Handball

Diskussion um das leere Tor

Laut einer Umfrage der „Handballwoche“ wünschen sich Trainer eine Abschaffung der Regel „Sieben-gegen-Sechs“. Auch zwei Trainer aus der Oberliga Nordsee der Männer haben sich Gedanken zu dem Thema gemacht.
17.07.2020, 12:31
Lesedauer: 4 Min
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Von Florian Cordes und Michael Kerzel
Diskussion um das leere Tor

Tobias Naumann würde die Regel bei einer Abschaffung nicht vermissen.

Björn Hake

Taucht ein Torhüter im Sport in einer Torschützenliste auf, ist dies nicht selten ein Kuriosum. Auf den Handball trifft dies seit vier Jahren aber nicht mehr zu. Im Sommer 2016 wurde weltweit die Regel „Sieben-gegen-Sechs“ eingeführt. Seitdem können die Trainer den Torwart jederzeit gegen einen weiteren Feldspieler auswechseln, ohne dass dieser mit einem Leibchen gekennzeichnet werden muss. Die Regeländerung hatte folgen. Häufig werden im Spitzenhandball die Bälle auf ein verwaistes Tor geworfen, weil der Keeper gerade auf der Bank sitzt, wenn die eigene Mannschaft im Angriff ist und dort das Spielgerät verliert. Auch der gegnerische Torhüter hat dadurch die Chance, sich in die Torschützenliste einzutragen. Zudem bedeuten Zwei-Minuten-Zeitstrafen für die angreifende Mannschaft kaum noch einen Nachteil, weil sie die Unterzahl durch die taktische Maßnahme ausgleichen kann.

Über den Sinn der Regel „Sieben-gegen-Sechs“ wird bereits seit der Einführung diskutiert. Nun hat die Diskussion neuen Nährstoff bekommen: Das Fachmagazin „Handballwoche“ hat sich unter 38 internationalen Top-Trainern im Männer- und Frauenbereich umgehört, was sie von der Regel halten. Die große Mehrheit votierte für die Abschaffung der Regel. Zu den scharfen Kritikern zählen laut der Umfrage zwei Trainer, die in Deutschland wichtige Posten bekleiden: die beiden Bundestrainer Alfred Gislason (Männer) und Henk Groener (Frauen). „Ich glaube nicht, dass der Handball attraktiver wurde. Im Gegenteil! Die Regel macht das Spiel viel langsamer“, sagte etwa Alfred Gislason der „Handballwoche“.

Auch unter den Bundesliga-Coaches gibt es viele Trainer, die die Regel infrage stellen. Zu den Unterstützern der Initiative, „Sieben-gegen-Sieben“ aus dem Regelwerk zu streichen, gehören unter anderem Filip Jicha vom deutschen Rekordmeister THW Kiel und Maik Machulla vom Vizemeister SG Flensburg-Handewitt. Für eine Beibehaltung der Regel sprach sich unter anderen Dänemarks Weltmeister-Coach Nikolaj Jacobsen aus.

Naumann kein Freund der Regel

Im Profi-Handball nutzen die Trainer das taktische Mittel, den Keeper gegen einen Feldspieler zu tauschen, recht häufig. Doch auch in der Oberliga Nordsee ist dies immer mal wieder zu beobachten – allerdings längst nicht in der Häufigkeit, wie es in der Bundesliga der Fall ist. Geht es nach Tobias Naumann, könne „Sieben-gegen-Sechs“ aus dem Regelwerk gestrichen werden. „Ich wäre nicht traurig, sollte die Regel wieder abgeschafft werden“, sagt der Trainer der SG Achim/Baden. Naumann beurteilt das taktische Mittel ähnlich wie Bundestrainer Gislason. „Wenn ich mir mal ein Bundesliga-Spiel anschaue, finde ich schon, dass die Spiele beim Sieben-gegen-Sechs sehr viel statischer sind. Es gibt viel Stand-Handball zu sehen“, findet der SG-Coach, der mit seinem Team im August vollends in die Saisonvorbereitung einsteigen will.

