Rollstuhlbasketballerin aus Achim im Interview

"Ich bin nicht das arme kleine Mädchen"

Seit knapp zwei Jahren spielt Jana Bozek Rollstuhlbasketball bei den Achimer Lions des TSV Achim. Im Interview spricht sie über die verpasste Europameisterschaft, Fußgänger in der Mannschaft und ihre Ziele.
23.12.2019, 21:44
Lesedauer: 6 Min
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Von Kim Torster
"Ich bin nicht das arme kleine Mädchen"

Jana Bozek (14) wurde im Januar 2019 erstmals zum Training der Damen-Nationalmannschaft eingeladen.

Michael Galian

Frau Bozek, wie sind Sie zum Rollstuhlbasketball gekommen?

Jana Bozek: In Achim wurde ein spezielles Sportprogramm für behinderte Kinder angeboten: Bewegungsspiele, Spiele mit Bällen, sich gemeinsam bewegen. Das habe ich ausprobiert. Nach dem Training kam der Trainer zu mir und hat mich gefragt, ob ich nicht auch Lust auf Rollstuhlbasketballtraining hätte. Dann habe ich mir erst einmal einen Spieltag angeguckt und wollte dann unbedingt zum Training kommen.

Was hat sich durch den regelmäßigen Sport für Sie verändert?

Ich merke, dass ich im Alltag mobiler werde. Ich bin auch besser gelaunt und habe etwas, mit dem ich mich beschäftigen kann. Am Wochenende gucke ich Rollstuhlbasketball-Bundesliga im Fernsehen und auch meine Eltern finden das interessant.

Wie steht's mit dem Selbstbewusstsein?

Ja, ich traue mir schon mehr zu. Am Anfang ist meine Mutter noch mit zum Training gekommen, dieses Jahr bin ich sogar schon allein nach Frankreich geflogen. Das ist schon ein Unterschied.

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Fast hätten Sie mit 14 Jahren im Nationalteam sogar bei der Europameisterschaft gespielt. Woran ist es gescheitert?

Ich habe die Vorbereitungen mitgemacht und wurde dann auch für den 12er-Kader nominiert. Dann hatten wir Testspiele, unter anderem in Frankfurt. Da habe ich dann wegen ungünstigen Pässen und Unaufmerksamkeit zwei Bälle gegen den Kopf bekommen und eine Gehirnerschütterung davon getragen. Ich kann mich auch an die Zeit in Frankfurt nicht mehr so wirklich erinnern. Ich habe dann alles probiert, um wieder fit zu werden.

Inwiefern?

Es waren nur noch zwei Wochen bis zur EM, aber eigentlich muss man so was länger auskurieren. Um schneller wieder fit zu werden, hat der Arzt mir geraten, eine Woche im Bett zu bleiben, im Dunkeln. Das war sehr anstrengend.

Und dann?

Am Ende war es dann so, dass andere Spieler auch angeschlagen waren und der Trainer nicht riskieren wollte, noch mehr Verletzte mitzunehmen. Also war ich raus.

Was ist das für ein Gefühl?

Ich war schon traurig. Ich habe da ja sehr viel Zeit reingesteckt und mir wurde ja eigentlich auch schon gesagt: Du hast es geschafft und kannst mit zur Europameisterschaft fahren. Und zwei Wochen vorher ging es dann doch nicht mehr.

Aber mit 14 Jahren hat man doch noch alles vor sich.

Ja. Das hat unser Trainer auch zu mir gesagt: Dass ich noch sehr jung bin und noch viel erreichen kann. Das weiß ich natürlich auch. Für mich ist es sicher nicht so schlimm wie für andere, für die das die letzte Chance gewesen wäre. Ich kann bestimmt noch 20 Jahre spielen. Und dann werde ich das irgendwann auch schaffen, bei einer Europameisterschaft mitzuspielen.

Sie sind die Jüngste in der Nationalmannschaft.

Ja. Die nächste ist 16 Jahre alt. Die anderen sind so ab 19 bis 30 Jahre alt.

Ist das nicht komisch?

Ich bin es gewohnt, überall die Jüngste zu sein. Ich finde das auch nicht so schlimm.

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Wie kommt das denn? Wo sind denn die anderen in Ihrem Alter?

Einige hier haben erst vergleichsweise spät zu dem Sport gefunden, weil sie erst dazu kommen, wenn sie es müssen. Weil sie einen Unfall hatten oder andere Verletzungen, die sie beim Laufen einschränken.

Aber man muss ja keine Einschränkungen haben, um hier mitzumachen.

Nein, der Sport steht jedem offen.

Wie viele Fußgänger gibt es in der Rollstuhlbasketball-Mannschaft des TSV Achim?

Ungefähr die Hälfte.

So viele?

Ja, wobei noch mal die Hälfte davon dann auch eine Behinderung hat. Rollstuhlbasketball ist ja nicht nur für diejenigen, die gar nicht laufen können, sondern auch für alle, die nicht unbedingt hin- und hersprinten können.

Ein gutes Beispiel für Inklusion.

Ja, Rollstuhlbasketball ist der inklusivste Sport, den es gibt.

Warum sind hier dann nicht mehr Sportler ohne Behinderung?

Andere in meinem Alter kennen Rollstuhlbasketball einfach gar nicht und haben das auch noch nie ausprobiert.

Ist das Ihre Erfahrung aus dem eigenen Umfeld?

Wenn ich erzähle, dass ich Basketball spiele, sind immer alle erst einmal verwirrt. Die fragen dann: Wie geht das? Bist du die einzige im Rolli und die anderen laufen? Und dann erkläre ich, dass hier alle im Rollstuhl sitzen – auch die, die keine Behinderung haben. Ich rate dann auch immer dazu, das einfach mal auszuprobieren.

