Das Interview: Dennis Volk

„Die Branche war wie ausgeknipst“

Als „Mister Piano“ hat sich der Achimer Musiker Dennis Volk einen Namen gemacht. Im Interview erzählt er, wie sich die Corona-Krise auf seine Branche auswirkt und wie man Kulturschaffende unterstützen kann.
28.07.2020, 16:14
Lesedauer: 4 Min
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Von Antonia Blome
„Die Branche war wie ausgeknipst“

Dennis Volk alias Mister Piano aus Achim meistert die Corona-Krise dank zahlreicher neuer Ideen und viel Kreativität.

Bianca Schmidt

Herr Volk, normalerweise treten Sie unter Ihrem Alias „Mister Piano“ in der ganzen Welt auf. Wie hat sich ihr Arbeitsalltag durch die Corona-Krise verändert?

Dennis Volk: Vorher war ich teils alleine, teils mit einem Team im Rahmen von einzigartigen Showbesetzungen rund um das Klavier unterwegs. Meine Tätigkeit führte mich bis nach Los Angeles oder Kuwait. Dabei habe ich zum Beispiel mein Walking Piano, das größte Klavier der Welt, das mit den Füßen gespielt wird oder das Rolling Piano genutzt. Mit letzterem fahre ich durch das Publikum und spiele gleichzeitig. Vor der Corona-Krise befand ich mich sozusagen auf der Überholspur, ich bin nun über 20 Jahre im Eventbusiness tätig und war dabei, durchzustarten. Durch den ersten Lockdown wurde ich dann allerdings unsanft ausgebremst. Anfang März kehrte ich von einer TV-Produktion in Los Angeles zurück und kurz danach wurden alle Veranstaltungen bis zum Ende des Jahres abgesagt. Die gesamte Branche war wie ausgeknipst und niemand wusste, wo die Reise hingeht.

Sie haben eine IHK-Zertifizierung zum „Fachbeauftragten für Hygiene im Veranstaltungswesen“ absolviert. Was genau hat es damit auf sich?

Ziel dieser Zertifizierung ist, eine Schnittstelle zwischen Veranstaltern und Behörden zu bilden, um diese zu entlasten und Events schneller und sicherer wieder möglich zu machen. Branchenführer haben schnell festgestellt, dass die Behörden überfordert sind und aufgrund der vielen neuen Verordnungen oft nicht wissen, was sie freigeben können und was nicht. Die Initiative „Save Events“ hat diese Zertifizierung in Rekordzeit gemeinsam mit der IHK, medizinischen Institutionen sowie Schlüsselfiguren der Veranstaltungsindustrie, darunter das Rifel-Institut und der FAMAB-Verband, entwickelt. Als ich davon erfuhr, wusste ich, das ist genau das Richtige für mich. So leiste ich einen Beitrag, damit die Kulturbranche wieder schnell Fuß fassen kann. Die Zertifizierung erhielt ich nach einem siebentägigen Praxislehrgang mit anschließender Prüfung. Nun kann ich Kunden helfen, die Unterstützung brauchen und gegebenenfalls Veranstaltern über die Schulter schauen und zum Beispiel Hygienekonzepte überprüfen.

Was für besondere Hürden hatten Sie bis zu diesem Zeitpunkt in der Corona-Krise zu meistern?

Problematisch war die Tatsache, dass für jeden mit einem Live-Betrieb sämtliche Einnahmen wegfallen. Dabei handelt es sich nicht lediglich um Umsatzeinbußen sondern um einen Totalausfall. Bei der Kulturbranche handelt es sich um die sechstgrößte Branche in Deutschland. Leider folgt sie dem Prinzip „first in, last out“ – die Veranstaltungsbranche ist die erste, die unter der Corona-Krise leidet, aber auch die letzte, die von Lockerungen profitiert. Dazu kommt, dass insbesondere Freiberufler, Soloselbständige und kleine Firmen im Bezug auf Corona-Soforthilfen aus dem Raster fallen und diese häufig nicht in Anspruch nehmen können. Die Krise ist für uns auch keineswegs vorbei, wenn alle Lockerungen verordnet wurden und scheinbar Normalzustand herrscht. Erst dann werden sich die langfristigen Nachwehen bemerkbar machen.

