Fußball

Zwischen Schmerzlake, Meppen und Brüssel

Deniz Undav, Stürmer des SV Meppen, will sich mit dem Aufstieg in die 2. Fußball-Bundesliga nach Belgien verabschieden.
28.05.2020, 14:45
Lesedauer: 6 Min
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Von Thorin Mentrup
Zwischen Schmerzlake, Meppen und Brüssel

Deniz Undav (Mitte) durfte in der Saison bereits 14 eigene Treffer bejubeln.

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Meppen/Achim. Deniz Undav ist umgezogen. Seine Bleibe ist momentan das Hotel Aselager Mühle inmitten eines Waldgebiets in Herzlake. Die beschauliche 4500-Einwohner-Gemeinde ist Fußballfans bundesweit ein Begriff. Hier bezogen bereits U-Nationalmannschaft des Deutschen Fußballbundes Quartier, auch der SV Werder Bremen war einige Male für ein Trainingslager zu Gast. Vielen Profis, vor allen denjenigen, die unter Felix Magath hierher kamen, ist der Ort als „Schmerzlake“ in zweifelhafter Erinnerung geblieben. Sie konnten die idyllische Umgebung nicht genießen, denn „Quälix“ machte seinem Spitznamen alle Ehre: Die Profis mussten sich bis zur Erschöpfung abrackern.

Undav aber gefällt es in Herzlake. „Es gibt sicher schlechtere Hotels und Fußballplätze“, sagt er und lacht mit Blick auf die gut gepflegte Anlage. Der Fußballer aus Achim, der in der Jugend unter anderem für den TSV Achim, den SV Werder Bremen und den SC Weyhe auflief, bestreitet mit dem SV Meppen, dessen Stadion rund 30 Kilometer vom Hotel entfernt liegt, allerdings auch kein Sommertrainingslager, in dem es in erster Linie darum geht, Kraft und Kondition zu bolzen. Vorbereitung ist dennoch das richtige Stichwort: Undav und der SVM holen sich gerade den letzten Schliff für den Re-Start der 3. Liga an diesem Wochenende. In Herzlake haben die Blau-Weißen am Sonntag ihr Quarantäne-Quartier bezogen. Ein bisschen komisch, sagt der 23-Jährige, sei das schon, „weil man nicht raus darf“. Aber damit müssten schließlich alle Fußballer von der 1. bis zur 3. Liga leben. Allzu viele Gedanken über die Situation mache er sich deshalb nicht. Denn Undav hat mit den Emsländern hohe Ziele: Er will sich mit dem Aufstieg nach Belgien verabschieden.

Dass die Meppener als Vierter mit nur zwei Punkten Rückstand auf Relegationsrang drei und dem direkten Aufstiegsplatz zwei vor den letzten elf Spielen überhaupt von der Rückkehr in die Zweitklassigkeit seit dem Abstieg im Jahr 1998 träumen dürfen, ist mit Undav ganz eng verknüpft: Mit 14 Treffern und 12 Vorlagen in 25 Einsätzen ist er der Topscorer der 3. Liga – noch vor den ehemaligen Bundesliga-Stürmern Sascha Mölders und Philipp Hosiner. In dieser Rolle hatten viele den 23-Jährigen im vergangenen Sommer nicht erwartet. Schließlich war er in der Vorsaison meist zweite Wahl hinter Nick Proschwitz. Der spielt mittlerweile beim Ligarivalen Eintracht Braunschweig – und ist im Emsland kein Thema mehr. Undav hat den zehn Jahre älteren Routinier schnell vergessen lassen. „Dafür habe ich hart gearbeitet. Wir haben eine starke Mannschaft, in der man sich seinen Platz verdienen muss“, sagt der Angreifer, der in den ersten beiden Partien der Saison zunächst auf der Bank schmorte. Als er am dritten Spieltag das erste Mal von Beginn an auflief, schoss er prompt zwei Tore und sein Team beim 4:2 in Chemnitz zum ersten Sieg.

