Geschichts-AG des GamMa beleuchtet mit „Das Geheimnis meiner Kindheit“ die Leiden der Besatzungszeit Nur selten gelingt ein unbeschwertes Leben

Achim. Weltweit teilen sie das gleiche Schicksal: Kinder, mal mit, oftmals aber ohne Einverständnis ihrer Mütter von Soldaten des Kriegsgegners gezeugt. Ausgegrenzt und rechtlos werden sie gedemütigt, dem Hass der Bevölkerung ausgesetzt und in Heimen versteckt.
31.05.2017, 00:00
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Von Gisela Enders

Achim. Weltweit teilen sie das gleiche Schicksal: Kinder, mal mit, oftmals aber ohne Einverständnis ihrer Mütter von Soldaten des Kriegsgegners gezeugt. Ausgegrenzt und rechtlos werden sie gedemütigt, dem Hass der Bevölkerung ausgesetzt und in Heimen versteckt. Am Beispiel der Anni-Frid Lyngstad, die im von Deutschen besetzten Norwegen 1945 unehelich zur Welt kam und mit der Pop-Gruppe Abba später zu Weltruhm gelangt, hat die Geschichts-AG des Achimer Gymnasiums am Markt (GamMa) das Stück „Das Geheimnis meiner Kindheit“ (Arbeitstitel: Das Deutschkind) erarbeitet und damit am Montagabend das Publikum im Kulturhaus Alter Schützenhof bewegt.

Studienrat Michael Müller hat das Drama geschrieben und später gemeinsam mit seinen Schülern ein Drehbuch dazu verfasst. „Die Prominenz der Protagonistin hat zweifelsohne dazu beigetragen, dass die Jungen und Mädchen unserer Jahrgänge sieben bis zehn von Anfang an mit Eifer bei der Sache waren“, erzählte der Pädagoge, der auch als Regisseur fungiert. Vor neun Monaten begonnen, habe die Geschichte schnell Form angenommen und schon im Februar fertiggestellt werden können. „Geprobt wurde immer das, was wir abschließend bearbeitet hatten“. Neben den tragischen Ereignissen um die Kindheit der Anna-Frid werden die Schicksale weiterer Mütter und ihrer von Besatzern gezeugten Nachkommen beleuchtet. Alle hatten sie unter der Barbarei der nationalsozialistischen Kämpfer zu leiden, nur selten gelingt es ihnen, einen Platz in der Gesellschaft zu finden. „Mir war es wichtig, das Spiel nah an der Geschichte zu positionieren“, erklärt Michael Müller, „ich denke, der Stoff ist selbsterklärend“.

Der Grand Prix de Eurovision, den die schwedische Gruppe Abba im April 1974 mit ihrem Song „Waterloo“ vor der Italienerin Gigliola Cinquetti für sich entscheiden konnte, steht am Anfang des Spiels der jungen Akteure. In der Stunde ihres Triumphes im englischen Seebad Brighton fühlt sich Anni-Frid Lyngstad jedoch von ihrer Geschichte eingeholt und trägt, wie die meisten ihrer Leidensgenossen, die Wunden ihrer Kindheit auf Dauer in sich. Nachdem die Mutter 21-jährig, zwei Jahre nach der Geburt verstirbt, wächst das Mädchen bei Großmutter Arntine in Schweden auf und weiß jahrelang nichts von der Existenz eines Vaters. Als der Deutsche Alfred Haase sich Ende der Siebzigerjahre zu erkennen gibt, treffen sich beide – ein inniges Verhältnis entwickelt sich nicht.

Selbst in Frieden und Sicherheit aufgewachsen, knien sich die Jugendlichen in den Stoff hinein und zeigen in ihrer Darstellung bemerkenswertes Einfühlungsvermögen. Häufig wechselnde Bühnenbilder unterstreichen den lebendigen Ablauf der Szenarien.

„Norwegen wird wieder aufstehen, in finsterster Nacht beginnt ein neuer Morgen“, ermutigt eine tiefschwarz gewandete Königin Ingrid nach der Kapitulation am 10. Juni 1940 die Nation. Währenddessen fordert Hermann Göring, Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, die Männer der Waffen-SS auf, sich mit den Frauen ihres Kriegsgegners einzulassen: „Vergnügen Sie sich, wir wollen blonde norwegische Babys“. Viele kommen dem Wunsch des NS-Politikers nach, andere indes schämen sich zutiefst. Nur wenigen der Kriegskinder gelingt später ein unbeschwerter Lebensweg. Immer wieder versuchen sie – als Anwalt oder einfach als Betroffene, Rechte und Anerkennung zu erwirken. Selbst der Europäische Gerichtshof verweigert sich ihnen. „Verjährt“ lautet die Begründung, die nun keinen Widerspruch mehr zulässt.

„Ihr habt wirklich klasse gespielt, in der Form habe ich das nicht erwartet“, zeigt sich Müller begeistert von seinen Schützlingen. Er würdigte die Teamarbeit, die hohe Ausdruckskraft, den überbordenden Fleiß der jungen Mimen und stellt alle 24 am Gelingen des Abends Beteiligten namentlich vor.

„Das Geheimnis meiner Kindheit“ wird an diesem Mittwoch, 31. Mai, erneut um 19.30 Uhr in der GamMa-Aula gezeigt.

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