Prozess gegen Bestatter

Bestatter gesteht Urnentausch

Vom Amtsgericht ist ein Bestatter aus Achim jetzt wegen Störung der Totenruhe in acht Fällen zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Er hatte Urnen ohne Wissen der Angehörigen in fremden Gräbern beigesetzt.
14.10.2020, 17:16
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Von Angelika Siepmann

Zwischen der Verlesung der Anklageschrift und der Verkündung des Urteils vergingen im großen Saal des Landgerichts Verden nicht einmal zwei Stunden. Die Vernehmung der meisten geladenen Zeugen hatte sich nach dem Geständnis des ehemaligen Achimer Bestatters als entbehrlich erwiesen. Der 57-Jährige, dem inzwischen die Berufslizenz entzogen wurde, hat sich zur Überzeugung des Amtsgerichts Achim in den Jahren 2016 bis 2019 in acht Fällen der Störung der Totenruhe schuldig gemacht. Er kam mit einer Verwarnung unter Strafvorbehalt davon, quasi einer Geldstrafe auf Bewährung.

Wenn er in den nächsten zwei Jahren straffrei bleibt, braucht er die festgesetzte Geldstrafe von 80 Tagessätzen à 25 Euro nicht zu zahlen. Die Verwarnung reicht nach Auffassung von Amtsrichterin Johanna Horsthemke aus, dem Mann „sein Unrecht vor Augen zu führen“. Bei der Strafzumessung wurden nicht zuletzt die „deutliche Reue“ des nicht vorbestraften, unter Depressionen leidenden Angeklagten und seine „persönliche Gesamtsituation“ mit Verlust der wirtschaftlichen Existenz berücksichtigt. Dem 57-Jährigen, der „mit Leib und Seele“ Bestatter gewesen sei, wurde zudem zu Gute gehalten, dass er „aus besonderem psychischen Druck heraus handelte“, als er Urnen mit der Asche Verstorbener vertauschte und nicht in den vorgesehenen Gräbern beisetzte.

„Moralisch ziemlich verwerflich“

In ihrer Urteilsbegründung betonte die Richterin allerdings auch, wie „belastend, schockierend, traurig“ es für die betroffenen Hinterbliebenen gewesen sein müsse, von der „fremden Asche“ in den Grabstellen zu erfahren. Das Vorgehen des Angeklagten sei „moralisch ziemlich verwerflich“. Es gehe in diesem Verfahren jedoch um die strafrechtliche Relevanz, „das Moralische muss außen vor bleiben“. Man habe indes eine Vielzahl von Fällen zu betrachten gehabt, und vermutlich gebe es „noch mehr, die noch nicht ans Licht gekommen sind“.

Dass es im Zuge einer „vorübergehenden Kettenreaktion“ seines kranken Mandanten noch zu weiteren falschen Urnenlegungen gekommen sein könnte, hatte auch Verteidiger Michael Brennecke erwähnt: „Es lässt sich nicht sagen, in wie vielen Fällen das passiert ist“. Brennecke hatte zunächst für den Angeklagten eine Erklärung abgegeben, in der die acht Fälle unumwunden eingeräumt wurden. Dass der Mann sich persönlich zu den Vorwürfen äußere, sei nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit möglich, hatte der Achimer Anwalt zuvor erklärt. Dies hatte die Amtsrichterin jedoch abgelehnt.

Dem Angeklagten sei es „ein Bedürfnis“, zu unterstreichen, „wie unendlich leid“ ihm alles tue, hieß es in der Einlassung. Ihm sei bewusst, was den Angehörigen der Verstorbenen zugemutet worden sei und werde. (Einige befanden sich im Zuschauerraum). Durch die depressive Erkrankung, die nur bis 2016 behandelt worden sei, habe er etliche Dinge „einfach laufen lassen“, oft keine Kraft mehr gehabt, aktiv zu werden. Ihren Ausgang habe die Angelegenheit genommen, als einmal eine Urne nicht rechtzeitig „fertig“ gewesen sei. Statt die Angehörigen um einen späteren Beerdigungstermin zu bitten, habe er einfach eine andere Urne genommen. „Und so hat sich das fortgefressen, es blieb nicht bei dem einen Fall, irgendwann war eine Urne übrig."

Nur ein Zeuge vernommen

Und diese eine Urne war im vergangenen Jahr einer Mitarbeiterin des Verdener Krematoriums aufgefallen – die Graburne eines Verstorbenen, dessen Beisetzung in Langwedel bereits vollzogen worden war. Nachforschungen bei der Gemeinde und dem Friedhof führten zu polizeilichen Ermittlungen, in der Folge zu einer Reihe von Graböffnungen, Datenabgleichen und der Feststellung, dass es in den Vorjahren schon etliche Fälle falscher Urnenlegungen gegeben haben musste. Darüber hatte im Prozess der einzige vernommene Zeuge berichtet, der Sachbearbeiter beim Polizeikommissariat Achim.

Die Spur hatte schnell zu dem Bestatter geführt, bei dem eine erste „zeitnahe“ Hausdurchsuchung stattfand. Es seien „ein recht chaotisches Büro, viele unbezahlte Rechnungen und ungeöffnete Briefe“ vorgefunden worden, so der Zeuge. Die erste Vernehmung des Bestatters („Nach meinem Eindruck krank“) habe sich schon „recht schwierig“ gestaltet, „aber er war zugänglich“. Eine zweite Befragung, nach einer weiteren Durchsuchung, sei gar nicht möglich gewesen. Der Mann habe nur mehrfach gesagt: „Alle sind unter der Erde“. Die Ermittlungen ergaben, dass der Bestatter die Aufkleber mit den Identifikationsnummern auf den Aschegefäßen nach Abholung im Krematorium wohl entweder entfernt oder unleserlich gemacht hatte. In einem Grab soll zudem eine Aschekapsel entdeckt worden sein, in dem sich Sand für Seebestattungen befand.

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