Das Interview „Gezielte Förderung muss früh beginnen“

Auf eine Lese-Rechtschreib-Störung reagieren die Schulen zu spät. Dieser Meinung sind Dorit Schmidt und Dörte Meyer vom Kreisverband Legasthenie und Dyskalkulie. Sie fordern ein besseres Lehramtsstudium.
05.02.2020, 16:24
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
„Gezielte Förderung muss früh beginnen“
Von Björn Struß

Legasthenie bezeichnen viele Menschen auch als Lese-Rechtschreib-Schwäche. Das klingt nach einem Mangel an Talent. Andere sprechen von einer Störung, was eher an eine Behinderung erinnert. Welche Bezeichnung ist aus Ihrer Sicht besser?

Dorit Schmidt: Heute spricht man von einer Lese-Rechtschreib-Störung. ‚Schwäche‘ stammt noch von einer früheren Definition, wo man so den Ausfall von Teilleistungen bezeichnete.

Und kann man die Lese-Rechtschreib-Störung auch mit einer Behinderung vergleichen?

Schmidt: Meine Kinder haben sich über diese Frage zu Schulzeiten gestritten (Beide haben eine Lese-Rechtschreib-Störung, Anm. d. Red.). Mein Sohn sagte: ,Ich hab`doch keine Behinderung!‘ Darauf fragte meine Tochter, wie es sich denn anfühlt, wenn er ein Diktat oder Aufsatz schreiben muss. Ob er sich da nicht behindert fühle.

Dörte Meyer: Auch für mich ist es eine Behinderung. Die Kinder haben gar keine Chance, ein Diktat korrekt zu schreiben. Zu Beginn der Schulzeit gilt das auch für das Lesen.

Schmidt: Unsere Tochter war sprachlich immer sehr weit voraus. Sie konnte sich schon früh sehr gut ausdrücken. Aber wenn sie das, was sie im Kopf hatte, zu Papier bringen musste, scheiterte sie. Auch beim Lesen brauchte sie lange, einen Text zu erfassen. Das wirkt sich dann auch auf Mathe aus, weil es schon ab der 3. Klasse Textaufgaben gibt.

Meyer: Unsere Tochter konnte Anfang der 3. Klasse keine Rechtschreibung und fast gar nicht lesen. Nach einem Anruf von der Lehrerin bekamen wir von der Schule die Empfehlung, zu einer Therapeutin zu gehen. Die Therapie der Legasthenie dauerte drei Jahre, zusätzlich habe ich bis in die 5. Klasse jede Woche zwei Stunden mit ihr das Lesen geübt. Erst dann war sie auf dem Stand, den ihr Bruder schon mit sechseinhalb hatte.

Bei Ihnen war es die Lehrerin, der die Störung aufgefallen ist. Kann man davon ausgehen, dass allen studierten Pädagogen das gelingt?

Schmidt: Wir sehen da Defizite im Lehramtsstudium. Manche Lehrer sind sehr gut fortgebildet. Das sind auch diejenigen, die oft unsere Fortbildungen und Fachtagungen besuchen. Andere tun sich damit aber schwer. Eigentlich sollten Lehrer schon in der 1. Klasse die sogenannten Vorläuferfähigkeiten für das Lesen und Schreiben checken. So steht es in einem Erlass der Landesschulbehörde. In der Praxis passiert dies aber immer noch wenig.

Die Fortbildungen besuchen die Lehrer aus eigenem Antrieb. Wird das Thema Legasthenie zu sehr ihrer persönlichen Verantwortung überlassen?

Schmidt: Ja, der Meinung sind wir.

Sind dann umso mehr die Eltern gefordert, wenn sie sich nicht zu 100 Prozent darauf verlassen können, dass die Störung in der Schule erkannt wird?

Schmidt: Heute ist es schon weit verbreitet, dass die Eltern darauf achten und dann auch eine Diagnose haben wollen. Meistens kommt es dazu aber erst am Ende der 2. Klasse. Bis zu diesem Zeitpunkt soll das Lesen und Schreiben angebahnt sein und bis dahin sagen die Lehrer oft: ,Das Kind braucht noch Zeit. Das wird schon.‘

Was sind Alarmsignale, bei denen sich Eltern Sorgen machen sollten?

Schmidt: Wenn einfache, unbekannte Texte am Ende der 1. Klasse gar nicht erlesen werden können und auch einfache Silben noch nicht oder nur stockend erfasst werden. Wenn man merkt, dass ganze Texte aus dem Lesebuch auswendig gelernt werden, anstatt wirklich zu lesen. Dann sollten die Alarmglocken schrillen.

Das Auswendiglernen ist dann ein Trick?

Meyer: Ja, genau. Die Kinder sind ja intelligent. Um diesen Trick zu verhindern, kann man die Texte aber zum Beispiel rückwärts vorlesen lassen.

Wie gehen denn Eltern und Kinder mit der Diagnose Legasthenie um? Ist es ein Schock, oder vielmehr eine Erleichterung, weil es endlich eine Erklärung für die Probleme gibt?

Meyer: Das ist unterschiedlich. Bei mir war es schon ein Schock. In Gesprächskreisen berichten Eltern immer wieder, dass dies aber nur der erste Moment ist und es dann besser wird. So ging es auch mir. Für mich ist es jetzt überhaupt kein Problem mehr. Meine Tochter und ich sind uns einig, dass man gut mit Legasthenie leben kann. Man muss damit nur offen umgehen. Meine Tochter hat sehr davon profitiert, dass sie es den Mitschülern erzählt hat. So hat sie während der Abi-Zeit viel Hilfe bekommen. Das können natürlich auch Eltern machen, allerdings kann es dann manchmal zum Streit kommen.

Wie lange hat es denn gebraucht, den ersten Schock zu überwinden?

