Solidarität nach Feuer in Achim

Das Warten auf den Wiederaufbau

Drei Monate sind nach dem Feuer an der Lindenstraße in Achim vergangenen - eine Zeit, in der eine Familie eine große Solidarität erfahren hat. Nun fiebert sie dem Wiederaufbau ihres Hauses entgegen.
03.06.2020, 15:35
Lesedauer: 3 Min
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Das Warten auf den Wiederaufbau
Von Kai Purschke

Das tat weh. Zwar hat sich Natalia Kormiltseva gefreut, dass ihrer Familie nichts passiert ist. Aber dort auf der Lindenstraße zu stehen und mit ansehen zu müssen, wie das eigene Haus abbrennt, hat ihr ordentlich zugesetzt. „Ich konnte ja nicht rein und etwas retten“, erzählt sie nun, drei Monate nach dem Feuer, das so viele Menschen in Achim beschäftigt hat. Erinnerungen wie der Fußabdruck ihres Kindes aus dem Geburtshaus, die Nabelschnur oder das Foto von der Einschulung ihres Sohnes – ein Teil ihrer Vergangenheit fiel den Flammen zum Opfer. Einfach so. „Aber dennoch sind ja unsere Wurzeln noch da“, sagt die 37-Jährige.

Zusammen mit ihrem 53-jährigen Partner Michael Höptner und den Kindern hatte Natalia Kormiltseva das Haus an der Lindenstraße seit fünf Jahren bewohnt. „Wir fühlten uns dort sehr wohl und richtig heimisch“, erzählt die junge Frau. Sie war an jenem 2. März etwa 20 Minuten nach dem Ausbruch des Feuers zu Hause angekommen und zunächst heilfroh, dass sich alle unverletzt hatten ins Freie retten können. Der Sohn hatte im Erdgeschoss Essen zubereitet und den Herd für einen Moment unbeobachtet gelassen. Als er in die Küche zurückkam, waren bereits offene Flammen sichtbar, die sich durch die Zwischendecke weiter in das Obergeschoss ausbreiteten. Die Freiwillige Feuerwehr Achim war mit einem Großaufgebot von 52 Einsatzkräften angerückt.

Sie konnten allerdings nicht mehr viel vor den gierigen Flammen retten. „Zwei Zimmer stehen nur noch und der Keller“, erzählt Natalia Kormiltseva. Derzeit wartet die Achimer Patchworkfamilie auf einen Termin mit dem Architekten, denn das Wohnhaus an der Lindenstraße soll wieder aufgebaut werden, die Versicherung zahle die Kosten. Aber noch sei nicht klar, wann der Wiederaufbau starten könne. So hofft die kinderreiche Familie, dass sie spätestens in zwei Jahren wieder in ihr Heim einziehen kann. Denn genau so lange läuft der Mietvertrag, den sie dank der Hilfsbereitschaft, die ihr direkt nach dem Feuer in der Stadt zuteil wurde, für ein Haus in der Marsch kurzfristig unterzeichnen konnte.

Der vorherige Bewohner war gestorben, seine Kinder haben dann das Haus der Familie zur Zwischennutzung überlassen. „Eine günstige Miete für ein Haus mit sechs Zimmern“, sagt Natalia Kormiltseva. „Wir haben zwar kein richtiges Wohnzimmer, das befindet sich nun in unserem eigentlichen Schlafzimmer, aber das ist egal“, schildert sie. Es fühle sich ein bisschen an wie im Urlaub und nicht selten passiert es, dass sie etwa nach dem Brötchen holen intuitiv zu ihrem eigenen Haus an der Lindenstraße fährt.

Dabei war es gar nicht so leicht, überhaupt eine Unterkunft für die große Familie zu finden, die nach dem Brand plötzlich auf der Straße stand. Zunächst hatte sie zwei Nächte im Hotel verbracht, „aber das wäre auf Dauer zu teuer gewesen“, erzählt sie. Und generell sei es mit einer kinderreichen Familie in Achim nicht gerade einfach, genügend und geeignet großen Wohnraum zu finden. Dann aber half ihnen eine Mutter aus dem Kindergarten – und das sehr schnell und uneigennützig: Die alleinerziehende Mama zog mit ihren beiden Kindern kurzerhand zu ihrer Mutter und überließ der Familie für drei Wochen einfach so ihr Haus. „Das war unglaublich und mega lieb“, ist Natalia Kormiltseva immer noch hin und weg von der schnellen Hilfe.

Die hat die Familie darüber hinaus auch von der Nachbarschaft und nach einem Aufruf bei Facebook aus ganz Achim erhalten – in Form von Spenden. „Noch immer stellen die Menschen etwas an unserer derzeitigen Adresse ab“, erzählt sie. Aber auch, was direkt nach dem Hilferuf passiert sei, war in ihren Augen unglaublich: Bettwäsche, Windeln, Kleidung, Handtücher, Spielzeug und vieles mehr sei ihnen geschenkt worden, um die schlimmste Zeit ohne Hab und Gut zu überstehen. „Wir sind den Leuten so dankbar, bis zur Unterhose haben sie uns ausgestattet“, freut sich die 37-Jährige über so viel Solidarität und Nächstenliebe. „Ich bin richtig stolz auf meine Stadt.“

Um wenigstens ein bisschen was zurückzugeben, hatten sich Natalia Kormiltseva und Michael Höptner überlegt, als Dankeschön ein Grillfest für alle auszurichten. „Aber das ging ja wegen Corona nicht“, trauert sie der verpassten Gelegenheit nach. Nun aber haben sie die Idee, das Richtfest mit allen zu feiern, wenn der Neuaufbau des Hauses so weit ist. So groß ihre Freude über die Hilfsbereitschaft der Menschen in Achim ist, so peinlich sei es ihr, dass sie viele Helfer nicht wiedererkenne. „Das tut mir so leid, dass wenn mich Menschen auf der Straßen ansprechen und fragen, wie es uns mittlerweile geht, ich nicht weiß, wer es ist“, erzählt sie. Aber es sei so viel in so kurzer Zeit passiert, dass sie vieles nicht richtig habe wahrnehmen können.

Auch wenn die Familie derzeit mit den Gedanken beim Wiederaufbau ihres Hauses ist, sind die Spuren des Feuers nicht vergessen. Insbesondere die jüngeren Kinder hätten daher Angst, dass sich solch ein Unglück wiederholen könne. So ordnet die fünfjährige Tochter beispielsweise immer ihre Kuscheltiere auf dem Bett an. „So kann sie sie im Notfall schnell zusammenpacken und retten“, verrät ihre Mama den Plan dahinter.

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