Zu Besuch bei Karl Ravens

„Immer wenn es zu groß wird, kriegen die Achimer Angst“

Was es mit einer blühenden Lagerströmie auf sich hat und wieso die Gästetoilette des ehemaligen Bundesbauministers Karl Ravens eine Benutzung wert ist, das haben wir bei einem Besuch herausgefunden.
11.08.2017, 09:38
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„Immer wenn es zu groß wird, kriegen die Achimer Angst“
Von Kai Purschke

Den Schreibblock zuklappen und den Stift an die Seite legen. Das ist nahezu unmöglich, wenn Karl Ravens von seiner Jugend, seinem Leben, seinen Ansichten und von der politischen Bühne erzählt. Zu viel und zu viel Wichtiges hat die SPD-Legende zu berichten, die am 29. Juni ihren 90. Geburtstag feiern durfte und an diesem Freitag mit einer Feierstunde vom SPD-Landesverband in Hannover geehrt wird. „Wegen meines gesundheitlichen Zustandes findet die Feierstunde erst jetzt statt“, erzählt Ravens, der aus Achim stammende ehemalige parlamentarische Staatssekretär unter Bundeskanzler Willy Brandt, frühere Bundesbauminister (1974 - 1978) der Regierung Schmidt und Ex-Vorsitzende der Landes-SPD.

Seine Rede hat er inzwischen fertig, erst aber werden Ministerpräsident Stephan Weil und Petra Tiemann, SPD-Bezirksvorsitzende Nordniedersachen, sprechen, dann will Ravens selbst ans Mikro treten. „Es ist doch so, dass sich am Schluss der wehren darf, über den zuvor geredet wurde“, sagt Ravens auf der Terrasse seines Reihenhauses in Hannover. Aber er hat Lampenfieber vor solch einem Auftritt, das räumt der alte Politprofi ein. Erst nach drei Sätzen komme die Gelassenheit oder wenn er ganz spontan etwas erzählen soll. „Aus dem Stand ist Karl am besten“, findet seine Frau Barbara.

Auch wenn er körperlich abgebaut hat, Ravens‘ Geist ist hellwach. „Ich bin im Kopf stärker als in den Beinen, aber das glaubt der Kopf noch nicht“, fasst er das süffisant zusammen. Erst hatte er ein stationäres Gerät, „das mich über Nacht aufgepumpt hat“. Nun reicht ein mobiles Sauerstoffgerät, das halt zu ihm gehöre und für das er sich nicht schämt. Warum auch. „Siebeneinhalb Meter Schlauch, ich habe einen Radius wie ein Dackel“, scherzt Ravens und zeigt einmal mehr, welch Schelm in ihm steckt. Aber auch Barbara, Ravens‘ zweite Ehefrau, beherrscht das Spiel. „Wir müssen hier öfter mal Seilsprünge machen“, stellt sie mit Blick auf den Schlauch fest, der mitunter im Weg hängt. Offenheit, Humor, Herzlichkeit – da passen zwei zusammen.

67 Jahre in der SPD

„104 will ich werden, das ist mein Ziel. Danach stehe ich dem lieben Gott zur Verfügung“, erzählt Ravens. Erreicht er dieses Ziel, wäre er 81 Jahre in der SPD, denn bereits 1950 hat er sein Parteibuch bekommen. Aber auch so gilt: Bisher 67 Jahre SPD, das kann sich sehen lassen. Und Ravens zeigt es: Auf dem Terrassentisch liegt ein Zollstock der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung, und die Getränke serviert Barbara Ravens auf einem runden Tablett, das für die SPD Salzgitter wirbt.