Meyer: Wir haben schnell gemerkt, dass sie trotzdem eine gute Schülerin ist. Aber auch das Selbstbewusstsein leidet darunter. Stellen Sie sich mal vor, einen Bruder zu haben, der alles kann und selber können Sie nichts. Dieses Gefühl hat alles überlagert, was sie gut kann. Für sie hat sich das erst jetzt gebessert. Und ich musste sie in der Zwischenzeit immer wieder aufbauen. Man muss auch eine Vier in Deutsch loben, für sie ist das wie eine Eins.

Schmidt: Den Kindern hilft es oft, wenn sie vor Augen geführt bekommen, welche Persönlichkeiten auch Legastheniker sind. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow hat das offen kommuniziert. Auch der Schauspieler Orlando Bloom ist davon betroffen.

Ist es möglich, mit frühzeitiger Förderung diese Beeinträchtigung komplett auszugleichen?

Meyer: Ganz geht das nie weg. Lesen lernen Kinder, die viel zielgerichtet üben, irgendwann. Unsere Tochter kann inzwischen sehr gut lesen.

Schmidt: Beim Schriftlichen brauchen die Betroffenen ein Rechtschreibprogramm. Aber auch das findet nicht alle Fehler, deshalb bleibt eine Unsicherheit.

Ist unser Bildungssystem aktuell in der Lage, ausreichend zu fördern?

Meyer: Mit 26 oder 30 Kindern in einer Klasse? Da hat ein Lehrer keine Chance. Mir tun die Lehrer ganz ehrlich leid, denn das ist einfach nicht möglich.

Schmidt: Der Erstunterricht muss anders laufen. Man muss schneller erkennen, wer von Legasthenie betroffen ist. Das sind etwa fünf Prozent der Bevölkerung, in einer Klasse mit 20 Schülern sitzt also im Schnitt ein Legastheniker! Darauf muss am Anfang das Augenmerk liegen, um dann in Kleingruppen oder einzeln weiter zu fördern.

Sie sagten bereits, dass es die Diagnose Legasthenie oft nicht vor dem Ende des zweiten Schuljahrs gibt. Da sind schon zwei Jahre ins Land gegangen.

Meyer: Bei manchen Kindern sind es auch fünf Jahre. Weil sie so gut auswendig lernen können, dass es keiner merkt.

Schmidt: Rechtschreibtests gibt es schon ab Mitte der 1. Klasse. Schon da kann man gucken, wer eventuell betroffen ist. Die gezielte Förderung muss früh beginnen. Viele Hilfestellungen sind nur in einer Einzelsituation möglich. Ein weiteres Problem sind die Kosten für eine Therapie. Diese müssen in den meisten Fällen von den Eltern getragen werden und eine Therapie ist teuer. Daran muss sich etwas ändern, die Eltern dürfen nicht auf den Kosten sitzen bleiben.

Wann zahlt denn der Staat diese Kosten?

Schmidt: Das Jugendamt zahlt nur, wenn eine seelische Behinderung droht oder besteht. Wenn das Kind aber von einem intakten Freundeskreis berichtet, ist diese Gefahr für das Jugendamt oft nicht gegeben. Laut einer Studie entwickeln etwa 40 Prozent der Legastheniker im Laufe ihres Lebens eine psychosomatische Störung. Schon dadurch müsste klar sein, dass eine seelische Behinderung droht. Aber es würde natürlich erhebliche Kosten bedeuten, wenn das Jugendamt die Therapie von jedem diagnostizierten Legastheniker zahlt.

Wie teuer ist denn eine solche Therapie?

Meyer: Zwischen 100 und 250 Euro pro Monat. Da kommen viele Eltern ins Schwitzen, insbesondere alleinerziehende Mütter.

Schmidt: Wir fordern eine Vierteilung dieser Kosten: Schule, Krankenkassen, Jugendamt und eventuell auch die Eltern sollten sich daran beteiligen.

Meyer: Wenn sie die Kinder früh fördern, gehen die auch nicht den Bach runter. Ein besserer Schulabschluss gibt bei der Ausbildungsplatzsuche mehr Möglichkeiten. Die Kinder werden so auf eine ganz andere Bahn geschickt.

Uns Menschen stehen immer mehr technische Hilfsmittel zur Verfügung. Die Rechtschreibprüfung ist auf dem Computer Standard und wer selbst nicht lesen möchte, kann sich ein Hörbuch herunterladen. Wird es dadurch leichter, mit diesen Beeinträchtigungen zu leben?

Meyer: Da brauchen Sie zunächst aber auch Eltern, die sich diese Hilfsmittel leisten können.

Schmidt: Die Technik ist schon eine große Hilfestellung. Es wäre gut, wenn diese Möglichkeiten auch in der Schule für Legastheniker zur Verfügung gestellt würden. Wer zum Beispiel bei einem Aufsatz die Gedanken nicht zu Papier bringen kann, sollte die Möglichkeit haben, den Text zu diktieren.

Das Gespräch führte Björn Struß.

Info

Zur Person

Dörte Meyer (55) und Dorit Schmidt (62)

sind die erste und zweite Vorsitzende des Kreisverbandes Legasthenie und Dyskalkulie im Landkreis Verden. Der Verband widmet sich bundesweit mit Informationen, Fortbildungen und Beratungen der Lese-Rechtschreib- sowie Rechenstörung. In Niedersachsen zählt der Verband etwa 700 Mitglieder. In einem monatlichen Wechsel zwischen dem Kasch in Achim und dem Niedersachsenhof in Verden organisiert der Kreisverband Infoabende. Die nächsten Termine sind Donnerstag, 13. Februar, in Verden und ebenfalls Donnerstag, 12. März, in Achim. Los geht es jeweils um 20 Uhr.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+