Mehr als 300 Polizisten im Einsatz / Hubschrauber kreist stundenlang über Achim / 434 Verdächtige ermittelt „Fußballfans“ randalieren im Bahnhof

Mehrere Hundert gewaltbereite Anhänger des Fußball-Bundesligaklubs Hannover 96 randalierten am Freitagabend am Achimer Bahnhof. Die Polizei setzte mehrere Hundertschaften ein, außerdem kreiste ein Hubschrauber stundenlang über dem Stadtgebiet.
04.02.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Christian Butt

Mehrere Hundert gewaltbereite Anhänger des Fußball-Bundesligaklubs Hannover 96 randalierten am Freitagabend am Achimer Bahnhof. Die Polizei setzte mehrere Hundertschaften ein, außerdem kreiste ein Hubschrauber stundenlang über dem Stadtgebiet.

Achim. So mitreißend das kleine Nordderby zwischen dem SV Werder Bremen und Hannover 96 (2:0) am Freitagabend auch war – die unschönen Schlagzeilen am Rande des Bundsligaspiels überwogen. Schauplatz war allerdings nicht das Weserstadion, sondern der Bahnhof in Achim. Wie berichtet, randalierten dort "Fans" aus Hannover und sorgten für einen Großeinsatz der Polizei.

Einige Tausend Fußballfans aus der niedersächsischen Landeshauptstadt hatten sich auf den Weg nach Bremen gemacht. Während die meisten friedlich waren, sorgten etwa 150 extrem gewaltbereite Fans für Unruhe. Die sogenannten Ultras hatten sich in einem Regionalexpress unter 500 weitere Fußballfans gemischt. Bereits kurz nach der Abfahrt aus Hannover gingen bei der Bundespolizei die ersten Beschwerden von Mitreisenden wegen Pöbeleien und Rauchens ein. Unbekannte zogen zudem die Notbremse.

Bei dem regulären Halt in Achim stiegen die 150 Ultras aus dem Regionalexpress aus. Sie forderten die anderen Fans auf, ebenfalls auszusteigen und mit dem nächsten Zug weiter zu fahren. Dadurch wollten die Fans die Polizeieskorte vom Hauptbahnhof in Bussen zum Weserstadion umgehen, denn der nachfolgende Zug hätte in Sebaldsbrück gestoppt. Von dort aus wollten die Hannoveraner zu Fuß zum Weserstadion ziehen. Etwa 250 gemäßigte Fans schlossen sich dem Aufruf der Ultras an.

Die begleitenden Polizisten forderten die Menge auf, sich wieder in die Waggons zu begeben. Doch die Fans ignorierten die Ansage und zündeten stattdessen auf dem Bahnsteig bengalische Feuer und Böller. Außerdem kam es zu Rangeleien mit den Beamten; die Einsatzkräfte wurden mit Glasflaschen beworfen. Zahlreiche Hannover-96-Anhänger urinierten auf den Bahndamm oder liefen über die Gleise. "Lebensgefährlich bei durchfahrenden Zügen mit 160 Stundenkilometern", sagt Holger Jureczko, Pressesprecher der Bundespolizei Bremen. Aus Sicherheitsgründen musste die Bahnstrecke gesperrt werden.

Um die Lage in den Griff zu bekommen, wurden mehrere Hundertschaften von Polizei und Bundespolizei aus Bremen und Hannover zusammengezogen. Aufgrund der engen Straßen im Bahnhofsviertel parkten die Einsatzfahrzeuge teilweise auf der Bahnbrücke. Zur Aufklärung und Überwachung kreiste ein Hubschrauber der Bundespolizei über dem Bahnhof. Mehr als drei Stunden lang beobachtete die Besatzung mittels einer Wärmebildkamera das Umfeld der Bahnstrecke. Da der Helikopter ohne Beleuchtung flog, meldeten sich zahlreiche besorgte Achimer beim örtlichen Kommissariat. Zwischen 18 und 21 Uhr zählten die Beamten 200 solcher Anrufe.