Dass Tobias Naumann nicht zu den großen Befürwortern der umstrittenen Regel zählt, ist auch während der Begegnungen seiner Sieben zu erkennen. Denn er greift im Grunde nie auf die Möglichkeit zurück, die Torhüterposition gegen einen weiteren Feldspieler für eine gewisse Zeit zu opfern. „Wir haben uns schon auf solche Situationen vorbereitet. Du musst dann aber auch ein richtig gutes Konzept haben“, findet er. Denn klar sei: Wird der Torhüter vom Feld genommen, ist das Risiko groß, ein einfaches Gegentor zu kassieren. Dafür muss im Angriff eben nur der Ball verloren gehen. Auch, wenn sein Team in Unterzahl auf dem Feld steht, verzichtet Naumann meist auf den Keeper-Feldspieler-Tausch. „Und zwar, weil das Risiko meiner Meinung nach überwiegt“, erklärt der Trainer der Spielgemeinschaft.

Überhaupt habe er beobachtet, dass in der Oberliga Nordsee nur die wenigsten Trainer die Regel häufig anwenden. „Die Sache hat sich in der Oberliga nicht flächendeckend durchgesetzt. Der VfL Fredenbeck ist ein Beispiel dafür, dass es Mannschaften gibt, die das Sieben-gegen-Sechs mal intensiver gespielt haben“, sagt Naumann über den Verein, für den er als Spieler selbst aktiv gewesen ist. „Aber nachhaltig hat in unserer Liga eigentlich keine Mannschaft Erfolge mit dem Mittel eingefahren.“

Rademacher sieht ebenfalls ein Risiko

Jörg Rademacher zählt hingegen zu den Coaches, die hin und wieder auf die Möglichkeit zurückgreifen, den Torwart während des Angriffs auf die Bank zu setzen. „Ich bin eher ein Befürworter des Sieben-gegen-Sechs-Spiels, weil man dann mehr Optionen hat – besonders, wenn man zwei oder drei Tore hinten liegt oder mit der Taktik des Gegners nicht zurechtkommt", sagt der Trainer der HSG Delmenhorst. Zudem sei die Auswechslung des Keepers ein gutes Mittel, wenn die eigene Taktik nicht aufgeht, oder um den Gegner zu überraschen. Rademacher: „Als Trainer muss man sich Gedanken machen, wie man diese Option einsetzt. Wir hatten letzte Saison beispielsweise Spiele wie gegen Habenhausen, in denen wir nicht der Favorit waren. Da muss man schauen, was man für Möglichkeiten hat, um im Spiel zu bleiben. Sieben-gegen-Sechs kann dann ratsam sein, da sollte man etwas in der Schublade haben.“

Dass das taktische Mittel auch gewisse Risiken beinhalten, dem ist sich der Coach der Delmenhorst bewusst. „Wenn man den Ball verdaddelt, verwirft oder das Team pennt und zu langsam beim Wechseln ist, fallen natürlich einfache Tore. Die Spieler müssen dafür sehr diszipliniert sein.„ Daher kommt er zu einem gemischten Fazit: “Wenn die Option abgeschafft werden würde, wäre das auch okay. Aber ich hätte sie gerne weiterhin.“

Bloß kein Leibchen

Sollte die Regel dann doch gekippt werden, hofft Rademacher, dass die Handballer nicht zur früheren Regelung zurückkehren. „Überhaupt kein Freund bin ich davon, dass ein siebter Spieler ein Leibchen anzieht und in den Angriff mitgeht. In diesen Leibchen bleiben Spieler hängen, verdrehen sich Finger und Daumen. Bevor man dahin wieder zurückgeht, sollte man es bei Sieben-gegen-Sechs belassen. Es ist ja keiner verpflichtet, das zu spielen. Das Mittel ist mit höherem Risiko behaftet und attraktiv. Wenn man am Ende ein Tor braucht, kann man so alles auf eine Karte setzen.“ In diesem Punkt sind sich Rademacher und Naumann einig. „In der Not, in der man gegen Ende einer Partie alles versuchen muss, um nicht zu verlieren, kann man das Mittel sicher anwenden“, findet Naumann. Und auch eine Rückkehr des Feldspielers im Leibchen möchte er nicht sehen. „Da ist die jetzige Regel schon komfortabler. Vielleicht wäre es ein Kompromiss, in Unterzahl einen sechsten Feldspieler einzuwechseln, um diese auszugleichen. Das würde die Dynamik des Spiels nicht beeinträchtigen.“

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