Das Interview: Carlos Morgado

„Es gibt so viele Erfolgsgeschichten“

Carlos Morgado hat Sozialwissenschaften studiert und bereits in der Vergangenheit mit Geflüchteten gearbeitet. Seit diesem Jahr ist er der neue Integrationsmanager der Stadt Achim.
07.05.2020, 15:29
Lesedauer: 5 Min
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„Es gibt so viele Erfolgsgeschichten“
Von Antonia Blome

Herr Morgado, Sie sind in Rio de Janeiro geboren worden und vor acht Jahren nach Bremen ausgewandert. Wie haben Sie Ihre eigene Integration erlebt?

Carlos Morgado : Ich habe in Rio mein Studium der internationalen Beziehungen beendet, das war mein erster Kontakt mit dem Thema Integration und Migration. Danach wollte ich in die Welt gehen und einfach raus aus Rio. Ich habe mich auf eine Stelle an der Uni Bremen beworben und meine Frau und ich sind in eine Wohngemeinschaft gezogen. Ich habe mich nach meiner Ankunft sehr willkommen gefühlt, da die Leute im Bremer Viertel sowieso eher linksorientiert und weltoffen sind. Besonders Fußball hat mir in dieser Zeit geholfen und ich habe dadurch schnell Freunde gefunden. Durch diese Kontakte habe ich auch immer mehr Deutsch gelernt.

Helfen Ihnen Ihre persönlichen Erfahrungen als Immigrant bei ihrer heutigen Arbeit mit Geflüchteten?

Das ist eine interessante Frage. Ich glaube schon, dass ich mich in Menschen mit Fluchterfahrungen besser hinein versetzen kann. Ich weiß, was es heißt, hier anzukommen, eine neue Sprache zu lernen, eine Arbeit zu finden und sich ein soziales Netzwerk aufzubauen. Und auch ich musste erst die rechtlichen Hürden überwinden und kann Geflüchtete daher beim Umgang mit der deutschen Bürokratie unterstützen. Trotzdem ist mir bewusst, dass ich meine eigene Biografie nicht mit den Erfahrungen von Geflüchteten vergleichen kann. Ich wollte freiwillig nach Deutschland und meine Geschichte ist sehr privilegiert. Menschen, die wirklich Not leiden, mussten im Gegensatz zu mir alle möglichen Barrieren überqueren, bis sie hier Fuß gefasst haben.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag als Integrationsmanager aus?

In meinen ersten drei Monaten habe ich so gut wie möglich versucht, mich einzuleben. Vor der Corona-Krise hatte ich sehr viele Termine. Der menschliche Kontakt fehlt natürlich jetzt und macht die Arbeit auch schwieriger. Nun telefoniere ich viel, lese E-Mails und habe nach wie vor sehr viel Kontakt zu Behörden, dem Landkreis und der Politik. Ich sehe mich selbst vor allem als Multiplikator und Organisator. Zum Beispiel koordiniere ich in Kooperation mit der Freiwilligenagentur die Arbeit der freiwilligen Helfer. Zu einem großen Teil stehe ich an der Seite der Menschen und setze mich für ihr Wohl ein. Ich versuche derzeit auch, aktiv den telefonischen Kontakt zu den Geflüchteten zu halten. Ein konkretes Projekt, das ich geplant hatte, war ein Sprachkurs mit Kinderbetreuung für geflüchtete Frauen. Das kann vorerst nicht stattfinden, die Vorbereitungen laufen aber weiter.

Welche Entwicklungen hat es seit Beginn des Jahres in Achim gegeben und wie ist der Stand heute?

Als ich hier anfing, gab es bereits ein tolles Netzwerk und viele Angebote, die bis vor der Corona-Pandemie gut gelaufen sind, darunter zum Beispiel ein Schwimmkurs für geflüchtete Kinder. Außerdem gibt es weiterhin Patenschaften, wobei Freiwillige die Menschen begleiten. Die Unterstützung und Beratung ist auf jeden Fall noch vorhanden. Die Flüchtlinge in Achim sind derweil überall verbreitet, der Großteil lebt aber im Magdeburger Viertel. In der Unterkunft an der Bremer Straße leben noch ungefähr 50 Menschen. Mehrere Familien, die ich innerhalb meiner ersten drei Monate hier kennengelernt habe, sind bereits gut integriert, die Eltern arbeiten und die Kinder gehen zur Schule.

