Harm Osmers im Interview

„Ich sehne volle Stadien herbei“

Schiedsrichter Harm Osmers pfeift seit vier Jahren Partien in der Bundesliga. Im Interview spricht er über die Geisterspiele in der vergangenen Saison, den Videobeweis und seinen ersten Länderspiel-Einsatz.
17.09.2020, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Maurice Reding und Dennis Glock
„Ich sehne volle Stadien herbei“

Harm Osmers gehört mittlerweile zu den etablierten Schiedsrichtern im deutschen Oberhaus. Der Job macht ihm nach wie vor sehr viel Spaß.

Uwe Anspach/dpa
Herr Osmers, Ihre vierte Saison als Schiedsrichter in der Fußball-Bundesliga war durchaus besonders. Sie haben im August vergangenen Jahres das Eröffnungsspiel zwischen dem FC Bayern München und Hertha BSC Berlin gepfiffen. Anfang dieses Jahres kam die Corona-Pandemie, die eine Unterbrechung der Saison zur Folge hatte. Mitte Mai gab es den Re-Start. Auch das Thema Handspiel war wieder präsent. Was ist Ihnen am meisten in Erinnerung geblieben?

Harm Osmers: Die Saison 2019/2020 wird auf jeden Fall in Erinnerung bleiben, allein schon deshalb, weil es für mich persönlich immer noch etwas Besonderes ist, Spiele in der Bundesliga zu leiten. Der Start war sehr positiv. Dass ich das Eröffnungsspiel leiten durfte, war eine tolle Auszeichnung und eine Ehre. Die ganze Saison stand natürlich unter dem Thema Corona. Das zeigt, dass der Fußball – auch wenn er in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert hat –, bei solchen Themen in den Hintergrund rückt. Für mich war die Saison dreigeteilt: Die Hinserie, Corona und dann ging es wieder richtig los. Es war eine sehr lange Saison, das hatten wir so auch noch nie in der Geschichte der Bundesliga. Das ist sehr besonders und wird deshalb auch in Erinnerung bleiben.

Sie sagten, dass es eine Ehre gewesen sei, das Eröffnungsspiel zu pfeifen. War die Anspannung größer als bei einem „normalen“ Bundesligaspiel?

Eine größere Anspannung hatte ich nicht. Ich fühlte mich sehr gut vorbereitet. Wenn man das erste Spiel der Saison leitet, liegt alles noch vor einem. Ich war sehr positiv gestimmt, gut drauf und habe mich drauf gefreut. Über die Tatsache, dass das Spiel in 200 Ländern gezeigt wird, habe ich nicht nachgedacht. Das habe ich ausgeblendet. Man funktioniert dann.

Also macht es Ihnen nichts aus, vor 75 000 Zuschauern in München oder gar über 80 000 in Dortmund zu pfeifen?

Das macht keinen großen Unterschied. Der Sprung von 50 auf 1000 Zuschauer ist für einen Schiedsrichter heftiger als der Sprung von 10 000 auf 50 000. Wir haben schöne Fußballarenen in Deutschland. Da ist es natürlich gut, wenn wir Stimmung haben. Ich freue mich auf ein volles Stadion. Das schätze ich als Schiedsrichter auch. Dass dann mal gepfiffen oder Druck auf den Schiedsrichter ausgeübt wird, das gehört dazu.

Nach dem Re-Start gab es keine Stimmung in den Stadien, da die Saison mit Geisterspielen beendet worden ist. Was war das für ein Gefühl, in einem leeren Stadion zu pfeifen?

Erst einmal ungewohnt. Es fehlt eine Energiequelle, die für das Spiel in der Bundesliga wichtig ist und wodurch sie sich auch auszeichnet. Das hat man auch in den ersten Spielen gemerkt. Da mussten sich alle Beteiligten neu justieren. Zum Ende hin hat man sich wieder daran gewöhnt. Das zeigt mir auch, dass man sich schnell wieder umgewöhnt. Trotzdem sehne ich natürlich wieder volle Stadien herbei. Das tut dem Fußball einfach gut.

Ist es leichter oder schwerer vor leeren Rängen zu pfeifen?

Es ist anders. Dadurch, dass der direkte Zuschauerkontakt fehlt, fokussieren sich die Spieler mehr auf das Spiel. Das ist natürlich auch für uns Schiedsrichter gut.

