Interview mit Achimer Landfrau „Jede Landfrau tickt anders“

Die letzten zehn Jahre war Annameta Rippich die Vorsitzende der Kreislandfrauen, nun wurde sie verabschiedet. Und aus dem Vorstand der Achimer Landfrauen wird sie sich ebenfalls zurückziehen.
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„Jede Landfrau tickt anders“
Von Kai Purschke
Frau Rippich, gestern Abend sind Sie nach zehn Jahren als Vorsitzende und nach 18 Jahren Vorstandsarbeit bei den Kreislandfrauen Verden verabschiedet worden. Wie sieht es nun in Ihnen aus?

Annameta Rippich: Ich bin mit einem weinenden und einem lachenden Auge gegangen, das ist so. Ich habe mein Feld bestellt und ich weiß, ich habe tolle Frauen, die nach mir die Vorstandsarbeit leisten. Ich denke, nach dieser Zeit darf es auch erlaubt sein, zu gehen. Man sagt ja immer, je länger man einen Posten besitzt, desto schwieriger ist es, jemanden als Nachfolger zu bekommen, weil alle immer sagen: oh nein, oh nein, oh nein. Es ist aber nicht schlimm.

Wie sieht denn Ihr bestelltes Feld, die Nachfolgeregelung im Vorstand der Kreislandfrauen, aus?

Wir werden wie andere Vereine dazu übergehen, ein Organisationsteam – genannt Orga-Team – einzusetzen. Es wird sich aus zwei, drei Vorstandsdamen zusammensetzen, die dann nicht mehr als erste, zweite und dritte Vorsitzende fungieren. Diese Drei werden gleichwertig sein, eine kümmert sich dann verstärkt um die Innenarbeit, eine um die Außenarbeit, die anderes ums Programm. Das müssen die dann selbst auseinander pflücken. Ich habe ja auch nicht alles alleine gemacht, um Gottes willen. Wenn ich den ganzen Vorstand von zehn Personen nicht gehabt hätte und vor allem die Unterstützung von Christine Tewes von der Landwirtschaftskammer, wäre das nicht gegangen. Es war immer ein inniges, ein gutes und herzliches Miteinander, Spaß hat es gemacht. Und das ist wichtig, denn eines darf man nicht vergessen: Vorstandsarbeit ist Ehrenamt und da soll der Spaß nicht fehlen.

Auch andere Vereine haben solche Nachfolgeregelungen getroffen, weil kaum noch jemand bereit ist, sich einen Vorsitz und die dazugehörigen Pflichten auf die eigenen Schultern zu laden. Woran liegt das?

Die Mentalität der Menschen ist eine andere geworden, auch die persönlichen Anforderungen. Jeder denkt mehr an sich und die seinen und weniger an andere. Das Ehrenamt ist der Kitt der Gesellschaft und dieser Kitt bröckelt – nicht ein wenig, sondern stark. Und wenn wir uns alle nicht mal irgendwann einen Ruck geben und mitmachen, denn das ist unsere Gesellschaft und wir wollen ein Miteinander, dann wird es schwierig. Momentan hapert es daran.

Viele, die abwinken, führen den Mangel an Zeit und ihre beruflichen und familiären Verpflichtungen an.

Als ich eingestiegen bin, haben wir auch gearbeitet, wir hatten eine Familie, Kinder, einen großen Betriebshaushalt und Gemüsegarten und dennoch haben wir ein Amt übernommen, das uns Spaß gemacht hat. Das ist nach wie vor so: Ehrenamtliche Arbeit macht Spaß und ist kein Muss, da lass ich mir auch nichts einreden. Viele Menschen möchten lieber Freizeit haben, möchten ihre kostbare Zeit lieber mit der Familie und Freunden verbringen.

Also ist es Egoismus?

Im Grunde ja, ich wollte dieses Wort nicht nennen. Aber es ist so eine überwiegende Ellbogengesellschaft. Es sind aber auch allgemeine Anforderungen, die an uns gestellt werden.

Der Kreisverband der Landfrauenvereine ist mit rund 2000 Mitgliedern der größte Frauenverband im Landkreis, welchen Stellenwert in unserer Gesellschaft hat die Landfrau heute?

Ich denke, die Landfrau sollte einen ganz großen Stellenwert genießen. Landfrauen haben schon vor vielen Jahren Dinge angeschoben und schieben heute noch Projekte an. Auf Kreisebene entstanden Krabbelgruppen für Kinder, Tagesmütter und Seniorenbegleiter aus den Bedürfnissen der Landfrauen heraus. So wurde beispielsweise 1971 der erste Spielkreis für Kinder eingerichtet, denn eine Betreuung für unter Fünfjährige gab es damals nicht. Durch die Hintertür haben die Politiker die Ideen der Landfrauen dann später allzu gerne als ihre Ideen verkauft und sie staatlich subventioniert. Leider gerät so in Vergessenheit, was wir damals schon gemacht haben. Mittlerweile sind wir moderner geworden, haben aber weiter Projekte initiiert und ein Programm, das für jede Frau im Kreisgebiet etwas bereithält. Schon vor Jahren haben wir Energiespartipps herausgegeben, wir haben uns um Integration und um das Thema Ernährung gekümmert und als Nächstes haben wir das Thema „Demokratie meint dich“.