Seinen Genossen in Achim ist Ravens verbunden geblieben. „Hier in Hannover sind sie immer noch neidisch, dass seine Beiträge nach Achim gehen“, verrät seine Frau. Ravens lebt mittlerweile seit rund 30 Jahren in der Landeshauptstadt, unterstreicht aber, dass er Achimer sei und geblieben ist. „Ich habe schließlich fast 60 Jahre in Achim gelebt, bin der Stadt verbunden, habe Familie dort“, zählt er auf und erinnert sich daran, wie er damals auf der Düne in Bierden mit seinen Nachbarn Häuser in der Siedlung gebaut hat. „Selbst die Versorgungsleitungen haben wir eingezogen“, erzählt er. Ob er jemals daran gedacht hat, in die Weserstadt zurückzukehren? „Das war nie ein Thema“, sagt Karl Ravens, schließlich hätten sie sich in der Landeshauptstadt ein neues Leben aufgebaut. Die Trennung von seiner damaligen ersten Frau, die in Achim geblieben ist, war der Anlass, nach Hannover zu gehen, sagt er. Über die Partei lernte er in Berlin seine Barbara kennen, und so zogen sie in das Reihenhaus, das Barbara und er mittlerweile „voll gewohnt haben“, wie sie lachend schildern. „Ja, das haben wir geschafft“, sagt seine Frau und zeigt auf diverse Stapel Bücher, die in Säcken nun auf der Terrasse stehen. „Wir haben einen neuen Fußboden bekommen und mussten daher aussortieren“, erzählt das Paar.

Auch wenn ihm das Lesen mittlerweile schwer fällt und er Hilfsmittel wie eine beleuchtete Lupe benötigt, Ravens hält sich auf dem Laufenden. Einmal Politiker, immer Politiker. Er ist im Film, das gilt fürs weltpolitische Geschehen, über das er sich in erster Linie per Radio oder in Politmagazinen informiert. Aber das gilt auch für den ganz alltäglichen Wahnsinn in seiner Heimatstadt Achim, den er über die Tageszeitung verfolgt. Große und kleine Politik, könnte man meinen. Ravens scheint diese Differenzierung nicht zu gefallen: „Ist es kleine Politik, wenn man in Achim mit entscheiden kann, welches Bildungsangebot es gibt“, fragt er fordernd. Und stellt klar, dass kommunale Politik die Gestaltung des Gemeinwesens vor Ort ist. „Dort, wo ich selbst lebe und wo ich es nicht auf ,die da oben‘ schieben kann.“ Er selbst hatte nicht entschieden, Berufspolitiker zu werden. „Ich wurde entschieden“, erzählt Karl Ravens von der Bitte seiner Partei, ab 1961 auf der Bonner Bühne Politik zu machen.

Aber bis 1976 blieb er auch im Achimer Stadtrat, erlebte die Gebietsreform im Jahr 1972 also mit und scheint der damaligen Zeit ein wenig hinterher zu trauern. „Wenn ich aus Bonn in meinen Wahlkreis zurückkam, brachte ich die Neuigkeiten mit. Ich war der, der etwas zu berichten hatte.“ Heute wüssten die Bürger und Wähler dank Twitter & Co. alles, haben alles gelesen „und ihre eigene Meinung im Internet bestätigt bekommen“, sagt Ravens. Daher hätten es die Abgeordneten in der heutigen Zeit viel schwerer. „Früher kamen wir mit dem Beschluss des Bundestags nach Hause und haben den Leuten erzählt, was sie bitte denken möchten, hatten aber im Hinterkopf: was sie denken sollen.“ Für Ravens liegt es auf der Hand: „Überzeugungsarbeit funktioniert doch so. Der Pastor sagt mir sonntags in der Kirche ja auch, was ich denken soll, obwohl er im Auftrag eines anderen redet.“

Nur nicht abschrecken lassen

Was die Menschen in Achim denken, das weiß ein Karl Ravens: „Immer wenn es zu groß wird, bekommen die Achimer Angst.“ Sollte ein Unternehmen wie Amazon sich in der Weserstadt ansiedeln wollen, sollte man das Unternehmen willkommen heißen. „Für die Verkehrssituation in Uesen braucht es doch schon jetzt eine bessere Lösung.“ Und außerdem: „Dodenhof hat auch seinen eigenen Autobahnanschluss bekommen.“ Demnach dürften auch Achim-West und das damit verbundene 100-Millionen-Euro-Volumen nicht abschrecken, meint Ravens. „Die Stadt lebt von den Steuern.“ Die 100 Millionen Euro wirken vielleicht Angst einflößend, aber: „Die müssen ja nicht auf einen Schlag in bar hingelegt werden.“ Achim-West, erstmal angelaufen, bringe schließlich Geld ein. Er habe sich von solchen Größenordnungen nie abschrecken lassen. Wenn man ein solch außergewöhnliches Objekt sorgfältig plant, „ist alles lösbar“.