Undav im Sturm eine Macht

Seitdem ist Undav gesetzt, verpasste nur die Partien gegen den KFC Uerdingen wegen einer Gelbrot- und gegen den FC Carl Zeiss Jena wegen einer Gelbsperre. Er ist erste Wahl bei Coach Christian Neidhart. „Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass die Mannschaft und die Trainer dir vertrauen. Das gibt positive Energie.“ Als selbstverständlich erachtet er seine Rolle nicht. „Ich bin in jedes Spiel mit der Einstellung gegangen, dass ich zeigen muss, dass ich zurecht Stammspieler bin“, erklärt er. Auch der Torjäger vom Dienst muss sich jedes Mal neu beweisen. Der große Konkurrenzkampf mache ihn, aber auch das gesamte Team stark.

Nach sechs Treffern in der vergangenen Serie hatte Undav sich vorgenommen, die aktuelle Spielzeit zu seiner Saison zu machen. Er wollte es allen zeigen – und hat das bislang geschafft. Im Herbst startete er endgültig durch, war zwischen dem 26. Oktober und dem 14. Dezember in sieben Spielen an zwölf Toren beteiligt. Undav und Meppen waren in aller Munde. „Man freut sich darüber, wenn die Leute über einen sprechen. Die Schlagzeilen haben mich nach vorn gepusht“, nahm er die bundesweite Aufmerksamkeit als Ansporn, sich weiter zu verbessern. Denn Undav weiß auch: Wenn es nicht läuft, ist man im Tagesgeschäft Fußball schnell wieder vergessen. „Dann redet niemand mehr über dich.“

Doch im Herbst kam an Undav niemand vorbei. Sein Treffer gegen Münster zeigte alle seine Qualitäten in wenigen Sekunden: Nach einem hohen Zuspiel verschaffte er sich robust Platz, umspielte seinen Gegenspieler, den Ball dabei zweimal in der Luft jonglierend, auf engstem Raum, und schloss dann per Heber ins lange Eck ab. „Definitiv mein schönstes Tor in dieser Saison“, sagt Undav. Kaum ein Zweiter in der Liga verkörpert Abschlussstärke und das Auge für den finalen Pass so sehr wie der bullige Angreifer mit den feinen Füßen. Das haben viele der Meppener Kontrahenten schmerzhaft erfahren müssen. So unter anderem die Braunschweiger, die Undav vor zwei Jahren nach dem Zweitligaabstieg den Sprung in die erste Mannschaft nicht zutrauten. Beim 2:1-Sieg markierte der Verschmähte beide Treffer, darunter ein toller Schlenzer, ein „Deniz-Tor“, wie er selbst sagt: „Nicht lange überlegen, sondern den Abschluss suchen.“ An mehr als der Hälfte der 50 Meppener Tore war er direkt beteiligt.

Vorfreude auf den Re-Start

Dieses Gefühl, ein Tor zu erzielen, hat der Stürmer, der auch auf der Zehnerposition spielen kann, in der Corona-Pause vermisst. Das individuelle Training war kein Ersatz. „Erst auf dem Platz und mit den Mitspielern bekommt man das richtige Feeling. Deshalb freuen wir uns alle, dass es jetzt wieder losgeht“, fehlte dem Profi der Wettkampf. Mit dem Heimspiel gegen die Würzburger Kickers am Sonnabend kehrt für ihn wieder Alltag ein. Zumindest ein Stück weit, denn auch die Drittligisten bestreiten ihre Partien ohne Zuschauer. Wie sich das anfühlt, haben die Meppener bei einem internen Test in der heimischen Hänsch-Arena simuliert. Auch die Bundesliga-Partien hat Undav, der sich beim 3:3 in die Torschützenliste eintrug, verfolgt. „Man hat ein bisschen das Gefühl wie bei einem Freundschaftsspiel. Ich bin nicht so der Fan von Geisterspielen, aber ich versuche, das trotzdem locker zu sehen. Wir sind ja nicht die einzige Mannschaft, die ohne ihre Fans auskommen muss. Für uns ist wichtig, dass wir unsere Leistung bringen und uns wie vor der Pause gegenseitig nach vorn pushen.“ Dann ist Meppen schwer zu schlagen, auch wenn viele Klubs finanziell besser aufgestellt sind. „Aber keine Mannschaft ist wirklich besser als wir. Wir sind eine super Truppe“, sagt der Fußballer selbstbewusst.

