Cato-Abiturienten treffen Helmut Schmidt / Matinee "Europa ist Zukunft" im Hamburger Schauspielhaus Klartext und Menthol-Zigaretten

Achim·Hamburg. "Die Rauchmelder sind abgeschaltet", beruhigt Moderatorin Sandra Maischberger das Publikum. Auf einem kleinen Beistelltisch sind Kaffee mit extra viel Zucker sowie ein Aschenbecher drapiert. Rauchen im altehrwürdigen Deutschen Schauspielhaus in Hamburg? Das darf wohl nur einer: Helmut Schmidt, Bundeskanzler außer Dienst. "Wie der wohl in Realität ist?", "einer der letzten Politiker, die mir noch als Vorbild dienen" ist dem Stimmengewirr im prall gefüllten Hamburger Schauspielhaus zu entnehmen. Vorfreude auf eine lebende Legende.
16.04.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von David Rosengart

Achim·Hamburg. "Die Rauchmelder sind abgeschaltet", beruhigt Moderatorin Sandra Maischberger das Publikum. Auf einem kleinen Beistelltisch sind Kaffee mit extra viel Zucker sowie ein Aschenbecher drapiert. Rauchen im altehrwürdigen Deutschen Schauspielhaus in Hamburg? Das darf wohl nur einer: Helmut Schmidt, Bundeskanzler außer Dienst. "Wie der wohl in Realität ist?", "einer der letzten Politiker, die mir noch als Vorbild dienen" ist dem Stimmengewirr im prall gefüllten Hamburger Schauspielhaus zu entnehmen. Vorfreude auf eine lebende Legende.

Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Altkanzler Helmut Schmidt hatten zahlreiche Delegationen aus Schulen aus der ganzen Republik zu einer Matinee mit dem Thema "Europa ist Zukunft!" eingeladen. Eine dieser Delegationen entsandte das Achimer Cato-Bontjes-van-Beek-Gymnasium. Schuldirektor Stefan Krolle und Kursleiter Frank Wittchow machten sich am Donnerstag trotz des GDL-Streikes mit einigen Schülern auf den Weg nach Hamburg, um den beiden großen Staatsmännern zuzuhören. Durch die Kulanz einiger netter Zugführer kam die Gruppe sogar pünktlich an.

Die Vorstellung begann mit einer Enttäuschung: Richard von Weizsäcker konnte den Termin wegen gesundheitlicher Probleme nicht wahrnehmen. Der Altkanzler wollte die Veranstaltung aber nicht platzen lassen, ihm liege die Diskussion über das zukünftige Europa sehr am Herzen, erklärte Helmut Schmidt. Zwölf junge Europäer hatten sich auf das Gespräch über das Europa von morgen mit Schmidt vorbereitet. "Ich erhoffe mir eine lebhafte, kontroverse Diskussion - und natürlich Menthol-Zigaretten", schildert Cato-Schüler Matthias Türk seine Erwartungen an den Vormittag.

Begeistert war die Gruppe aus Achim vorweg schon einmal vom neobarocken Baustil des alten Schauspielhauses. Dann war es soweit: Zahlreiche Objektive von Fernseh-Mitarbeitern und Fotografen richteten sich von den Logen auf die Bühne. Das Licht ging an. Eine ehrfürchtige Stille erfasste das gesamte Schauspielhaus - was bei Veranstaltungen mit fast ausschließlich jugendlichen Gästen nun wirklich selten ist.

Da saß er nun. Der Mann, den die Schüler aus Zeitungen und ihren Geschichtsbüchern kennen. "Ich halte Europa für eine Notwendigkeit", begann der Altkanzler seine Ausführungen. Die Jugendlichen seien die Gestalter des zukünftigen Europas, er und sein Freund von Weizsäcker wollen den europäischen Zusammenhalt und die Integration Deutschlands in die Europäische Union durch eine Bücherreihe und Veranstaltungen forcieren.

Mit prägnanten und pointierten Aussagen sowie seinem hanseatischem Humor konnte Schmidt das jugendliche Publikum schnell in seinen Bann ziehen. "Der ist wirklich so, wie er in Film und Literatur beschrieben wird", waren sich die Cato-Abiturienten einig.

Mit der Menthol-Zigarette in der Hand sprach Schmidt mit den Diskutanten aus Polen oder Frankreich über die zukünftige politische Gestaltung Europas unter den verschiedenen Konditionen in den Mitgliedstaaten, über Außen- und Sicherheitspolitik im geeinten Europa und das immer mit der typischen Portion Schmidt-Charme.

Auch die Tagespolitik der schwarz-gelben Regierung bekam einen Tadel: "Westerwelle macht alles falsch", kommentierte Schmidt die derzeitige Außenpolitik. Die Cato-Schüler waren überrascht von solch direkten Aussagen des immer noch aktiven Herausgebers einer Wochenzeitung. "Endlich spricht mal jemand Klartext", freute sich Farina Küppers.

Die Journalistin und Moderatorin Sandra Maischberger leitete die Diskussion. Den jungen Diskussionspartnern Schmidts fiel es allerdings spürbar schwer, mit solch einem berühmten Europäer ohne zu große Zurückhaltung zu debattieren. Nach zwei Stunden der politischen Auseinandersetzung und unzähligen Zigaretten endete die Matinee.

"Das war wirklich alles typisch Helmut Schmidt. Die Zigaretten. Seine Direktheit. Und auch die Thematik an sich war äußerst spannend, wenn auch aufgrund des engen Zeitrahmens manchmal etwas oberflächlich", resümierte Schülerin Annika Krantz die politische Exkursion nach Hamburg. Keiner der Teilnehmer wurde vom Menschen noch vom erfahrenen Politiker Helmut Schmidt enttäuscht. Ein Vorbild eben. Vielleicht sind wirklich die Großväter dem Enkel die besseren Ratgeber als der Vater dem Sohn.

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