Night of Lights

Alarmstufe Rot

Mit der Aktion wollen sich heimische Veranstaltungstechniker in der Nacht zu Dienstag eine Lobby verschaffen. Auch der Dom und die Stadthalle erstrahlen dann in rotem Licht.
19.06.2020, 17:32
Lesedauer: 3 Min
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Alarmstufe Rot
Von Jörn Dirk Zweibrock
Alarmstufe Rot

Setzen mit Rotlicht ein Zeichen: Daniel Brettschneider (v.l.), Silvia Voige und Max Arlt.

Björn Hake

Auch der Verdener Dom und die Stadthalle am Holzmarkt erstrahlen in der Nacht zu Dienstag in rotem Licht. Die heimischen Veranstaltungstechniker beteiligen sich an der bundesweiten Aktion Night of Lights und wollen damit auf die dramatische Lage ihrer Branche hinweisen. Die Veranstaltungswirtschaft war einer der ersten Wirtschaftszweige, der von der Corona-Pandemie getroffen wurde, und er wird aller Voraussicht nach auch mit am längsten und tiefgreifendsten von den Auswirkungen betroffen sein. Der gesamten Branche droht eine akute Insolvenzgefahr.

Eigentlich ist Silvia Voige Stadthallenmanagerin. „Seit Mitte März bin ich Verlegungsmanagerin“, erzählt sie. Wer ein Konzert oder eine Theateraufführung im Haus am Holzmarkt genießt, sieht meist nicht, was sich dort alles hinter den Kulissen abspielt. Veranstaltungstechniker wie Daniel Brettschneider (22) aus Armsen oder Max Arlt (53) aus Verden sind gewöhnlich die Ersten, die kommen und die Letzten, die gehen. Neben diesen unchristlichen Arbeitszeiten zehrt die Tätigkeit natürlich auch an den körperlichen Kräften. Anders als im produzierenden Gewerbe können Brettschneider, Arlt und ihre Kollegen die weggebrochenen Umsätze nicht einfach kompensieren. Abgesagt ist abgesagt und verschoben ist verschoben.

Warum werden der Dom und die Stadthalle eigentlich am Montag, 22. Juni, ab 22 Uhr gerade in Rot angestrahlt? „Die Farbe Rot steht für die Leidenschaft, mit der wir unseren Beruf ausüben. Wir brennen einfach für das, was wir tun“, sagen die beiden Veranstaltungstechniker aus dem Landkreis Verden. Die Signalfarbe stehe allerdings auch für Alarmstufe Rot. Aufgrund der Corona-Krise seien hunderttausende Arbeitsplätze innerhalb der Veranstaltungswirtschaft in Gefahr. Natürlich ist die Illumination der beiden Verdener Gebäude neben der Botschaft – der Krise der Veranstaltungswirtschaft – auch mit politischen Forderungen verbunden. Abgesehen von den finanziellen Hilfen für die Veranstaltungsbranche wünscht sich Hallenmanagerin Silvia Voige auch mehr Planungssicherheit für ihren Job. Vor dem Hintergrund der kostspieligen Haftungsketten sollten Veranstaltungsverbote so früh wie möglich und so lange wie möglich umgesetzt werden.

Mit 50 Leuchten wird der Dom in der Nacht zu Dienstag in Rotlicht getüncht, mit rund der Hälfte hingegen die Stadthalle. Neben roten LED-Architekturscheinwerfern kommen auch sogenannte kopfbewegte Spots zum Einsatz. Der Aufbau für die Night of Lights beginnt bereits in den Nachmittagsstunden.

Eigentlich gilt der Wirtschaftszweig als krisensicher, denn gefeiert wird normalerweise schließlich immer. Normalerweise – niemand hätte vor einem Jahr jemals auch nur einen Gedanken an eine Pandemie mit 80 Prozent Umsatzeinbußen verschwendet. Als einer der größten Sektoren der deutschen Wirtschaft zählt die gesamte Veranstaltungswirtschaft insgesamt rund eine Million direkt Beschäftigte und erwirtschaftet einen jährlichen Umsatz von rund 130 Milliarden Euro.

Weil Kredite nicht wertschöpfend investiert werden können, sondern lediglich zur Deckung der Betriebskosten aufgewendet werden müssen, führt dies bei den Betroffenen im Endeffekt zu einer erneuten Zahlungsunfähigkeit in Verbindung mit Überschuldung – ein Teufelskreis.

617 Plätze weist die Verdener Stathalle insgesamt auf. Hallenmanagerin Silvia Voige hat einmal durchgerechnet, wie viele Besucher sie dort unter Einhaltung der aktuellen Hygiene- und Abstandsvorschriften unterbringen könnte – gerade einmal zwischen 76 und 140 Gäste. „Das ist überhaupt nicht wirtschaftlich. Um kostendeckend zu arbeiten, würde es ohne Sponsoring nicht gehen“, weiß sie.

Selbst wenn rasch ein Impfstoff gegen das Corona-Virus gefunden werden sollte, geht Max Arlt davon aus, dass es dann noch gut ein Jahr dauern wird, bis die Veranstaltungswirtschaft wieder anzieht. „CDU und SPD in Berlin sollten einmal bedenken, dass sie uns auch künftig für ihre Veranstaltungen – beispielsweise Parteitage – benötigen“, betont Daniel Brettschneider. Weil er den Brummi-Führerschein gemacht hat, hält er sich momentan mit Lkw-Fahrten über Wasser.

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