Elf Spiele in fünf Wochen liegen vor Undav und dem SVM. Es werden intensive Wochen werden. Für den Achimer gilt das ganz besonders, wird er den SV Meppen doch am Ende der Spielzeit nach zwei Jahren verlassen. Sein Vertrag läuft im Sommer aus. Dass ein Stürmer mit seiner Quote den Schritt raus aus der 3. Liga wagt, ist keine Überraschung. Sein neuer Klub war es dagegen schon: Den 23-Jährigen, dessen Marktwert auf 550 000 Euro taxiert ist, zieht es zu Royale Union Saint Gilloise in die zweite belgische Liga. „Ich wusste, dass sich einige darüber wundern würden, aber die Menschen, mit denen ich zusammen bin, wissen, dass mich das Ausland reizt. Der Fußball ist dort anders als hier in Deutschland“, erklärt er seinen Wechsel nach Brüssel, wo Union Saint Gilloise beheimatet ist. Zehn Mal war der Klub belgischer Meister, zuletzt im Jahr 1935. Mit Undav in der Spitze strebt er die Rückkehr in die Eliteklasse an. Diese Vision teilt der Angreifer, der sich auch persönlich entwickeln will. „Ich will weiter an mir arbeiten, kann einige Sachen noch besser machen und will auch in guten Dingen noch stärker werden.“ Helfen kann ihm Thomas Christiansen dabei nicht mehr. Der Ex-Bochumer und -Hannoveraner, der ihn unbedingt verpflichten wollte, ist seit Kurzem nicht mehr Trainer im Duden Park. Er musste den Klub nach Rang vier verlassen. Den Nachfolger Felice Mazzu, der sich beim KRC Genk und beim RSC Charleroi einen Namen gemacht hat, kennt Undav noch nicht persönlich. Mit dem Sportdirektor sei er jedoch auch über seinen Berater regelmäßig in Kontakt.

Eine Bleibe in seiner zukünftigen Heimat hat Undav noch nicht gefunden. Er habe sich schon umgeschaut, „aber darauf liegt jetzt nicht der Fokus. Für mich geht es nur um den SV Meppen“, will der Stürmer seine ganze Kraft erst einmal in seine Mission beim emsländischen Traditionsklub stecken. Denn die ist noch nicht beendet. Im Gegenteil: Sie nimmt gerade wieder richtig Fahrt auf. „Ich habe mir ein klares Ziel gesetzt: Ich will mit Meppen den zweiten Platz erreichen und direkt aufsteigen.“ Das wäre der perfekte Abschied für Deniz Undav – und nicht das erste Mal, dass im beschaulichen Herzlake der Grundstein eines Fußballmärchens gelegt wurde.

Info

Zur Person

Deniz Undav (23)

lernte das Fußballspielen beim TSV Achim. Als Elfjähriger wurde er beim Stützpunktturnier gesichtet: Beobachter des SV Werder Bremen wurden auf ihn aufmerksam. 2007 wechselte er in die Jugendabteilung der Grün-Weißen, wo er fünf Jahre lang ausgebildet wurde. Es folgten zwei Jahre in der Jugendabteilung des SC Weyhe, ehe sich Undav der A-Jugend des TSV Havelse anschloss. Bei den Garbsenern schaffte er 2015 den Sprung in den Seniorenbereich und überzeugte in der Regionalliga, der vierthöchsten deutschen Spielklasse, auf Anhieb mit 16 Treffern und vier Vorlagen. Genauso häufig traf er in der folgenden Saison, legte zudem zehn Tore auf. Im Sommer 2017 schloss sich Undav Eintracht Braunschweig an. Bei den Löwen kam er ausschließlich in der zweiten Mannschaft in der Regionalliga zum Einsatz, war dort in 18 Partien an 13 Treffern (9 Tore/4 Vorlagen) beteiligt. Seit 2018 steht der Stürmer beim SV Meppen in der 3. Liga unter Vertrag und kommt in 60 Punktspielen auf 20 Treffer und 14 Vorlagen. In der kommenden Saison wird er für Royale Union Saint Gilloise in der zweiten belgischen Liga auflaufen.

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