Aufgrund der Vorfälle rund um den Achimer Bahnhof verhängte die Polizei gegen die Randalierer ein Betretungsverbot für das Bremer Stadtgebiet. "In diesem Zusammenhang bestand Schulterschluss mit der Bundespolizei, dass Fans nicht den Spielort erreichen, wenn sie unterwegs Straftaten begehen", erläutert Polizeisprecher Holger Jureczko.

Die Randalierer mussten, eingekesselt von Polizisten, zwei Stunden auf dem Bahnsteig ausharren. Erst um kurz nach 20 Uhr kam ein leerer Regionalexpress, mit dem die Fans zurück nach Hannover gebracht werden sollten. Doch viele wollten nicht einsteigen. Die mit voller Schutzmontur ausgerüsteten Polizisten mussten drängeln und schubsen und wurden von den Krawallmachern aufs Übelste beschimpft. "Die Fans haben die Abfahrt mehrfach durch Ziehen der Notbremse und Blockieren der Türen verhindert. Kurzzeitig kam es zum Schlagstockeinsatz", teilt die Bundespolizei mit. Erst gegen 20.40 Uhr konnte der Zug losfahren. Mit an Bord waren drei Hundertschaften von Polizei und Bundespolizei.

Bei der Ankunft in Hannover wurden die Fans in kleinen Gruppen aus dem Zug gelassen. Beamte stellten ihre Personalien fest. "Die Maßnahme wurde bereits im Zug durchgesagt. Minderjährige wurden aufgerufen, sich zu melden, um schneller entlassen zu werden", berichtet Jureczko. Der letzte Hannoveraner habe die Kontrollstelle erst weit nach Mitternacht verlassen können.

434 Verdächtige wurden namentlich registriert. Sie müssen wegen des Verdachts gemeinschaftlich begangenen Landfriedensbruchs, Missbrauchs von Nothilfemitteln, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Sachbeschädigung mit Strafanzeigen rechnen. Wegen der zahlreichen extremen Zugverspätungen sind außerdem zivilrechtliche Forderungen in noch unbekannter Höhe zu erwarten: Von 18.10 bis 20.50 Uhr war die Bahnstrecke Bremen–Hannover komplett gesperrt. Die Bilanz für Bahnreisende: sieben Zugverspätungen, acht umgeleitete Züge und sieben Teilausfälle.

Eike Kristoff Bruns war Zeuge der Auseinandersetzungen in Achim. Zwar fühlte sich der Student aus Kirchlinteln dank des großen Polizeiaufgebotes relativ sicher. "Man hatte das Gefühl, dass die Polizei alles unter Kontrolle hatte." Dennoch ärgert er sich über die Unruhestifter. "Ich wollte selbst zum Spiel. Gerade befinde ich mich an der Uni in der anstrengenden Prüfungsphase und hatte mich sehr auf einen entspannten Abend im Stadion gefreut", erzählt Bruns. Er sei schon spät dran gewesen und wollte den Zug um 19.49 Uhr nehmen. "Sehr ärgerlich, dass kein Zug kam. Ungefähr zeitgleich mit dem Anpfiff um 20.30 Uhr bin ich wieder gegangen, weil es keinen Sinn mehr machte, überhaupt noch nach Bremen zu fahren", sagt er.

Nachdem der Zug der Unruhestifter den Bahnhof verlassen hatte und die Ordnungshüter abgerückt waren, kehrte wieder Ruhe in Achim ein. Die trinkfreudigen Hannoveraner hatten indes unzählige Getränkeflaschen und Dosen zurückgelassen. Ein Flaschensammler witterte das Geschäft seines Lebens. Nach getaner Arbeit schob er mit seinem über und über mit Plastiktüten voll Pfandflaschen behangenem Fahrrad von dannen.

„Fußballfans“ randalieren im Bahnhof

Mehr als 300 Polizisten im Einsatz / Hubschrauber kreist stundenlang über Achim / 434 Verdächtige ermittelt

Zitat:

"Wer randaliert, wird das Spiel nicht sehen."

Holger Jureczko, Sprecher der Bundespolizei

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