Handball Ein Anruf verändert das Leben von Jette Dudda

Eigentlich wollte Jette Dudda ihre junge Laufbahn beim SV Werder Bremen fortsetzen. Doch es kam anders: Sie läuft jetzt für den Bundesliga-Nachwuchs des Thüringer HC auf.
07.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jürgen Prütt

Es ist einerseits ein Abschied aus der Heimat, andererseits aber auch die große Chance: Mit 16 Jahren hat Jette Dudda ein neues Kapitel in ihrer noch jungen Karriere aufgeschlagen. Das Handball-Talent aus Verden ist dem Lockruf des Thüringer Handball Clubs (THC) gefolgt. In Erfurt besucht Jette Dudda seit Anfang September das Sportgymnasium „Pierre de Coubertin“. Drei Spiele hat die Rechtshänderin mittlerweile für den Nachwuchs des THC bestritten. Mit den B-Juniorinnen feierte Jette Dudda im sogenannten MDOL-Pokal des Mitteldeutschen Handball-Verbandes Siege gegen den HC Leipzig und den BSV Sachsen Zwickau. Auch der Einstand in der A-Jugend-Bundesligamannschaft des THC verlief vor der coronabedingten Unterbrechung der Saison erfolgreich. Einen Treffer steuerte Jette Dudda am 10. Oktober zum 44:24-Sieg gegen die SG Rödertal/Radeberg bei.

Etwa 330 Kilometer liegen zwischen den Domstädten Verden und Erfurt. Bis zum 18. August war die Landeshauptstadt von Thüringen – zumindest gefühlt – wohl noch weiter entfernt für Familie Dudda. Das sollte sich an jenem Dienstag ändern: Bei Jette Duddas Mutter Susanne klingelte das Telefon. Am anderen Ende meldete sich Mario Goetze, Talentscout des Thüringer HC Erfurt-Bad Langensalza. Er unterbreitete ein verlockendes Angebot: Am Sportinternat in Erfurt sei ein Platz frei geworden – diesen wolle der Klub Jette Dudda anbieten.

Danach ging alles recht schnell. Eine Woche nach der Kontaktaufnahme machte sich Jette Dudda mit ihrem Vater Ulfert auf den Weg. Kennenlernen von Schule und Stadt sowie zwei Probetrainingseinheiten standen auf dem Programm. Ein Höhepunkt war bei der ersten Stippvisite die Übungseinheit der Bundesliga-Frauen des THC. „Das Training mit der Jugend hatte sich um eine Stunde verschoben, wir durften beim Training des Erstligateams zusehen“, berichtet Ulfert Dudda. Einen Tag später hatte Tochter Jette die Verantwortlichen des Thüringer HC überzeugt. Ulfert Dudda: „Wir haben direkt nach der Einheit mit der B-Jugend des THC und auch noch einmal auf der Rückfahrt ein positives Feedback erhalten.“

Das Gymnasium überzeugt

Eine voreilige Entscheidung treffen, das war für Familie Dudda aber keine Option. Man habe eine Pro- und Contra-Liste erstellt, blickt Jette Dudda zurück. Vater Ulfert ergänzt: „Das Leben besteht ja nicht nur aus Handball, die schulische Situation muss auch passen.“ Seine Tochter mit 16 Jahren in eine andere Stadt ziehen lassen, „solch eine Entscheidung will gut überlegt sein.“ Schlussendlich punktete das Sportgymnasium Erfurt mit seinen etwa 450 Schülern – davon 200 im Internat untergebracht – bei Susanne und Ulfert Dudda. Seit mehr als 60 Jahren bietet die Bildungseinrichtung talentierten junge Athleten eine schulische Ausbildung bis zum Abitur, gleichzeitig trainieren die Schüler in elf angebotenen olympischen Sportarten auf leistungssportlichem Niveau. Allerletzte Bedenken waren nach einer Hospitation ausgeräumt – Anfang September gab Jette Dudda dem THC ihr Ja-Wort.