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Haben Sie schon mal jemanden überzeugt mitzuspielen?

Meine Freundin hat das mal ausprobiert. Die war da auch schon begeistert von. Die anderen aus meiner Klasse sehen das aber eher skeptisch. Für die ist das ein Behindertensport. Ich sag dann immer, dass sie es mal ausprobieren sollen. Es ist ja nicht schlimm, mal im Rollstuhl zu sitzen. Aber sie sagen, es würde sich doof anhören, wenn man sagt, man spielt Rollstuhlbasketball.

Was ist das für ein Gefühl?

Ich versuche sie dann immer zu überzeugen, dass das eine ganz normale Sportart ist. Aber wenn das nicht klappt, denke ich: Sie müssen es ja nicht toll finden. Wichtig ist, dass es mir gefällt.

Meinen Sie, das hat mit Berührungsängsten gegenüber behinderten Menschen zu tun?

Ja. Für viele bin ich auch das arme kleine Mädchen, weil ich im Rollstuhl sitze. Die bemitleiden mich, obwohl das Quatsch ist. Ich bin es ja nicht anders gewohnt und ich komme gut klar. Ich bin nicht das arme kleine Mädchen.

Wie ist das denn für Sie, wenn jemand für diese Sportart temporär in einem Rollstuhl sitzt, obwohl er das gar nicht müsste?

Ich finde das mega gut. Auch weil dann die, die laufen können, auch mal erleben, wie es ist, im Rollstuhl zu sitzen und einen dann vielleicht auch besser verstehen.

Wer ist denn besser: Rollstuhlbasketballer mit oder ohne Behinderung?

Das kann man so natürlich nicht sagen, aber Menschen ohne Behinderung bekommen zumindest eine hohe Punktzahl. Es gibt eine Punkteskala, die die Spieler einteilt und die zum Ziel hat, Einschränkungen, die von Natur aus da sind, auszugleichen. Jemand, der keine Einschränkungen hat, wird mit der Höchstpunktzahl bewertet: 4,5 Punkte.

Aber können Sie nicht viel besser mit dem Rollstuhl umgehen als ein Fußgänger?

Das lernt man schnell.

Für das Training oder Spiele setzen Sie sich in einen anderen Rollstuhl.

Ja, das ist ein spezieller Sport-Rollstuhl.

Was ist der Unterschied?

Die Räder sind schräger, dann ist man schneller und beweglicher. Hinten gibt es Stützräder, damit man nicht nach hinten umkippen kann. Und vorne gibt es diesen Bogen, der die Füße schützt und es gibt Anschnallgurte, damit man nicht bei jedem kleinen Kontakt aus dem Rollstuhl fällt.

Es passiert aber trotzdem.

Ja, halb so wild. Vor allem meine Mutter hat sich Sorgen gemacht, als ich bei einem Spiel zum ersten Mal aus dem Rolli gefallen bin, aber mittlerweile ist sie da ganz entspannt. Sie weiß, dass ich das kann.

Muss man beim Rollstuhlbasketball eigentlich gezielter werfen? Man kann ja nicht mal eben einen Schritt zur Seite machen…

Ich glaube, wir sind genauso beweglich wie die Fußgänger. Aber wir müssen natürlich trotzdem gut einschätzen können, wie wir unsere Pässe spielen.

Was ist Ihr Ziel in dem Sport?

Ich möchte diesen Sport lange machen. Und mich weiterhin mit Menschen darüber austauschen und auch mal Jüngeren, die kommen, Tipps geben können und dafür sorgen, dass der Sport insgesamt bekannter wird.

Ich hätte jetzt erwartet, dass Sie die Paralympics als Ziel nennen...

Ja, klar. Langfristig schon. Ich lasse das mal auf mich zukommen.

Das Interview führte Kim Torster.

Zur Person: Jana Bozek (14) spielt seit knapp zwei Jahren Rollstuhlbasketball bei den Achimer Lions des TSV Achim und wurde im Januar 2019 erstmals zum Training der Damen-Nationalmannschaft eingeladen. Die 14-Jährige wohnt mit ihren Eltern in Mahndorf und besucht die 9. Klasse einer Bremer Oberschule. Wegen einer Rückenmarkserkrankung sitzt Bozek seit dem Kleinkindalter im Rollstuhl.

Zur Sache: Rollstuhlbasketball

Rollstuhlbasketball wird ähnlich gespielt wie klassischer Basketball. Gespielt wird ausschließlich im Rollstuhl, allerdings dürfen auch Menschen mitspielen, die keine Behinderung haben. Ein Punktesystem sorgt dafür, dass die Mannschaften fair besetzt sind. Demnach dürfen maximal fünf Spieler mit einer Höchstpunktzahl von insgesamt 14,5 Punkten aufgestellt werden.

Spieler, die keine Einschränkungen haben, werden mit 4,5 Punkten bewertet. Die niedrigste Punktzahl ist die 1,0 für Menschen mit besonders starken körperlichen Einschränkungen. Diese Klassifizierung soll einen Ausgleich zwischen Menschen mit unterschiedlich starken Behinderungen schaffen und zeigt nicht an, welche sportlichen Fähigkeiten jemand hat. Weil Rollstuhlbasketball auch in gemischten Mannschaften gespielt wird, erhalten Frauen zusätzlich einen Punkt Abzug. Rollstuhlbasketball ist zudem eine Disziplin der Paralympics.

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