Was macht eigentlich ... ?

Zweigleisige Planung, erstklassige Erfolge

Der gebürtige Achimer Martin Schmidt hat mit dem THW Kiel etliche Titel gewonnen. Heute leitet er mit Erfolg sein eigenes Unternehmen.
08.01.2021, 18:00
Lesedauer: 7 Min
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Zweigleisige Planung, erstklassige Erfolge
Von Jens Hoffmann

Es ist dieser eine Satz, der noch dazu eher beiläufig fällt, aber Martin Schmidt dennoch recht gut beschreibt, sein Wesen, seinen Charakter: „Sport ist die schönste Nebensache der Welt“, spricht der 51-Jährige, „aber es ist eben trotz allem nur eine Nebensache.“ Die Worte als solche sind zugegeben nichts Besonderes, aber sie stammen eben von einem einstigen Handball-Nationalspieler, der lange Jahre zu den besten seines Fachs zählte. Einer, der mit dem ruhmreichen THW Kiel zwischen 1991 und 2003 sieben deutsche Meisterschaften gewann, drei Pokalsiege feierte, zweimal den europäischen EHF-Pokal holte und in 321 Bundesliga-Partien für den THW 461 Tore erzielte. Einer, der an den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta und im gleichen Jahr an der Europameisterschaft in Spanien teilnahm. Einer, der das deutsche Nationaltrikot 42-mal überstreifte. Und einer, der in seiner aktiven Zeit für seinen Ehrgeiz und seinen Einsatzwillen bekannt war.

Aber Martin Schmidt, der gebürtige Achimer, der einst für den TSV Achim und den TV Baden aktiv war, blickte bereits während einer Zeit, in der er Titel an Titel reihte, über den Tellerrand hinaus. Er wusste um die Gefahren und scheinbaren Verlockungen einer erfolgreichen Handball-Karriere. „Im Handball ist es für die meisten nicht möglich, für die Zukunft entsprechend vorzusorgen“, spricht er aus Erfahrung. Die Gehälter sprudeln längst nicht so üppig wie beispielsweise im Fußball, die Vermarktungsmöglichkeiten sind gleichfalls andere, ein Vergleich verbietet sich quasi von selbst. Also machte er schon als Aktiver Nägel mit Köpfen und stellte die Weichen für sein berufliches Vorankommen. Er studierte Betriebswirtschaftslehre in Kiel, erwarb sein Diplom und machte sich später selbstständig. Seine MÖWE Consulting GmbH, deren Geschäftsführer er ist, hat sich auf Personal- und Unternehmensentwicklung spezialisiert, auch Sportler gehören zu den Klienten. „Wir beraten Spieler und Unternehmen“, umreißt Martin Schmidt das Tätigkeitsspektrum seiner Firma, die Ende 2008 gegründet wurde.

Den inneren Schweinehund überwunden

Bis es so weit war, musste das einstige Handball-Ass jedoch mit diversen Widerständen zurechtkommen, wie das eben so ist, wenn man eine zeitraubende Profisport-Karriere und ein nicht minder forderndes Studium unter einen Hut bekommen muss. „Da ging es viel um Selbstdisziplin und darum, den inneren Schweinehund zu überwinden“, blickt Schmidt auf eine anstrengende Zeit zurück. Der Schweinehund bellte mitunter laut und heftig, aber er biss nicht entscheidend zu. Martin Schmidt überwand diese persönlichen Hürden.

Besonders das Jahr 1996 ist ihm dabei nachhaltig in Erinnerung geblieben. Da waren einerseits die herausragenden Eindrücke von den Olympischen Spielen in Atlanta und der EM in Spanien, aber auch die Erkenntnis, dass „ich mehr als 100 Tage mit der Nationalmannschaft unterwegs war“. Von den vielen, vielen Spielen mit dem THW Kiel mal ganz zu schweigen. Wäre es in diesem Stile weitergegangen, „hätte ich mein Studium wohl nicht beenden können“. Doch es kam anders. Andere, jüngere Akteure rückten ins Nationalteam nach, was für ihn letztlich sogar ein Glücksfall gewesen sei. Das Pensum wurde (etwas) geringer, sodass Martin Schmidt sein BWL-Studium erfolgreich abschließen konnte.