Sie haben bereits in der Vergangenheit mit Geflüchteten gearbeitet. Welche Geschichten sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Im Jahr 2014 habe ich für einen NGO-Partner des UNO-Flüchtlingswerks in Uganda mit Geflüchteten gearbeitet und vor allem geflüchtete Jugendliche aus dem Kongo betreut. Die Menschen dort mussten für sich selbst kämpfen und waren sehr kreativ und stark. Diese Resilienz (psychische Widerstandsfähigkeit) ist wirklich beeindruckend. Mit zwei jungen geflüchteten Künstlern aus dem Kongo und meiner Frau und Kunstpädagogin Bárbara de Lira habe ich dort zum Beispiel ein Kunstprojekt gegründet und Kindern Kunst näher gebracht. Dieses Projekt hat sich weiterentwickelt und existiert bis heute. Viele Jugendliche, die ich in Deutschland kennengelernt habe, haben innerhalb kürzester Zeit Deutsch gelernt und ein junger Geflüchteter hat nach einem halben Jahr im Land einen Ausbildungsplatz bei Daimler bekommen. Es gibt so viele Erfolgsgeschichten.

Was wünschen Sie sich, was die Menschen über Geflüchtete wüssten?

Generell habe ich das Gefühl, dass die deutsche Bevölkerung gut informiert ist. Das Thema Migration und Integration wird aber oft genutzt, um heftige politische Debatten auszulösen. In Deutschland merkt man vor allem bei einigen Parteien und Rechtsextremen, dass immer noch sehr viele falsche Ideen verbreitet werden. Dabei besteht die deutsche Bevölkerung zu über einem Viertel aus Menschen mit einem Migrationshintergrund. Das heißt, Deutschland ist eine Einwanderungsgesellschaft. Die Zahlen zeigen außerdem, dass die Geflüchteten in Deutschland ihre Plätze finden und hier in Frieden leben. Auch in Bezug auf Arbeit lässt sich ein positiver Trend feststellen, da immer mehr Geflüchtete eine Arbeitsstelle finden.

Welche Herausforderungen bringt die aktuelle Corona-Krise mit sich?

Die Kontaktsperre erschwert zum einen meine Arbeit, zum anderen ist es auch für die Familien eine problematische Zeit. Ich versuche, Informationen über die Corona-Pandemie auf verschiedenen Sprachen an die Geflüchteten zu bringen. Es ist für die Eltern zum Beispiel schwierig, dass die Kita solange ausfällt. Auch häusliche Gewalt könnte nicht nur bei den Geflüchteten, sondern auch beim Rest der Bevölkerung zum Problem werden. Das habe ich in meiner Funktion aber zum Glück noch nicht mitbekommen. Ich mache mir besonders Sorgen darüber, dass die Geflüchteten aufgrund der Corona-Pandemie vermehrt in die Arbeitslosigkeit rutschen könnten.

Wie gehen Sie diesem Problem um?

In solchen Fällen behandeln wir erst einmal das akute Problem. Wenn zum Beispiel ein geflüchteter Vater nun seinen Job verlieren würde, würde ich ihm dabei helfen, Arbeitslosengeld zu beantragen. Perspektivisch geht es dann später darum, die Menschen wieder in den Arbeitsmarkt zu bringen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Flüchtlingsarbeit in Achim?

Wir von der Stadt Achim machen uns gemeinsam mit vielen anderen Kooperationspartnern und den Geflüchteten selbst stets Gedanken darüber, wie man die Stimme der Geflüchteten und ihre Partizipation in der Gesellschaft bekräftigen kann. Bereits bevor ich hier als Integrationsmanager begonnen habe, entstand zum Beispiel die Idee eines Migrantenbeirats in der Stadt Achim, durch den die Geflüchteten ihre Stimme selbst einsetzen könnten. Ich kann mir vorstellen, diese Idee in der Zukunft umzusetzen.

Das Interview führte Antonia Blome.

Info

Zur Person

Carlos Morgado (31)

ist studierter Sozialwissenschaftler und im Jahr 2012 aus Brasilien nach Deutschland immigriert. Seit Anfang des Jahres ist er der neue Integrationsmanager in Achim. Er lebt mit seiner Frau und einem Sohn in Bremen.

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