Einige Schiedsrichter haben berichtet, dass der Umgang mit den Spielern am Anfang des Re-Starts leichter war, weil nicht jede Szene diskutiert wurde. Haben Sie das auch so wahrgenommen?

Davor war es so, dass man aufgrund der Geräuschkulisse mit den Spielern nicht so viel reden konnte. Jetzt kann man natürlich mehr in die Diskussion gehen und mehr erklären. Mein Eindruck ist auch, dass Corona alle im Fußball geerdet hat. Die Arbeitsatmosphäre, und damit auch der Austausch mit den Spielern, ist gut.

Auch das Thema Handspiel ist ein Stück weit wieder hochgekocht. Können Sie sich erklären warum?

Ich hatte gar nicht den Eindruck, dass das Thema Handspiel die letzte Saison so dominiert hat. Mein Eindruck war, dass es – im Vergleich zu den Vorjahren – ein bisschen abgemilderter und verständnisvoller diskutiert wurde. Eine Komponente kam hinzu, und zwar, dass ein Tor auch nicht mehr unabsichtlich mit der Hand erzielt werden darf. Dadurch kam vielleicht gefühlt wieder mehr das Thema Handspiel in die Diskussion. Das ist eigentlich ein komplett anderer Bereich, weil es nicht um einen Handelfmeter geht, sondern um eine Torerzielung mit der Hand. Das würde ich deshalb trennen.

Verspürten Sie als Schiedsrichter in Ihren ersten Bundesliga-Partien eine gewisse Scheu, wenn Sie den Spielern eine Ansage machen mussten?

Es ist ja nicht so, dass man von heute auf morgen erst in der Kreisliga und dann in der Bundesliga pfeift. Das geht ja Schritt für Schritt, was am Ende auch das Erfolgsgeheimnis ist. Man lernt, mit verschiedenen Spielertypen umzugehen. Die gibt es in jeder Mannschaft. Dadurch ist das kein Sprung ins kalte Wasser.

Sie werden in der Öffentlichkeit häufig als Bremer bezeichnet, obwohl Sie dort nur geboren wurden und in Baden aufgewachsen sind. Wie gehen Sie damit um?

Ich nehme das zur Kenntnis. Ich bin dort geboren, aber meine Heimat ist Hannover. In Baden bin ich beispielsweise gar nicht mehr. Ich lebe jetzt 16 Jahren in Hannover und habe dort Familie. Am Ende des Tages gibt es auch die Verbandsneutralität, die aufgehoben wurde. Unabhängig davon waren auch vorher Spiele mit Bremen-Beteiligung möglich. Ich war auch schon zuvor als Schiedsrichter oder Video-Assistent bei Spielen von Bremen im Einsatz.

Stichwort Videoschiedsrichter: Finden Sie es gut, wie es aktuell läuft oder haben Sie noch Verbesserungsvorschläge?

Der Video-Assistent verbessert die Entscheidungsqualität in der Bundesliga, weil viele Fehlentscheidungen korrigiert worden sind. Das ist erst mal positiv. In der Akzeptanz ist es so, dass Schiedsrichterentscheidungen grundsätzlich nie zum Lieblingsthema im Fußball werden. Es wird immer einen geben, der sich tendenziell benachteiligt fühlt und einer, der vielleicht davon profitiert. Wenn man sich gewisse Szenen aus der letzten Saison noch mal anschaut, wird man feststellen, dass der Video-Assistent gute Arbeit geleistet hat. Er wird mehr akzeptiert als noch vor drei Jahren.

Das Trainingscamp der Schiedsrichter vor der Saison soll durchaus anspruchsvoll sein. Wie sehr müssen Sie sich dort quälen?

Wir nutzen das Trainingslager – genauso wie Mannschaften –, um noch mal trainingstechnisch einen Impuls zu setzen. Deshalb fällt vielleicht der Begriff hart oder anstrengend. Wenn Sie das jetzt einen Spieler eines Bundesligisten fragen, wird er Ihnen vermutlich das Gleiche antworten. Wir machen inhaltlich viel: Themen vom Handspiel bis zum Video-Assistenten, Abseitsbewertung oder Regeländerung. Theorie und Praxis wechseln sich ab, das ist eine gute Kombination. Ich freue mich immer darauf und fühle mich danach gut vorbereitet auf die Saison.

