Konzert im Rathaussaal

Oyten hat den Blues

„Good Rockin’ Blues and Boogie Woogie“ - unter diesem Titel sorgten zwei Größen dieser musikalischen Stilrichtungen im Oytener Rathaussaal für stimmungsvolle Stunden zum Ausklang des Jahres.
02.01.2017, 00:00
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Von Sophia Allenstein
Oyten hat den Blues

Als eingespieltes Team präsentierten sich Abi Wallenstein (links) und Henning Pertiet im Oytener Rathaussaal.

Björn Hake

„Good Rockin’ Blues and Boogie Woogie“ - unter diesem Titel sorgten zwei Größen dieser musikalischen Stilrichtungen im Oytener Rathaussaal für stimmungsvolle Stunden zum Ausklang des Jahres.

In einer Ecke funkeln noch Weihnachtsbaumlichter, im allgemeinen Fokus der Aufmerksamkeit steht jedoch ein eleganter schwarzer Flügel und eine abgegriffen aussehende braune Gitarre. Wenig später gesellt sich eine tiefe, raue Stimme zu den ersten Bluestönen und durchdringt den Oytener Rathaussaal, versetzt das Publikum gedanklich zurück in eine verrauchte Bar in den 1950ern, irgendwo in den Staaten. Die charakteristische vokale Heiserkeit verrät Lebenserfahrung, transportiert sowohl die nachdenklichen melancholischen Seiten des Blues wie auch den lebenshungrigen Optimismus perfekt.

Der dazugehörige Musiker, stilecht mit schwarzem Hut und auf einem abgewetzten Barhocker sitzend, entlockt seinem Instrument eine mitreißende Melodie. Zu Gast in Oyten ist an diesem Abend der Bluesgitarrist und Sänger Abi Wallenstein, mehrmaliger Gewinner des German Blues Awards, mit pianistischer Unterstützung von Henning Pertiet, einer festen Größe der europäischen Boogie-Woogie-Szene. Und so heißt auch der Name des Abendkonzertes: „Good Rockin’ Blues and Boogie Woogie“.

Interaktion ausdrücklich erwünscht

Es hat etwas familiäres, wie das Duo vor dem im Verhältnis kleinen Publikum das Jahr musikalisch ausklingen lässt – und Interaktion ist ausdrücklich erwünscht! „Wenn sie mitsummen möchten – das Stück ist in G“, kommentiert Henning Pertiet eine Solieinlage humorvoll und ergänzt: „Das Einzige, was hier stört, ist, dass man nicht rauchen darf. Da fehlt etwas in der Atmosphäre.“

Auch bei Abi Wallenstein kommen die Zuhörer noch auf ihre Kosten. „Blues lebt von der Verschmelzung zwischen Musiker und Publikum, von der Bildung einer Einheit.“ Also darf auch mal der Refrain mitgesungen werden, ein rhythmisches Stampfen begleitet schon so gelegentlich die Stücke. Dass Wallenstein selbst die Musik schon in Fleisch und Blut übergegangen ist, lässt seine Spielweise erahnen: Oft streicht er passioniert mit geschlossenen Augen über die Seiten, die Augenbrauen konzentriert erhoben, völlig vertieft in den Song.

Ein eingespieltes Paar

Das Duo harmoniert gut, als eingespieltes Paar haut Pertiet virtuos in die Tasten, während Wallenstein die Lieder mit gekonnten Gitarrengriffen komplettiert. Mal erfüllt der spielerische, flotte Rhythmus eines 50er-Jahre-Boogie-Woogies den Raum und erzählt von einer gescheiterten Liebschaft, lässt das Bild eines schwungvoll tanzenden Paares vor dem inneren Auge entstehen. Aber auch die Coverversion des Stonesklassikers „Honky Tonk Woman“ rollt über die Saiten – als kleine Rache, weil sich die Rolling Stones kürzlich auch am Jazz vergriffen haben, so Wallenstein.

Seine eigene Lebensgeschichte hat Künstlerkollege Henning Pertiet auch schon musikalisch verpackt: In einer Soloeinlage spielt er ein vielschichtiges Stück am Flügel, in dem auch die Lebenskrisen des Musikers verarbeitet wurden. Das dramatische Auf und Ab der Melodie, der hin- und herwogende Rhythmus sowie die mal ungeduldig drängenden, dann wieder düster-traurigen oder sanfter werdenden Phasen des Songs spiegeln dabei Pertiets eigene musikalische Identitätsfindung wider.

„Früher dachte ich, wenn man Boogie Woogie spielt, geht es einem immer gut“, erzählt der Pianist, dann habe er aber doch noch etwas anderes ausprobieren wollen. Nach weniger erfolgreichen Versuchen an der Orgel oder im Bereich der klassischen Musik habe es ihn jedoch immer wieder zurück zum Jazz und Blues getrieben, lässt Pertiet wissen.

Dem Publikum gefällt's: Unter gebührendem Applaus und nach zweimaliger Zugabe verabschieden sich die zwei Bluesmusiker schließlich von ihren Zuhörern und werden Oyten, dem Anschein nach, bestimmt nicht zum letzten Mal einen Besuch abgestattet haben.

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