Eine ganze Menge, aber die Anerkennung des Berufs Landfrau war nicht immer gegeben oder?

Stimmt, das hat sich dann aber geändert und da war ich nicht ganz unschuldig. Denn, dass die Bäuerinnen in die Rentenkasse einzahlen müssen, das gab es bis Anfang der 90er nicht.

Jetzt bin ich neugierig.

Mir stand nach dem Tod meines ersten Mannes gar nichts zu, ich konnte nichts aus dem Hof ziehen. Nach 20 Jahren Landwirtschaft hatte ich zunächst viele Tränen vergossen und musste mich fragen, wer mich wohl einstellen würde. Letztlich bekam ich einen Bürojob in Bremen, mit dem ich meine Kinder finanzieren konnte. Mein Fall, dass ich als langjährige Landfrau keine Rente bekomme, wurde publik. Dann wurde das genauer unter die Lupe genommen und die damalige Bezirksvorsitzende der Landfrauen hat sich in Hannover stark gemacht und den ganzen Apparat überzeugt. Seit 1994 müssen alle Frauen aus der Landwirtschaft in die Rente einzahlen. Das waren aber andere Zeiten.

Muss man eigentlich Bäuerin sein, um beim Landfrauenverein mitmachen zu dürfen?

Nein, jede Frau kann dabei sein. Für jede Einzelne kommt etwas Interessantes rüber. Ich weiß, dass nur ein ganz kleiner Prozentsatz aktive Bäuerinnen sind. Ansonsten vereinen wir alle Altersschichten und Berufsgruppen. Landfrauen von heute sind eben auch die Frauen auf dem Lande. Wir sind im Kreis Verden ja fünf Ortsvereine, die zusammen den Kreisverband bilden.

Dieser besteht aus den fünf Ortsvereinen Achim, Ottersberg, Posthausen, Thedinghausen und Verden – wie haben Sie und der Vorstand es geschafft, alle Ortsvereine gleichermaßen zufriedenzustellen? Was ist das Geheimnis?

Das Miteinander ist ausschlaggebend. Es lief und läuft gut, aber manchmal wird an den Satzungen gezweifelt, die sich die Landfrauenvereine gegeben haben. Danach müssen wir uns aber richten, die Satzung gibt die Arbeit vor. Neue Vorstandsmitglieder möchten manchmal aber was anderes oder greifen den Landesverband an. So gesehen sind wir Landfrauen eben auch gewissermaßen ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Jeder Ortsverein hat seine eigene Struktur und seine Ansprüche. So ist Achim eher städtisch geprägt, Thedinghausen, Ottersberg und Posthausen sind ländlich geprägt, Verden wiederum nochmal ganz anders. So tickt jede Landfrau anders.

Sie bleiben ja weiterhin Vorsitzende der Landfrauen Achim und sind obendrein noch als Ratsfrau für die CDU in Achim tätig. Langweilig dürfte Ihnen also nicht werden, was machen Sie nun mit der freien Zeit, die die Vorstandsarbeit im Kreisverband nicht mehr bindet?

Den Vorsitz in Achim werde ich nächstes Jahr ebenfalls abgeben, dann sind 20 Jahre rum. Das ist auch schon alles geregelt. Den Landfrauen generell bleibe ich ja erhalten, nur nicht mehr in der Vorstandsarbeit. Ich denke aber mal, da wird sich wieder eine neue Tür öffnen. Das bereichert mich, wenn ich mit meinem Wissen anderen helfen, sie unterstützen und das Ehrenamt stärken kann.

Das Gespräch führte Kai Purschke.

Info

Zur Person

Annameta Rippich

ist Achimerin durch und durch: In der Achimer Marsch geboren, lebt die 70-Jährige, die in zweiter Ehe mit dem ehemaligen und langjährigen Bürgermeister Christoph Rippich verheiratet ist, noch immer gerne in der Stadt. Sie wurde einst bei Desma zur kaufmännischen Angestellten ausgebildet, arbeitete ein Jahr beim Grünen Jäger in Verden und dann 20 Jahre als Bäuerin auf dem Hof ihres ersten Mannes, wo sie in Bierden eine Milchvieh- und einen Pferdezuchtbetrieb hatten. Sie hat zwei erwachsene Kinder und vier Enkelkinder zwischen sechs und 20 Jahren. Seit 2001 hat sie im Vorstand des Landfrauen-Kreisverbands Verden in stellvertretenden Funktionen mitgearbeitet, seit 2009 als dessen Vorsitzende. Den Achimer Landfrauen steht sie seit 19 Jahren vor.

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