beim VfB Oldenburg unter einem gewissen Alexander Nouri. Doch Jan-Moritz hatte seinen Traum noch nicht aufgegeben. Er wechselte über den SC Weyhe und Ottersberg zu Werder III, verpasste jedoch den Sprung in die U23 und somit den nächsten Step. Lucas ging ihn hingegen mit seinem Wechsel zum FSV Mainz 05 II, damals Drittligist. Für Jan-Moritz keine leichte Situation: „Ich war ehrlich gesagt eifersüchtig, aber nicht im negativen Sinne. Ich habe mich immer für ihn gefreut. Doch ich habe mich gefragt, warum er hochkommt und ich nicht. Habe ich zu wenig investiert? Ich habe immer nur gedacht: Ich wäre am liebsten mit ihm dort, wie etwa die Kross- oder die Bender-Brüder.“

Daraus wurde aber nichts: Während die weiteren Stationen von Jan-Moritz Oberneuland, Borgfeld, Bremer SV, Brinkumer SV und wieder Ottersberg hießen, lauteten die von Cousin Lucas SV Sandhausen und SC Freiburg. Die Wege trennten sich somit deutlich voneinander. Das galt auch in der Jugend zeitweise für die Beziehung zwischen den Cousins. Erst im Erwachsenenalter wurde der Kontakt wieder intensiver. „Wir haben heute regelmäßig Kontakt, da er durch seinen Job auch viel in Freiburg ist“, berichtet Lucas, der von der Eifersucht seines Cousins nichts wusste. „So etwas habe ich nie bemerkt. Er hat mich immer gepusht und mir Glück gewünscht.“ Das tat Jan-Moritz auch insbesondere ab dem Wechsel nach Sandhausen in die 2. Bundesliga wieder. Und heute erhascht er gerne mal einen Blick in das Leben eines Profis. „Die ganzen Eindrücke, was hinter den Kulissen los ist, ich habe viele Spieler kennengelernt und es ist ein Genuss, wenn ich bei ihm bin und etwas von diesem Leben miterleben kann.“

Der Traum von Werder

Verändert habe sich Lucas keinesfalls, versichert Jan-Moritz. „Nicht von seiner Art oder Charakter, nur der Akzent hat sich verändert“, sagt er schmunzelnd. Die Jahre in Baden-Würtemberg haben scheinbar Spuren hinterlassen. Das gilt auch für seinen Lieblingsverein, wie Jan-Moritz berichtet: „Wir sind als Werder-Fans aufgewachsen. Er ist aber aufgrund des Abstiegskampfes in der letzten Saison weniger Werder-Fan geworden und ich auch mehr Freiburg-Fan.“ Doch Lucas Höler weiß weiterhin, wo er herkommt. In Achim geboren, nennt er seine Heimat aber Schwanewede, immerhin wuchs er dort auf. Am vergangenen Sonnabend war es mal wieder so weit, dass ihn der Beruf nach Hause führte. „Es war schön, mal wieder in der Heimat zu sein und mit dem Ergebnis kann ich leben.“ Und als Werder-Fan – sei es mehr oder weniger – könnte sich Lucas Höler auch gut und gerne vorstellen, mal in Grün-Weiß aufzulaufen. „Als Ziel würde ich das nicht beschreiben, da ich mich in Freiburg sehr wohl und mittlerweile auch heimisch fühle. Zudem habe ich dem Trainer und dem Verein viel zu verdanken und will das Vertrauen zurückzahlen. Aber irgendwann würde ich gerne zurück in den Norden, da wäre Werder natürlich ein Traum.“

Den Cousin dürfte es freuen, könnte das Familientreffen dann doch wesentlich öfter im Weserstadion stattfinden.

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