Das Interview

„Ich wollte hören, was die Profis sagen“

Der Verdener Lutz Hiller ist am Sonntag, 24. November, in der Show The Voice Senior zu sehen.
20.11.2019, 17:54
Lesedauer: 5 Min
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Von Marie Lührs
„Ich wollte hören, was die Profis sagen“

Wilde Zeiten liegen hinter ihm: Lutz Hiller macht seit über 40 Jahren Musik. Nun stellt er sich im Fernsehen der Jury einer Castingshow.

Karsten Klama
Am Sonntag sind Sie bei der Castingshow The Voice Senior zu sehen – ein Millionenpublikum wird den Auftritt vor dem Fernseher verfolgen – wie fühlt sich das an?

Lutz Hiller: „Prominent“ würde ich sagen. Die ganze Produktion, die Leute, das Team, auch meine Mitstreiter – das war alles klasse. Ein sehr schönes Gefühl, das ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr hatte.

Sie haben aber auch vorher schon auf der Bühne gestanden.

Ich war 25 Jahre Teil der Band Die Brut. Wir haben auf kleinen Bühnen gespielt in Kneipen und Pubs, aber auch in der Markthalle und in der Großen Freiheit in Hamburg. Da waren wir Vorband für die Abstürzenden Brieftauben. Ganz am Anfang hatten wir so zwölf bis 15 Gigs pro Jahr. Das wurde dann immer weniger, und wir haben nicht mehr geprobt. Mir ist wirklich nichts peinlich im Leben – ich laufe auch nackt durch die Gegend – aber mit 52 auf der Bühne zu stehen und solchen Schrott abzuliefern, da hatte ich keinen Bock mehr drauf. Das hat mir sehr weh getan. Da hatte ich echt lange dran zu kauen. Das ist, wie wenn eine Liebe auseinander geht.

Warum haben Sie sich bei The Voice Senior angemeldet?

Ich habe angefangen, Westerngitarre zu spielen und am Wochenende auf der Straße gespielt. Das gefiel mir auch immer besser. Ich habe die Band nicht mehr vermisst. Straßenmusiker zu sein, ist allerdings hartes Brot. Ich habe da schon gehört, dass ich ganz gut bin, aber die Resonanz wurde immer weniger. Ich fing an, an mir zu zweifeln. Ich weiß, dass ich kein guter Sänger bin. Ich bin durchschnittlich, aber ich weiß, dass ich die Töne treffe. Ich wollte eigentlich nur Feedback haben. Ich bin dann zum Casting gegangen, um einfach mal zu hören, was Profis dazu sagen.

Und wie lief die erste Castingrunde?

Das war in Hamburg und da ging es los mit A-capella-Vorsingen. Da fiel schon die Hälfte der Bewerber weg. Ich kam weiter und dachte „So schlecht bist du gar nicht“. Das hat mir eigentlich schon gereicht. Und dann ging das immer weiter.

Sie haben es dann in die Show geschafft, die am Sonntagabend ausgestrahlt wird. Wie war es, das große Studio zu sehen und zu wissen, dass Sie dort spielen werden?

Als ich da das erste Mal reingekommen bin, dachte ich, ich sei in einem Tempel. Das war richtig geil. Ich war auf eine positive Art nervös und aufgeregt. Als ich die Bühne gesehen habe, habe ich mich tierisch auf den Auftritt und die Liveband gefreut. Dann bekomme ich einen Adrenalinschub und scharre wie ein Pferd mit den Hufen.

Beim ersten Auftritt sieht nur das Publikum den Interpreten, die prominenten Juroren sitzen mit dem Rücken zur Bühne und entscheiden blind über dessen Weiterkommen. Haben Sie auf einen bestimmten Juror gehofft?

Nein, ich kannte die ja nicht. Mir war es egal. Ich war schon so weit gekommen, da hatte ich natürlich den Gedanken „wenn sich hier überhaupt jemand umdreht, das wäre ja wohl der Oberhammer“. Ich hätte nie gedacht, dass ich Schreihals da so weit kommen würde.

Und was haben Sie gesungen?

„St. Pauli“ von Jan Delay. Ich habe das aber auf meine Art gesungen. Ein Gesangscoach hat mich bei der Vorbereitung unterstützt und mir Aufwärmübungen gezeigt. Auf der Bühne war ich dann wie immer.

Wie sind Sie überhaupt zur Musik gekommen?

