Schreibwarenladen Mildner

Überraschung zum Abschied

Nun ist es vorbei: Der Schreibwarenladen Mildner in Baden hat geschlossen. Das Ende nach fast 50 Jahren wurde mit einer Überraschung gefeiert.
13.09.2020, 15:32
Lesedauer: 3 Min
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Von Gisela Enders
Überraschung zum Abschied

Nun ist es tatsächlich vorbei: Schreibwaren Mildner hat geschlossen. Den Abschied vom Geschäft haben Sieglinde Mildner (vorne) und ihre zum Teil langjährigen Mitarbeiterinnen gemeinsam begossen. Dabei hatten sich die Frauen einiges zu erzählen. Denn in 50 Jahren ist natürlich viel passiert.

Björn Hake

So geht Überraschung! „Zwischen Suppe und Kartoffeln“, also während des Kochens, habe Sohn Sven sie vor die Tür gebeten, beschreibt Sieglinde Mildner den Moment, der ihr wohl lange in Erinnerung bleiben wird. Ein Großteil ihrer „Ehemaligen“ hatte sich am Freitagmittag vor dem Schreibwarenladen an der Badener Bahnhofstraße eingefunden, um gemeinsam Erlebtes noch einmal Revue passieren zu lassen und ihrer Chefin für den bevorstehenden Ruhestand alles Gute zu wünschen. Schnittchen und kühle Getränke, die Anwesenheit der Familie und warmes Frühherbstwetter trugen zum gelungenen Abschluss einer erfolgreichen und vielschichtigen Geschäftsführung bei.

Freude und Rührung, gemischt mit Wehmut und auch Erleichterung; so lässt sich die Stimmungslage der Inhaberin beschreiben, deren Firma fast 50 Jahre lang als Institution in Baden galt. Ganz in Ruhe wolle sie nun abwickeln, was nach dem letzten Öffnungstag am vergangenen Sonnabend noch zu erledigen sei und sich auf nichts Konkretes festlegen. So schlecht könne die gemeinsame Zeit ja nicht gewesen sein, konstatierte Sieglinde Mildner angesichts der vielen Weggefährtinnen, die ihr am Freitag die Ehre erwiesen. Verstohlen wischte sie sich über die Augen und dankte für die vertrauensvolle Zusammenarbeit während der vielen Jahre. Gleichzeitig wies sie darauf hin, dass es bislang keinen Nachfolger gäbe, Eile jedoch nicht geboten sei.

Mit dem Laden aufgewachsen

Ute Golinski ist mit dem Laden aufgewachsen, wie sie sagt. Sie erinnert sich an das Treiben hinter dem Tresen, das zu Inventurzeiten wuselig war. „Da wurden Bleistifte gezählt und Ordner, Hefte und Zigarettenschachteln, eben alles, was in die Liste musste.“ Ein paar Jugendliche seien immer mit von der Partie gewesen, „und am Abend gab es immer Kartoffelsalat mit Würstchen“. Bedauert habe sie, dass das Rezept geheim blieb; allzu gern hätte sie die leckere Variation nämlich nachgestellt. Ein Jahr lang sei sie im Übrigen nicht nur Kundin, sondern auch Mitarbeiterin gewesen, kenne sich also aus zwischen Tabakwaren und Schulbüchern, Fahrkarten und Literatur. Den Umgang untereinander schilderte sie als familiär, die Chefin als sehr umgänglich.

Keines der drei Kinder habe sich je für die Übernahme der Firma interessiert, erklärte Sven Mildner auf Nachfrage. Er habe immer schon Schornsteinfeger werden wollen und diesen Plan verwirklicht; auch seine beiden Geschwister hätten beruflich andere Wege eingeschlagen. So habe die Mutter vom frühen Morgen bis in den späten Abend hinein die Hauptlast getragen, eine Anstrengung, die ihresgleichen suchte. Besonders die Versorgung mit Unterrichtsmaterial zum Schuljahreswechsel habe sie oft an ihre Grenzen geführt, wenn nämlich Atlanten, Mathe- und Englischbücher verteilt werden wollten und bis dahin Flure und Nebengelass verstopften.

Lange Firmengeschichte

Ein weiteres Kapitel in der langen Firmengeschichte sei die Kooperation mit den Verkehrsbetrieben gewesen. Die Organisation von Firmen- und Privatreisen habe immer im Zuständigkeitsbereich des Hauses gelegen; auch Klassenfahrten mit umfangreichem Arbeitsaufkommen gehörten zu den Aufgaben, die Sieglinde Mildner Tag für Tag zu bewältigen hatte. Es sei heute kaum noch vorstellbar, erinnert sich Sohn Sven, dass die dazugehörigen Tickets jahrelang handschriftlich ausgestellt wurden und meine Mutter spätnachmittags mit dem Fahrrad zum Bahnhof radeln musste, um Platzreservierungen vornehmen zu können.

Seit langen Jahren steht Heinz-Hermann Rosebrock der Chefin als Lebenspartner zur Seite. Er sei Tischler, für den Geschäftsbetrieb in keiner Weise geeignet, aber immer darum bemüht gewesen, seine Sieglinde im Alltag zu unterstützen, erzählte der ältere Herr. Große Pläne für die Zukunft hege auch er nicht, Gesundheit sei wichtig, alles andere finde sich. Auch Inge Brammerloh fühlt sich dem Laden und der Familie zugehörig. Unendlich lange habe sie – abgesehen von einer mehrjährigen Pause – als Mädchen für alles fungiert, beraten, verkauft, aber auch die Kinder gewickelt. Bis zum letzten Tag war sie dabei, hat zahlreiche Kolleginnen kommen und gehen sehen.

Als schon fast alles gesagt war, gab sich Bürgermeister Rainer Ditzfeld die Ehre. Bewaffnet mit kleinen Präsenten lobte er Sieglinde Mildner für ihren Fleiß über Jahrzehnte hinweg. „Danke, dass Sie so lange durchgehalten und das Ohr am Kunden gehabt haben“, freute er sich und überreichte Geschenke: einen Kaffeebecher mit Symbolen der Weserstadt und einen Schirm. „Sie haben uns nie im Regen stehen lassen, und dafür danken wir Ihnen.“

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