Der Handball ließ ihn trotzdem nicht los. Schmidt betreute fortan mehrere Jugendmannschaften der HSG Mönkeberg-Schönkirchen, jener Klub, bei dem er seine Karriere zuvor hatte ausklingen lassen. Das war nur konsequent, weil die Familie Schmidt a) in Mönkeberg vor den Toren Kiels zu Hause ist und weil b) damals auch seine Kinder im Verein aktiv waren. Martin Schmidt hat zwei Töchter, Lene (8) und Lissy (16), und einen Sohn. Und Letzterer ist mit seinen 18 Jahren drauf und dran, in Papas Fußstapfen zu treten. Jesper hat am 19. Dezember bei der Partie in Stuttgart sein Bundesliga-Debüt für den THW Kiel gegeben. Eigentlich gehört er noch dem U19-Kader an. Das unterscheidet ihn von seinem Vater, der nach eigener Aussage alles andere als ein Frühentwickler war. „Ich habe nie in einer Jugendnationalmannschaft gespielt, bin nie großartig aufgefallen“, blickt er zurück. Als Ende 1969 Geborener habe er als Jugendlicher mit 1968ern zusammengespielt, die körperlich viel weiter gewesen seien als er selbst. Also musste Martin Schmidt mit anderen Qualitäten glänzen, versuchen, sich mit seinen individuellen Möglichkeiten ins Blickfeld zu rücken, was ihm nachhaltig gelungen ist.

Wechsel zum großen Rivalen

Seine Entwicklung begünstige damals nicht zuletzt der Wechsel als Jugendspieler vom TSV Achim zum TV Baden, was im Grunde genommen einem sportlichen Sakrileg gleichkam. „Das kam gar nicht gut an“, erinnert sich Schmidt noch sehr genau. Heute kaum noch vorstellbar, herrschte zu jener Zeit zwischen beiden Klubs, die sich längst zur SG Achim/Baden zusammengeschlossen haben, eine heftige Rivalität. Aber für den jungen Handballer war es trotz aller Widerstände genau die richtige Entscheidung. „Die Badener Jungs haben damals in der höchsten Spielklasse, der Oberliga, gespielt.“ Das war Anreiz genug. In dieser Liga konnte sich Martin Schmidt fortan beweisen. Und das gelang ihm. Sein Weg führte schließlich zum Regionalligisten SG Bremen-Ost und von dort 1991 zum großen THW Kiel. 1994 feierte er schließlich sein Debüt in der Nationalmannschaft, mit 23 Jahren. Ein solcher Karriereweg wäre nach heutigen Maßstäben wohl kaum noch denkbar, erst recht nicht, wenn man, wie Martin Schmidt, keine ausgeprägte Vergangenheit in diversen Auswahl-Mannschaften vorzuweisen hat.

In der Bundesliga machte sich das Talent fortan einen Namen als kampfstarker und torgefährlicher Rechtsaußen. „Ich knallte mich voll rein, war eine Kampfmaschine“, erklärt der Linkshänder. Das würde ihn in gewisser Weise von seinem Sohn Jesper unterschieden, und das nicht nur, weil dieser als Rechtshänder auf Linksaußen eingesetzt wird. „Jesper ist ein ganz anderer Typ als ich, zum Glück“, versichert Martin Schmidt schmunzelnd und beschreibt plastisch, was er damit meint: „Es gibt diejenigen Handballer, die beim Torabschluss auf die Schulter knallen und diejenigen, die auf den Füßen landen. Das sind dann die, die auch nach der Karriere noch locker durch die Gegend joggen können.“ Er selber habe zur ersteren Kategorie gehört. Jesper dagegen sei mehr der Techniker. „Gut so“, sagt der Papa, der Wert darauf legt, seinen talentierten Sohn handballerisch in keine Richtung zu drängen. „Er soll sein Abitur machen und eine Ausbildung absolvieren“, sagt Martin Schmidt stattdessen, alles andere werde sich ergeben. Dass professionelle Handballer heutzutage ein Pensum bestreiten müssten, das kaum mehr Raum und Zeit für außersportliche und berufliche Entwicklungen ließe, finde er bedenklich. Das sei zu seiner aktiven Zeit „zum Glück“ noch ein wenig anders gewesen.

Mittlerweile leitet Martin Schmidt sein eigenes Unternehmen.

Mittlerweile leitet Martin Schmidt sein eigenes Unternehmen.

Foto: fr

So setzte er nie komplett auf die Karte Handball, sondern versuchte beides, sportliche Leidenschaften und berufliche Ziele, zu bündeln. Nach seiner aktiven Laufbahn war Martin Schmidt unter anderem sechs Jahre als Marketing-Manager des THW im Einsatz. Auch diese Zeit habe ihn geprägt. Genauso wie die vielen Höhepunkte und wenigen, aber doch schmerzhaften Tiefschläge.