Mein Vater war Musiker und hat mir zu meinem 18. Geburtstag eine Gitarre geschenkt, mir zwei Griffe gezeigt und gesagt: „Wenn du die drauf hast, kommt der Rest von allein“. Und so war es auch. Dann habe ich die Griffe geübt. Das tat am Anfang auch weh, ich hatte Krämpfe in und Blasen an den Fingern, aber als ich die Griffe dann drauf hatte, da habe ich mir den Rest dann bei anderen abgeguckt. So habe ich dann so langsam Gitarre gelernt.

Irgendwann kam dann die erste Band.

Das war zur Zeit von Neuer Deutscher Welle und New Wave. In Verden gab es die Band T5 und die haben einen Sänger gesucht. Mit denen habe ich dann zwei Gigs gespielt. Die fanden das stimmlich auch okay, aber denen war ich zu heftig auf der Bühne. Das passte nicht so. Irgendwann fing das mit der Brut an und die gab es dann ja 25 Jahre. Aber wir waren nie berühmt, wir waren mehr berüchtigt.

Was bedeutet das?

Das war ja die Zeit von Sex, Drugs und Rock’n’Roll. Das hat man als junger Mann ja noch geschafft. Wir haben nach den Gigs oft unsere Gage am Kneipentresen gelassen. Das war eine heftige Zeit. An den Wochenenden habe ich mir die Kante gegeben und in der Woche viel Sport gemacht. So konnte ich das gut kompensieren.

Es hat aber auch Schattenseiten.

Wenn man es weiter macht, macht einen das nieder. Dann habe ich an meinen Vater gedacht, der einmal zu mir sagte: „Lutz, du musst im Leben immer mal in den Spiegel blicken, dir in die Augen schauen und dich fragen, wer du bist“. Das habe ich dann gemacht und mein Leben wieder geändert.

Sie haben sich wieder berappelt?

Das war zwar hart, aber ich brauchte das. Ich war demütig und habe meine Schuld abgetragen. Aber danach musste ich wieder stolz werden. Von dem Absturz vor dem Spiegel bis ich wieder stolz war, hat es ungefähr zehn Jahre gedauert. Aber ich habe auch zehn Jahre eine große Fresse gehabt. Seitdem versuche ich, mein Gewissen rein zu halten.

Haben Sie die Hoffnung, nun nochmal den Durchbruch zu schaffen?

Nein, in meinem Alter nicht mehr. Der Lack ist ab. Ich werde aber auf jeden Fall weiter Musik machen. Wenn was kommt, ist das wunderbar, aber ich mache mir da keine großen Hoffnungen. Ich kann mich zwar noch gut bewegen, auf der Bühne und im Herzen bin ich ja noch ganz jung, aber die Hülle macht nicht mehr mit. Wenn aber doch was kommt, dann würde ich auch nicht in Rente gehen, sondern Musik machen. Das ist schon mein Traum. Auf der Bühne zu sterben, fände ich schon geil.

Für das Publikum wäre das wohl eher traumatisierend.

Ja klar, oder ein guter Show-Effekt. Aber ich bin auch jetzt bei The Voice immer step by step gegangen. Ich habe da nie große Hoffnungen gehabt. Ich habe einfach die Zeit, die ich hatte, genossen, und bin gerne auf die Bühne gegangen. Ich habe mich über jeden weiteren Schritt total gefreut. Ich möchte keine Enttäuschungen mehr in meinem Leben, deswegen mache ich nur noch einen Schritt nach dem anderen.

Das Gespräch führte Marie Lührs.

Info

Zur Person

Lutz Hiller (62)

lebt seit seiner Jugend in Verden. Zu seinem 18. Geburtstag bekam er von seinem Vater eine Gitarre. Später spielte er in mehreren Bands und versuchte sich als Straßenmusiker. Am Sonntagabend, 24. November, ist er in der Casting-Show The Voice Senior zu sehen.

Info

Zur Sache

The Voice Senior

Die Sendung The Voice Senior bietet Frauen und Männern ab 60 Jahren eine Bühne. Nach mehreren Castingterminen erhalten sie die Chance, vor einer prominent besetzten Jury zu performen. Der Clou: Sascha Vollmer und Alec Völkel von The Bosshoss, Yvonne Catterfeld, Michael Patrick Kelly, und Sasha sitzen mit dem Rücken zur Bühne. Per Knopfdruck können sie für den jeweiligen Interpreten stimmen und sich zur Bühne drehen. Wer einen Fan in der Jury für sich gewinnen kann, wird Teil dessen Teams und hat die Chance, bei weiteren Shows um die Auszeichnung für die beste Stimme zu buhlen.

Die Auftaktsendung ist ab 20.15 Uhr zu sehen. Das Finale, bei dem die Zuschauer abstimmen können, läuft am 15. Dezember.

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