Das glaubt Ravens auch, wenn er an andere Großvorhaben in Achim denkt, das Lieken-Areal etwa oder die Innenstadt, über die der Sozialdemokrat sagt: „Wir haben in der damaligen Fußgängerzone sehr viel Enge geschaffen.“ Mit der neuen Sparkasse am Gieschen-Kreisel bekomme Achim nun einen „neuen Punkt“, und an Stelle der alten Kreissparkasse sollte seiner Meinung nach nun eine Einkaufsgalerie entstehen. Der 90-Jährige findet, dass die Stadtplanung in Achim „manchmal konsequenter sein müsste, als sie es ist“. Das Lieken-Gelände als Ergänzung zur Innenstadt mit Wohnungen und eventuell einem kleinen Baumarkt sowie einen vernünftigen Bushalteplatz am Bahnhof könne er sich gut vorstellen.

Weit weniger optimistisch ist Ravens, wenn er auf die Weltpolitik blickt, auf „die neue Spirale des Wettrüstens“ zwischen den USA und Russland, wie er sagt. Für ihn ist dies „eine ganz schlimme Entwicklung, die da läuft“, und er mache sich große Sorgen. „Da fehlt ein Mann wie Willy Brandt“, glaubt Ravens und hält es für erforderlich, dass die Europäische Union nicht nur reagiert, sondern agiert, damit es nicht zu einer Spaltung Europas kommt. „Ich gebe es zu: Ich wäre gerne 30 Jahre jünger und mittendrin“, verneint Ravens die Frage, ob er wegen solcher Entwicklungen froh sei, nicht mehr auf großer Bühne agieren zu müssen.

Auf einer solchen Bühne wäre er fast 1976 Ministerpräsident des Landes Niedersachsen geworden, als er für die SPD als Retter das Rennen ums Spitzenamt gewinne sollte, nachdem Alfred Kubel aus dem Amt zurückgetreten war. Die Koalition von SPD und FDP hatte sich zwar auf Finanzminister Helmut Kasimier als Kubel-Nachfolger geeinigt, der fiel aber in den ersten beiden Wahlgängen wegen bis heute unbekannter Abweichler durch und bekam weniger Stimmen als CDU-Fraktionschef Ernst Albrecht. Im dritten Wahlgang unterlag dann auch Karl Ravens dem Christdemokraten Albrecht, der Ministerpräsident einer Minderheitsregierung wurde. „Es war der Lage geschuldet, aber blieb ein unnötiger Versuch eines Ministerpräsidentenwechsels“, sagt Ravens im Rückblick. Letztlich sei es um eine Mehrheit im Bundesrat für die Abstimmung über die Polenverträge gegangen.

Karl Ravens sagt heute, er habe einige Male die Situation durchgekaut, aber: „Ich weiß nicht, wer die Abweichler waren, kann mir aber nicht vorstellen, dass unsere Leute mit Nein oder für Albrecht gestimmt haben.“ Ravens spricht von einem „gewollten, bewussten Wechsel“, der kein Zufall gewesen sei. Verfestigt hat sich daher für ihn: „Die FDP ist kein zuverlässiger Partner.“ Sechs Jahre später hatte er es damals nochmal als Spitzenkandidat versucht, wieder vergeblich.

Stattdessen sollen nun andere Wünsche in Erfüllung gehen: „Dass meine Gesundheit mindestens so stabil bleibt wie jetzt und dass die Partei wieder auf den aufsteigenden Ast kommt.“ Ravens muss grinsen, als er hinterher schiebt, dass er im Übrigen Beides für sehr wahrscheinlich hält. Denn: Fürs Erste sorgten seine Frau Barbara und gute Ärzte, fürs Zweite „Menschen wie Michael“, wie Ravens betont. Denn der 33-jähriger Achimer SPD-Ortsvereinsvorsitzende Michael Pahl hat Ravens ebenfalls kürzlich besucht, um die Ansichten und Ideen der SPD-Legende und seines Vorbilds aus erster Hand zu erfahren.

