Car-Sharing in Achim Luft nach oben

Seit einem Jahr gibt es in Achim nun Car-Sharing. Hundert Nutzer, von denen etwa ein Drittel sehr regelmäßig in den beiden Cambio-Autos unterwegs ist, bedeuten für das Unternehmen, dass noch Luft nach oben ist.
01.03.2020, 17:15
Lesedauer: 3 Min
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Luft nach oben
Von Kai Purschke

Zur derzeit vehement verfolgten Strategie der Stadt Achim, ihren Bürgern den Umstieg vom eigenen Auto aufs Rad sowie auf Bus und Bahn auch dem Klima zuliebe schmackhaft zu machen, gehört seit genau einem Jahr auch das Teilen eines Leihwagens, das sogenannte Car-Sharing. Es ist ein Mosaikstein, der nach dem Willen der Stadtverwaltung noch größer werden soll. Jedenfalls können es sich die Achimer Stadt- und Verkehrsplaner sehr gut vorstellen, dass neben dem Car-Sharing-Angebot auf dem Baumplatz in zentraler Lage auch ein weiterer Standort direkt am Achimer Bahnhof entsteht.

Denn das dort befindliche Sanierungsgebiet nördliche Innenstadt bietet später mit dem Bahnhaltepunkt, mit dem neuen Busbahnhof, mit adäquaten Radabstellmöglichkeiten und der Quartiersgarage sowie dem Radschnellweg beste Bedingungen. Auch dem Unternehmen Cambio, das die bisherige Car-Sharing-Station in Achim mit zwei Kleinwagen (darunter ein E-Auto) bespielt, ist dieses Potenzial nicht verborgen geblieben. Aber: „Über das große Baugebiet nördlich des Bahnhofs haben wir gesprochen, es gibt aber noch keine Entscheidung darüber, ob wir hierhin gehen oder nicht“, sagt Jutta Kirsch, Prokuristin der Cambio-Tochter „Cambio Stadtauto Bremen Carsharing GmbH“. Sie weist auch darauf hin, dass es noch Jahre dauern werde bis zur Realisierung des Neubaugebiets.

Vertrag mit der Stadt Achim

Viel näher ist das Auslaufen des bestehenden Vertrages über die Partnerschaft von Cambio und der Stadt Achim, der nun mit Beginn des Monats März exakt die Hälfte seiner Laufzeit erreicht hat. Laut Jutta Kirsch kann Cambio derzeit 100 Achimer Kunden vorweisen, von denen allerdings ein Drittel schon vorher angemeldet war. 43 Achimer Kunden seien im vergangenen Jahr hinzugekommen, alle weiteren in diesem Jahr. Allein 17 Nutzer sind Mitarbeiter der Stadtverwaltung, etwa Politessen, die das Car-Sharing nutzen. Das habe man vereinbart, damit eine Grundauslastung vorhanden ist, sagt Jutta Kirsch. Ziel ihres Unternehmens ist es, „dass sich das Angebot nach zwei Jahren selbst trägt“.

Das sei aktuell noch nicht der Fall, wie sie offen einräumt, dafür müssten ein paar Nutzer mehr her. „Wir werden im Frühjahr mit einer Kampagne werben“, hofft Jutta Kirsch auf Kundenzuwachs. Müsste sie zur Halbzeit dem Standort Achim eine Schulnote geben, wäre dies eine Drei plus. „Da ist noch Luft nach oben“, gibt sie zu. Es müssten mehr Menschen her, die selten fahren oder die, die öfter fahren, müssten die Autos mehr und länger nutzen. Denn bezahlt wird nach der Dauer der Nutzung und der gefahrenen Kilometer. Regelmäßig nutzen 20 bis 30 Menschen das Carsharing in Achim.

Einer davon ist Ruben Schiller. Der 31-jährige Gemeindereferent der Willkommensgemeinde in Achim ist seit Oktober eifriger Kunde des Achimer Car-Sharings. Es war das Ergebnis einer einfachen Rechnung, wie der verheiratete Familienvater von zwei Kindern im Alter von drei und fünf Jahren erzählt. „Wir haben ausgerechnet, dass uns unser Auto alles in allem 5000 Euro pro Jahr kostet bei etwa 12 000 Kilometern, die wir damit fahren“, erzählt er. Eine hohe finanzielle Belastung, zumal seine Frau in Bremen arbeitet und mit dem Zug pendelt und er in Achim mit dem Rad zur Arbeit fährt. Also entschied das Paar, das Auto zu verkaufen und das Car-Sharing auszuprobieren.

Nicht für alle Bürger eine Option

Zumal die Familie lediglich 500 Meter vom Baumplatz entfernt wohnt, was sie im Gegensatz zu den meisten anderen Bewohnern des lang gezogenen Achims überhaupt erst zu potenziellen Kunden macht. Denn, dass jemand aus Baden oder aus Bollen sich zum Rathaus aufmacht, um von dort aus mit dem Cambio-Auto fahren zu können – und dorthin muss es auch zurückgebracht werden – hält auch Schiller für abwegig. Er hat die Erfahrungen gemacht, dass die Verfügbarkeit der beiden Autos sehr gut sei. „Was wohl mit den noch geringen Nutzerzahlen zusammenhängt“, vermutet er. Erst ein, zwei Mal sei kein Auto verfügbar gewesen. Und: „Ich muss meine Fahrten jetzt längere Zeit vorplanen“, erzählt der Achimer, denn die Fahrzeuge müssen etwa per Smartphone reserviert werden.

Auch andere Aspekte gilt es bei der Alltagsplanung nun für Schiller und seine Familie zu bedenken: In den Autos befindet sich jeweils nur ein Kindersitz und im Baumarkt etwa darf es nicht zu Spontankäufen von allzu sperrigen Gegenstände kommen. „Das war mir vorher bewusst, aber für die allermeisten Unternehmungen sind die Fahrzeuge ausreichend“, erzählt Ruben Schiller und glaubt, dass die Familie nun ohne eigenes Auto etwa 4000 Euro im Jahr sparen könne.

Jutta Kirsch erklärt, dass Cambio nicht erwartet habe, dass das Angebot in Achim gleich ein Selbstläufer wird. Zumal der Standort kritisch und zurückhaltend im Vorfeld geprüft worden sei. Sie macht deutlich, dass bei Cambio der Willen zum langen Atem vorhanden sei. Auch falls die Nutzerzahlen auf dem überschaubaren Niveau bleiben, „werden wir uns auf keinen Fall zurückziehen. Das ist nicht unsere Strategie.“

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