HKS-Dozentin aus dem Iran Kämpferische Grenzgängerin

Von der Studentin zur Dozentin in nur zwei Jahren: Sama Mousavimofakhar aus dem Iran lehrt aktuell an der HKS Ottersberg. Doch bald schon zieht es die 29-Jährige auf ihrem besonderen Lebensweg weiter.
25.05.2018, 18:06
Lesedauer: 6 Min
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Von Ilias Subjanto

Ottersberg/Bremen. Ein dumpfer Knall füllt den Raum, danach Applaus und Jubelgeschrei: Zwei klobige Fernseher zeigen aus unterschiedlichen Kameraperspektiven einen jungen Mann, wie er Anlauf nimmt und durch eine Kartonwand rennt. Die zerfetzte Wand steht in einem Holzgestell befestigt in einem Raum des Kunst- und Kulturvereins „Spedition“. Das etwa 20-sekündige Video läuft unablässig auf den Bildschirmen. „Shaping Cracks“, zu Deutsch „Rissbildung“ heißt diese Kunstperformance von Toni Ehrhardt im etwas heruntergekommenen Gebäude auf dem Gelände des früheren Bremer Güterbahnhofs. Sie gehört zum Projekt „grenz_Gänger“ des Master-Studiengangs „Kunst und Theater im Sozialen“ der Ottersberger Hochschule für Künste im Sozialen (HKS). Eine Frau mit dunkelbraunen, lockigen Haaren und einer grauen Bluse führt einige Ausstellungsbesucher vor das Exponat: Sama Mousavimofakhar, die Leiterin des interdisziplinären Projektes. Mit kurzen, selbstbewussten Worten und einem auffällig rollenden „R“ erläutert die gebürtige Iranerin die Kunstperformance, und ein gewisser Stolz steht in ihren dunklen, ausdrucksstarken Augen, war die 29-jährige Dozentin der HKS doch vor zwei Jahren selbst noch Master-Studentin in Ottersberg.

Als sie 2014 an der Universität Teheran ihren Theater-Studiengang mit dem Bachelor beendet hatte, entschied sie sich, für das Master-Studium ins Ausland zu gehen. Sie suchte die Herausforderung, wollte von Null anfangen, sich neu beweisen. Im Iran hatte sie ihren Platz, ihre Familie, hatte sich in der Hauptstadt einen Namen als junge Schauspielerin und Regisseurin gemacht. Sie wählte die HKS in der niedersächsischen Gemeinde Ottersberg, weil hier das praktische Theaterspiel im Vordergrund steht und nicht die Theorie.

Sie erzählt, wie einer ihrer Hochschullehrer ihr vom Auslandsstudium abriet: „Wenn du im Iran bleibst, bist du in fünf Jahren ein Star hier.“ Mousavimofakhar ließ sich nicht davon beeindrucken und konterte: „Ich bin 25, und ich bin nie wieder 25. Ich will das jetzt machen.“ Sie war zuvor noch nie in Europa gewesen, Deutschland kannte sie nur aus dem Fernsehen. Der Neuanfang in Mitteleuropa erwies sich als herausfordernder als gedacht. Den ersten Kulturschock erlebte sie in ihrer Wohngemeinschaft im Ottersberger Bahnhofsgebäude, als sie auf grundverschiedene Ansichten über Ordnungsliebe, Individualismus, Kollektivismus und den Umgang mit Konflikten traf. In dem alternativen Wohnprojekt wohnt sie heute noch, nachdem sie sich von den anfänglichen interkulturellen Komplikationen nicht hatte abschrecken lassen.

Entsprechend ihrem Faible für komplizierte Sachen hatte sie bereits mit 16 begonnen, die deutsche Sprache zu erlernen; nach dem Bachelor kam noch ein Intensivkurs dazu. Trotzdem bekam sie in ihren ersten Wochen in Deutschland kaum einen Ton heraus und war fast am Verzweifeln, was andererseits ihren Ehrgeiz anstachelte. Mittlerweile kann sie sich in sehr flüssigem Deutsch verständigen. Im Gegensatz zur Sprache fiel ihr das Studium vergleichsweise einfach.

Kurz nach ihrem Master-Abschluss überraschte sie ihr Professor Michael Dörner mit dem Vorschlag, ihn während seiner Studienreise nach Venezuela als Dozent an der Hochschule zu vertreten. Er hielt große Stücke auf sie und traute ihr die Dozententätigkeit ohne Weiteres zu. Mousavimofakhar nahm das Angebot freudig an, und ihr wurde schnell klar, dass sie kein klassisches Lehrer-Schüler-Verhältnis und keinen Frontalunterricht wollte, sondern ein kooperatives Miteinander.

Hans-Joachim Reich, hauptberuflicher Dozent an der Hochschule Ottersberg, hielt bei der Ausstellung in der „Spedition“ die Eröffnungsrede. Mit ihm gemeinsam betreute Mousavimofakhar das Projekt des Master-Studiengangs. „Sama hat eine sehr klare eigene künstlerische Position und kann auch gut Rückmeldung geben“, sagt er über seine ehemalige Studentin. „Gemeinsam haben wir das Thema ‚Grenzgänger‘ entwickelt, was interessant war, da Sama selber Grenzerfahrung gemacht hat und somit andere Blickwinkel und Perspektiven einbringen konnte.“

Mousavimofakhar war 13, als sie das erste Mal einen Theaterkursus besuchte. Dass sie bereits in diesen jungen Jahren ein Talent fürs Visuelle, Ausdrucksstarke entwickelte, beweisen die beiden Malwettbewerbe, die sie gewinnen konnte, einen nationalen und einen internationalen. Später entschied sie sich für ein Theaterstudium, bereitete sich nach dem Abitur neun Monate lang akribisch auf die Aufnahmeprüfung vor – und erhielt letztlich einen der begehrten Plätze. Zum Erstaunen ihres Umfelds wählte sie Puppenspiel als Studienschwerpunkt. Sie wollte eben gerne etwas Neues lernen, was sie noch nicht kannte.