Mit 90 Jahren darf der Mensch gesundheitlich schwächeln. Das weiß auch Karl Ravens, der offen über sein Befinden spricht. Er hat Luft- und Kreislaufprobleme und muss sich seine Kraft gut einteilen. Oder wie das SPD-Urgestein es ausdrückt: „Die Bäume, die ich ausreiße, werden kleiner.“ Ein paar Erdbeeren in Blumenkästen auf dem Balkon hat er angebaut, täglich werden sie geerntet. Dabei ist Fingerfertigkeit gefragt, die für Ravens immer schon eine große Bedeutung hatte, da er früher leidenschaftlich gerne Flugzeugmodelle baute – „in meiner Bastelstube“.

Die Fliegerei hat ihn schon seit der Jugend begeistert. Zunächst hatte er 1941 eine Ausbildung zum Metallflugzeugbauer bei den Focke-Wulf-Werken in Bremen absolviert, 1944 legte er die Facharbeiterprüfung ab. Noch in diesem Jahr wurde er zum Reichsarbeitsdienst eingezogen, anschließend zur Luftwaffe. Bis Juni 1945 war er in britischer Kriegsgefangenschaft. Nach dem Krieg ließ sich Ravens 1946 bis 1948 zum Kraftfahrzeugschlosser umschulen und arbeitete bei Borgward in Bremen.

Erinnerungsfurchen aus der Nazi-Zeit

Ravens spricht von „Erinnerungsfurchen“, die die Nazi-Zeit bei ihm hinterlassen habe. Damals habe er die Gräueltaten zunächst verdrängt, denn: „Mein größter Wunsch wurde mir erfüllt, ich durfte fliegen.“ Aber dann verfolgte er in Bremervörde die Ankunft von KZ-Häftlingen in Güterwaggons mit. Bilder, die er nie wieder vergessen sollte. Aus Mitleid mit den ausgemergelten Häftlingen warfen seine Kameraden und er ihnen Proviant zu. Als die Häftlinge diesen nicht etwa gierig verschlangen, sondern brüderlich teilten, hatte es Klick beim jungen Karl Ravens gemacht.

Viel später bat ihn eine Schule, als Augenzeuge aus der Nazizeit vorzutragen. Danach kam der Schulleiter und fragte den damals wie heute bekannten SPD-Politiker: „Herr Abgeordneter, warum mussten sie den Schülern unbedingt erzählen, dass Sie in der Hitlerjugend waren?“ Ravens war perplex, antwortete: „Hätte ich etwa sagen sollen, ich hätte zu der Zeit nicht gelebt?“. Ein befreundeter Lehrer habe Ravens nach dem Termin verraten: „Der Schulleiter hatte Angst davor, dass die Schüler morgen ihn fragen.“ Ravens erzählt, dass er nun mal in die Zeit geboren wurde, „dafür kann ich nicht“.

Für große Handgriffe reicht seine Kraft nun nicht mehr. Daher muss er die geliebte Arbeit im kleinen Garten des Hauses nun anderen überlassen. „Aber dem gibt er gerne Anweisungen“, wirft Ravens Frau Barbara ein und nickt in Richtung Garten. Dort fällt eine herrlich blühende Lagerströmie auf, die für das Paar eine große Bedeutung hat. Drei Jahre lang seien sie damals regelmäßig an einer Baumschule vorbeigefahren, bis sie sich einen Ruck gegeben und den Baum gekauft haben. Der wurde dann auch im Reisemobil transportiert, mit dem es durch die weite Welt ging. „Das ist auch etwas, das ich nun vermisse“, gibt Karl Ravens zu.

Wo seine Frau und er schon überall waren, das erfahren ihre Besucher, wenn sie in den Genuss kommen, die Gästetoilette zu benutzen. Auf jeder Wandfliese prangt ein Aufkleber. Diese erzählen von Vorlieben, Reisezielen und Slogans der vergangenen Jahrzehnte. Und, man darf es ruhig glauben: Mit Sicherheit fällt Karl Ravens zu jedem Aufkleber eine Anekdote ein. Da sind sie dann wieder, die Gelegenheiten, Block und Stift zur Hand zu nehmen.

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