Sie sind seit diesem Jahr Fifa-Schiedsrichter und haben kürzlich in der Nations League das Spiel zwischen Zypern und Montenegro gepfiffen. Was für ein Gefühl war das, Ihr erstes internationales Spiel zu leiten?

Das war eine totale Bereicherung und ist noch mal etwas ganz Anderes. Die Ansprache an die Spieler und alles Drumherum ist auf Englisch, das ist natürlich spannend. In Zypern war ich vorher auch noch nicht. Ich finde es bewundernswert, dass ich als Schiedsrichter überall hinfahren kann, um ein Fußballspiel zu leiten, das immer nach den gleichen Regeln abläuft. Das finde ich faszinierend und schön. Es war ein cooles Erlebnis. Ich würde mich natürlich freuen, wenn noch mehr solcher Spiele dazukommen.

Klingt ganz danach, als wenn Sie mit Leib und Seele Schiedsrichter sind.

Den Schiedsrichterschein vor fast 20 Jahren zu machen, war die beste Entscheidung. Es gibt viele positive Erlebnisse, die man am Wochenende hat. Das sage ich jetzt nicht nur, weil ich in der Bundesliga pfeife. Ich kenne auch Schiedsrichter, die in der Landesliga und der Bezirksliga pfeifen und dabei Spaß haben. Das gibt einfach eine neue Perspektive auf den Fußball, die bereichernd ist. Nicht umsonst gibt es in Deutschland 70 000 Schiedsrichter, die ihrem Hobby mit Leidenschaft nachgehen.

Glauben Sie, dass sich im Fußball durch Corona etwas verbessert?

Ich glaube, dass durch Corona jeder festgestellt hat, wie fragil alles ist. Damit meine ich nicht nur den Fußball, sondern das Leben an sich. Das merkt man im normalen Alltag vielleicht nicht. Aber als Corona kam und es den Lockdown gab, da ist ganz vielen – auch mir – klar geworden, dass das eine echte Vollbremsung und Veränderung ist. Ich glaube, dass jeder durch Corona etwas mehr Demut verspürt. Ich kann aber schwer abschätzen, wie sich das im Fußball auswirken wird.

Wenn Sie einen Wunsch für die kommende Saison frei hätten, was wäre das für einer?

Dass die Schiedsrichter in Deutschland einen sehr guten Job abliefern und das auch so wahrgenommen wird.

Das Interview führten Maurice Reding und Dennis Glock.

Info

Zur Person

Harm Osmers (35)

ist Schiedsrichter und pfeift für den SV Baden. Der Unparteiische leitet seit der Saison 2016/2017 Partien in der Fußball-Bundesliga. Bisher kommt er auf 49 Einsätze im Oberhaus des Profifußballs. In diesem Jahr ist Osmers zum Fifa-Schiedsrichter aufgestiegen und hat sein erstes Länderspiel gepfiffen.

Info

Zur Sache

Lehrgang für angehende Schiedsrichter

Der NFV Kreis Verden bietet demnächst den nächsten Anwärterlehrgang für Fußball-Schiedsrichter an. Unter der Leitung von Lehrwart Daniel Ballin sollen den Teilnehmern an sieben Abenden die Regeln näher gebracht werden. Los geht es am Freitag, 25. September, von 18 bis 21 Uhr. Weitere Termine sind der 27. September (10 bis 12.15 Uhr), 2. Oktober (18 bis 21 Uhr), 3. Oktober (10 bis 14.30 Uhr), 4. Oktober (10 bis 12.15 Uhr) und 9. Oktober (18 bis 21 Uhr). Am 11. Oktober findet in der Zeit von 10 bis 12.15 Uhr ein Vortest statt. Die schriftliche Prüfung müssen die angehenden Schiedsrichter am 14. Oktober ab 18.30 Uhr ablegen. Wer an dem Lehrgang teilnehmen möchte, muss mindestens 14 Jahre alt und Mitglied in einem Sportverein sein. Der Lehrgang findet voraussichtlich im Vereinsheim des TSV Ottersberg, Fährwisch, statt. Anmeldungen nimmt Daniel Ballin per E-Mail an daniel.ballin@sr-verden.de entgegen.

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