Großartig sei unter anderem seine erste (von insgesamt sieben) deutschen Meisterschaften mit dem THW im Jahre 1994 gewesen. „Das waren Emotionen pur“, schwärmt er noch heute von jenen Momenten, als die junge Kieler Truppe die damals klar favorisierte SG Wallau-Massenheim in der Tabelle tatsächlich hinter sich gelassen hatte. „Damals haben wir praktisch den Grundstein für die nachfolgenden Kieler Erfolge gelegt“, so Schmidt nicht ohne Stolz.

Und er, der in seinen ersten Jahren beim THW durchaus zu kämpfen hatte mit dem für ihn ungewohnten Umfeld – „eine andere Stadt, eine andere Liga, andere Erwartungen und immer 10.000 Zuschauer bei den Heimspielen“ –, war nun endgültig angekommen beim ruhmreichen Verein mit den berühmten Zebra-Trikots. „Mittlerweile bin ich Schleswig-Holsteiner durch und durch“, bestätigt Schmidt, der zwar nur noch selten im heimischen Achim weilt, aber dennoch die alten Kontakte pflege – und das gerne. „Ich hatte eine tolle Jugend in Achim und Baden“, ist er immer noch dankbar.

Angesprochen auf seine größten sportlichen Enttäuschungen muss Martin Schmidt ein wenig nachdenken. Klar, das verlorene Champions-League-Finale 2000 gegen den FC Barcelona sei schmerzhaft gewesen. Damals wurde das Finale um die prestigeträchtigste europäische Vereinstrophäe noch mit Hin- und Rückspiel ausgetragen. Kiel gewann in eigener Halle mit 28:25 und unterlag in Barcelona unglücklich, auch aufgrund einiger diskussionswürdiger Schiedsrichter-Entscheidungen, mit 24:29. Der Traum war ausgeträumt. „Ist aber längst abgehakt“, versichert Schmidt. Noch härter habe ihn das Viertelfinal-Aus im gleichen Wettbewerb drei Jahre später getroffen. Es war die letzte Saison für Martin Schmidt im THW-Trikot. „Wir sind im Viertelfinale ausgeschieden, obwohl die Ausgangslage eigentlich super war.“ Kiel holte bei den Slowenen von Prule 67 Ljubljana ein 33:33, vergeigte aber das Rückspiel in heimischen Gefilden mit 26:28. Dieses Aus nagte an Martin Schmidt. Er wusste, dass es für ihn keine Gelegenheit zur Korrektur geben würde. „So bleibt die Champions League der Titel, den ich nie geholt habe“, bedauert der 51-Jährige, der sich ansonsten wenig mit Was-wäre-wenn-Szenarien beschäftigt. „Ich lebe ganz im Hier und Jetzt“, sagt er stattdessen. Damit sei er immer gut gefahren. Und so freute er sich auch riesig für die nachfolgenden THW-Teams, die eben diesen Titel gewannen, unter anderem erst kürzlich im Finale von Köln.

Ein unscheinbares Foto auf dem Schreibtisch

Martin Schmidt ist dennoch keiner, der seine Vereinsverbundenheit offensiv zur Schau stellt, das würde seinem Wesen nicht entsprechen. In seinem Büro sind die Wände nicht mit alten Trikots geschmückt, sind auch sonst keine THW-Devotionalien zu sehen. Stattdessen steht auf dem Schreibtisch, für Außenstehende kaum merkbar, ein kleines gerahmtes Foto aus vergangenen THW-Tagen. Mehr nicht. Martin Schmidt reicht das. „Es war eine tolle Zeit, aber es bringt nichts, diesen Zeiten hinterherzuhecheln“, sagt er selbst.

Er spielte mit absoluten Weltklasse-Handballern zusammen, unter anderem dem legendären Schweden-Trio des THW, Staffan Olsson, Stefan Lövgren und Magnus Wislander, um nur mal drei besonders prägnante Namen zu nennen. Mit Lövgren gründete er später sogar eine Sportagentur, die er nach dessen Abschied Richtung schwedische Heimat, alleine weiterführte. In der Nationalmannschaft stand er unter anderem mit Torwart Andreas Thiel, Volker Zerbe, Martin Schwalb, Stefan Kretzschmar und seinem Kieler Vereinskollegen Klaus-Dieter Petersen auf dem Platz. Spieler, die den Handball in Deutschland über Jahre prägten. Und Spieler, die letztlich auch Martin Schmidt geprägt haben. Wie gesagt: Geprägt, nicht beeinflusst. Denn der gebürtige Achimer hat stets zweigleisig geplant und entsprechend gehandelt. Wie man sieht: mit Erfolg.

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