Trotzdem blieb das klassische Theater Mousavimofakhars bevorzugtes Medium. Sie schaffte es zu ersten Aufführungen als Schauspielerin und Regisseurin, etwa beim 13. Landesfestival für Experimentaltheater oder beim 16. Internationalen Theaterfestival in Teheran, und sie erlangte im Iran sogar nationale Bekanntheit als Darstellerin in der TV-Serie „Heyrani“.

Mousavimofakhar berichtet, dass im Iran Bühnenstücke, auch Neuinszenierungen, vor ihrer Erstaufführung die Genehmigung eines staatlichen Komitees benötigen: „Das Komitee schaut sich das Stück genau an und erstellt daraufhin einen Änderungskatalog.“ Dieser könne auch gravierende Forderungen wie etwa ein abweichendes Ende enthalten. Der Regisseur muss dann für die Umsetzung seiner künstlerischen Vorstellung kämpfen. Unter dem iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, dessen zweite Amtszeit Mousavimofakhar während ihres Studiums erlebte, war das Komitee besonders streng. Diese Gängelei hat sie als Künstlerin stark geprägt: „Sie zwingt dich zur Kreativität.“ Zudem sei der Zusammenhalt im Iran größer, es ließen sich einfacher Menschen für eine gemeinsame Sache mobilisieren.

Die Dozentin erzählt vom Chaos auf den Straßen, den vielen Verhaftungen und der Angst der Studierenden vor staatlichen Repressalien. Als „Zentrum der Volksverhetzung“ bezeichneten regierungstreue Medien die Uni Teheran mit ihren 50 000 Studierenden. Da die Hochschüler befürchteten, dass das Regime das Theater als Institution komplett verbieten würde, sorgten sie in den Theatern Teherans für ein Minimum an Zuschauern; bei einem leeren Theater hätte die Gefahr bestanden, dass es dauerhaft geschlossen werden würde.

„Wir haben uns vernetzt und sind immer zu Aufführungen hingegangen, bei denen es zu wenige Zuschauer gab. Es gab damals ein Theaterstück, das ich dreißig Mal gesehen habe“, sagt sie und lacht. Seit der Wahl von Hassan Rohani zum Präsidenten 2013 habe sich die Lage im Iran jedoch entspannt. Zensurmaßnahmen und Verbote hätten deutlich abgenommen, und das Theaterwesen erhalte inzwischen sogar mehr öffentliche Fördermittel. Mousavimofakhar ist der Meinung, dass der Iran eine gute Zukunft vor sich hat.

In einem Raum hinter dem Foyer der „Spedition“ sitzt Nila Schlemann an einem Betontisch und schmiert Brote mit Blutwurst, Harzer Roller oder gezuckerter Butter. Die Dozentin erläutert: „Nila erzählt eine Geschichte über ihre Großmutter.“ Diese war in den 1950er-Jahren von der DDR in die BRD übergesiedelt. In einem Schrank stehen Gläser und ein Koffer. Die deftig belegten Brote, so Schlemann, habe es immer bei ihrer Oma gegeben. Über ihre Dozentin weiß die Master-Studentin nur Gutes zu berichten: „Ich finde sie sehr inspirierend, und sie hat uns prima angeleitet.“ „Nilas Projekt spricht mich besonders an“, sagt Mousavimofakhar. „Es geht um Flucht, Veränderung und Fremdheit. Fremdheitserfahrungen erlebe auch ich immer noch täglich.“ Andererseits haben ihre Studienjahre in Ottersberg und viele neue Freundschaften Deutschland auch zu einer zweiten Heimat für sie gemacht.

Und in Deutschland geht sie auch ihre nächste große Herausforderung an: Sie wird an der Berliner Universität der Künste (UdK) zum Thema „Selbstreflexionsprozesse im Theater“ promovieren. Ihr erstes Bewerbungsexposé hatte die Berliner Professorin noch abgelehnt. Davon ließ sich Mousavimofakhar nicht entmutigen und arbeitete in der Folge ein halbes Jahr an einer neuen Version, von der die Professorin dann so beeindruckt war, dass einer Aufnahme an der UdK nichts mehr im Wege stand. Ihren Kampfgeist und ihren Mut habe sie von ihren Eltern geerbt, meint die Iranerin.

Mousavimofakhar hat bereits Pläne für die Zeit nach der Promotion: „Ich möchte gerne mein Wissen weitergeben. Aber nicht in Deutschland, und nicht auf Deutsch.“ Sie will im Iran als Regisseurin arbeiten und auch an der Hochschule unterrichten. „Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, Menschen und ein ganzes Land zu verändern.“ Als sie diese Worte spricht, kann man sich die willensstarke Frau mit den charismatischen Augen schon sehr gut als Professorin in einem Hörsaal der Universität Teheran vorstellen.

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