Nun absolviert die junge Handballerin bis zu neun Trainingseinheiten in der Woche. Jedenfalls zu normalen Zeiten. Aktuell muss sich Jette Dudda, die auch dem Kader der deutschen Beachhandball-U17-Nationalmannschaft angehört, mit dem halben Pensum begnügen. „Das Vereinstraining ist ausgesetzt, der Frühsport in der Schule findet aber noch statt“, erzählt die 16-Jährige. Jette Dudda ist eine von 13 Spielerinnen aus den Jahrgängen 2001 bis 2005, die aktuell zudem im DHB-Stützpunkt Erfurt trainieren.

Dass Jette Dudda den Schritt nach Erfurt gegangen ist, verwundert nicht. Denn das Talent wurde ihr in die Wiege gelegt. Vater Ulfert hat seine Schuhe für den damaligen Regionaligisten TSV Verden geschnürt, in der gleichen Liga trug Mutter Susanne das Trikot des TV Oyten. Ulfert Dudda war gemeinsam mit Lars Blatt auch der erste Trainer seiner Tochter. Da es in Verden zu wenig Mädchen gab, spielte Jette Dudda bis zur D-Jugend mit den Jungen der HSG Verden-Aller in einem Team. Im ersten C-Jugendjahr sammelte sie – mit einem Zweitspielrecht ausgestattet – beim TV Oyten Erfahrungen in der Oberliga.

In der gleichen Liga ging es ein Jahr später mit ihrem Heimatverein weiter. In der vergangenen Saison fuhr Jette Dudda erneut zweigleisig. Dieses mal war der SV Werder Bremen der Zweitverein. In der aktuellen Spielzeit hätte es für die Verdenerin nur noch im grün-weißen Trikot des Frauen-Zweitligisten von der Weser weitergehen sollen. So war jedenfalls der Plan – bis der Anruf aus Erfurt kam. „Wir habe von Beginn an mit offenen Karten gespielt. Sowohl Carolin Sunder (Trainerin bei Werder Bremen, Anm. der Redaktion) als auch die Schulleitung vom Domgymnasium in Verden waren involviert“, erläutert Ulfert Dudda.

Dass der Wechsel bei Werder keine Freudensprünge verursacht hat, kann Ulfert Dudda nachvollziehen. „Wer verliert schon gerne kurz vor dem Saisonstart eine fest eingeplante Leistungsträgerin.“ In der A-Jugend des Thüringer HC wird Jette Dudda in diesem Jahr indes nicht mehr auflaufen. Der Grund: Die Zwischenrunde in der Bundesliga wurde vom DHB unlängst abgesetzt. SV Grün-Weiß Schwerin, SG BBM Bietigheim und MTV Hemer werden somit erst im neuen Jahr die Gegner der Mannschaft von Trainer Concalo Miranda sein. Der portugiesische Coach leitet das Training beim Nachwuchs des THC im Übrigen auf englisch. Für die Beachhandball-U17-Auswahl des DHB ist der nächste Lehrgang vom 9. bis 11. November terminiert. Ob Nationaltrainer Frowin Fasold dann Jette Dudda und die weiteren 14 eingeladene Spielerinnen auch tatsächlich auf den Indoorcourts des „Blue Beach“ im westfälischen Witten begrüßen wird, scheint aufgrund der angespannten Corona-Lage jedoch fraglich.

Klare Ziele vor Augen

In Erfurt hat Jette Dudda die Eingewöhnungszeit inzwischen gemeistert. In der Schule und beim THC sei sie gut aufgenommen worden. Mit ihren neuen Mitspielerinnen, sagt sie, habe sie sich von Beginn an gut verstanden. Zudem hat sie klare Ziele vor Augen: Mit der B-Jugend soll die Qualifikation um die Deutsche Meisterschaft her, in den kommenden beiden Spielzeiten will Jette Dudda mit der A-Jugend des THC in der Jugend-Bundesliga eine gute Rolle spielen. Mit dem Wechsel zu der Top-Adresse im deutschen Frauenhandball in der jüngsten Vergangenheit – sieben Mal hat der THC zwischen 2011 und 2018 den nationalen Titel geholt – hat sich die junge Handballerin einen Traum erfüllt. Jette Dudda: „Hätte ich es nicht zumindest versucht, dann würde ich mir das vielleicht mein ganzes Leben lang vorwerfen.“

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