Was könnte die Regierung Ihrer Meinung nach anders machen, um Menschen aus der Kulturbranche zu unterstützen?

Es sollte eine Förderung geben, die kein Kredit sondern eine direkte Geldzuwendung ist und nicht an eine bestimmte Kostenart gebunden ist. Zum Beispiel könnte der Umsatz des Vorjahres dafür berücksichtigt werden. Darüber hinaus ist es weder für Bürger noch für Behörden leicht, dass es bundesweit verschiedene Corona-Beschränkungen gibt. In Berlin-Brandenburg sind bereits Veranstaltungen mit bis zu Tausend Personen erlaubt und hier zum Beispiel nicht. Außerdem gelten teilweise widersprüchliche Verordnungen. So wird unter anderem bei Veranstaltungen gefordert, dass eine Kontaktliste geführt wird, während ein Besuch im Supermarkt durch das Tragen eines Mundschutzes auch ohne das Hinterlassen von Kontaktdaten möglich ist.

Welche neuen Ideen haben Sie während der Corona-Krise entwickelt?

Ich habe mir überlegt, in welcher Form und in welchem Bereich ich Auftritte weiterhin umsetzen kann. Letztendlich habe ich mich auf Shoppingcenter und Innenstädte spezialisiert. Auch dieser Bereich leidet derzeit unter massiven Problemen. Dafür habe ich mein rollendes Piano umgebaut. Auf einem großen digitalen Display gibt es eine Informationsfläche, anhand derer auf die Wichtigkeit der Einhaltung des Sicherheitsabstandes und anderer Regeln hingewiesen wird. So kann ich auf unterhaltsame Weise einen Beitrag dazu leisten, dass die Empfehlungen umgesetzt werden. Zu den neuen Ideen gehört außerdem eine Piano-Jukebox. Dabei handelt es sich um ein Klavier in einem geschlossenen Plexiglaskasten. Per Wunschkarte oder Smartphone können mir die Menschen Musikwünsche zukommen lassen. So möchte ich den Menschen wieder ein richtiges Shopping-Erlebnis bescheren, was Online-Einkäufe einfach nicht bieten können.

Um auf die Not der Veranstaltungsbranche hinweisen, leuchteten im Juni in der „Night of Light“ in ganz Deutschland zahlreiche Gebäude rot. Was halten Sie von der Aktion?

Es handelt sich dabei definitiv um eine Aktion, die wir brauchen. Aufmerksamkeit allein reicht allerdings nicht und die Kulturbranche profitiert nicht unbedingt davon, dass Bilder von erleuchteten Gebäuden in den sozialen Medien geteilt werden und Menschen sich über die Politik aufregen. Es ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung, doch dabei allein darf es nicht bleiben. Wir müssen uns für die Veranstaltungsbranche stark machen. Dafür könnten zum Beispiel Restaurants lokale Künstler auftreten lassen – nach dem Motto eine Hand wäscht die andere. Wir dürfen außerdem nicht vergessen, dass die Veranstaltungsbranche aus sehr vielen Akteuren besteht. Das sind nicht nur Künstler sondern auch Agenturen, Technikfirmen wie etwa So Light aus Achim, Messen, Möbelverleiher und viele mehr.

Was können Einzelne tun, um der Kulturbranche unter die Arme zu greifen?

Wenn es in der eigenen Nachbarschaft Künstler gibt, sollte man etwas tun, um diesen unter die Arme zu greifen. Abhängig von den Bedingungen im jeweiligen Bundesland könnte man kleine Feiern, zum Beispiel Straßenfeste, selbst veranstalten und aktiv Künstler einladen. Natürlich kann man sich auch durch Spenden für die Künstler stark machen. Kulturschaffenden selbst rate ich, nicht ins Internet zu flüchten. Bleibt auf jeden Fall kreativ und werdet nicht müde, neue Lösungen zu finden.

Das Interview führte Antonia Blome.

Info

Zur Person

Dennis Volk (41)

ist ein Pianist aus Achim, der weltweit unter seinem Künstlernamen „Mister Piano“ auftritt und bereits seit über 20 Jahren im Eventbusiness tätig ist. Bekannt ist er vor allem für seine Auftritte mit einem rollenden Piano oder dem größten Klavier der Welt.

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