Handicap-Sport „Sport hat den größten Einfluss“

Abteilungsleiter Manfred Blank spricht im Interview über den Stellenwert und die Probleme der Handicap-Sport-Abteilung beim TSV Achim sowie über den generellen Einfluss von Sport für Menschen mit Handicap.
13.02.2020, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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„Sport hat den größten Einfluss“
Von Patrick Hilmes
Rollstuhlbasketball, Rollstuhlrugby, Handicap-Fußball, Handicap-Laufgruppe, Kinder-Rollstuhl-Sport. Herr Blanke, kann man den TSV Achim mittlerweile als eine kleine Hochburg für den Handicap-Sport betiteln?

Manfred Blanke: Das kann man ganz bestimmt – im Landkreis Verden und noch viel weiter. Mit der Fußballmannschaft des FC Verden 04 haben wir zwar Konkurrenz bekommen, doch die belebt ja das Geschäft. Dadurch sind Spieler von uns zwar „abtrünnig“ geworden, aber Menschen mit einer Behinderung wollen, wenn möglich, nicht weit reisen. Das ist auch okay. Kinder wollen sich bewegen und sollen das auch. Bei uns hat es vor zwölf Jahren mit Fußball angefangen. Unser von der Firma Soiltec gesponserter Cup feierte nun seine elfte Auflage und wir haben auch schon extra ein Special-Euro-Championship mit Mannschaften wie etwa aus Barcelona ausgetragen. Das wollen wir auch wieder tun, doch ein solches Event ist sehr kostspielig, das überfordert einen kleinen Verein wie den TSV Achim allein. Wir haben das aber nicht aus den Augen verloren und kooperieren in dem Bereich auch mit dem SV Werder Bremen.

Wie viele Mitglieder hat der TSV Achim in diesen Sportarten?

Insgesamt sind es 111 Mitglieder – von sieben bis 59 Jahre. Rund 60 Fußballer, zwei sind extra für unsere Laufgruppe eingetreten. Dann sind es 23 Rollstuhlbasketballer, vier in der Kids-Gruppe, 16 beim Rollstuhlrugby und dann noch die Trainer.

Warum ist dem Verein die Handicap-Sport-Abteilung so wichtig?

Der TSV Achim ist an sich ja eigentlich ein Riesen-Ding. Schon früher waren Menschen mit einer Behinderung bei den Sportarten dabei. Aber sie sind nun mal in manchen Bereichen nicht so gut wie Sportler ohne eine Behinderung – zumal die meisten Fußballer eine geistige Behinderung haben. Das führte dazu, dass einige ständig gemobbt wurden. Wir hatten dann vor zwölf Jahren sechs, acht Leute beim Fußball dabei und haben sie dann in eine Trainingsgruppe gesteckt. Sie sind immer mit Begeisterung dabei, das Leuchten in den Augen ist etwas ganz anderes. Wenn man das miterlebt hat, dann will man das fördern.

Und welchen Stellenwert hat der Handicap-Sport im Verein im Vergleich mit den anderen Sportarten?

Wir bauen jetzt unser Vereinsheim um, damit es barrierefrei wird. Ich denke, mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen. Der Handicap-Sport ist gleichgezogen mit allen anderen Sportarten wie Fußball, Handball und so weiter. Der Stellenwert ist nicht größer oder niedriger.

Stichwort Barrierefreiheit: Das ist sicherlich auch ein großes Thema im Verein.

Aber sicher, das fängt schon beim Vereinsheim an. Aber das wird ja jetzt umgebaut. Welcher Verein ist schon barrierefrei? Was man da alles bedenken muss. Bisher hat man zum Beispiel nicht die Möglichkeit, mit dem Rollstuhl auf die Toilette zu kommen. Zudem ist die Halle am Arenkamp für uns die einzige barrierefreie, obwohl sie das auch nicht gänzlich ist. Bei diesem Punkt ist Nico Röger (Spielertrainer der Rollstuhlbasketballer, Anm. d. Red.) dabei. Zum Beispiel gibt es keine barrierefreien Duschen und beim Eingang ist eine Schiene, die dafür sorgte, dass bei einem Turnier ein Rollstuhlfahrer umgekippt ist.

Befinden Sie sich in diesem Punkt im Austausch mit der Stadt?

Ja, im Austausch schon, aber das ist leider eher alles larifari. Zudem: Wenn die Halle umgebaut werden würde, hätten wir in der Zeit überhaupt keine Halle mehr. Man müsste schon erst eine ganz neue bauen.

Wie schultert der Verein eigentlich den finanziellen Aufwand?

Wir fahren nicht mal eben nach Langwedel, Verden oder so. Die Mannschaften müssen weite Wege auf sich nehmen, um an Turnieren teilnehmen zu können. Das sprengt unsere Mitgliedsbeiträge. Wir brauchen immer Sponsoren, ohne geht es nicht. Hinzukommt, dass sich bei den Fußballern etwa 70 Prozent der Eltern nicht wirklich kümmern. Teils beantragen sie sogar eine Beitragsbefreiung. Es ist schon alles ein sehr großer Aufwand, aber nichtsdestotrotz kommen wir in allen Bereichen gut zurecht. Zudem sind wir seit 2016 beim Behindertensportverband gemeldet, vorher hatten wir darüber keine Gelder bekommen. Danach kamen dann auch die Rollstuhlbasketballer und -rugbyspieler.

Abschließend: Sie haben nun reichlich Erfahrung mit Handicap-Sportlern. Welchen Einfluss hat der Sport auf Athleten?

Den größten – Sport ist super wichtig. Bei ihnen hat nichts anderes Vorrang. Wenn die mal nicht zum Training kommen, dann wirklich nur, wenn sie krank sind oder die Betreuer nicht können. Wenn sie beispielsweise ein Tor schießen, dann sind sie wie Schmetterlinge, sie sind gar nicht mehr einzufangen, so sehr freuen sie sich. Man muss sie akzeptieren. Man kann mit jeder Stärke und Schwäche leben, man muss sich nur darauf einstellen. Es wird auch jeder gleich behandelt, wir verarschen die Menschen mit Handicap wie jeden anderen auch (lacht). Wir sind stolz, dass wir diese Menschen bei uns haben.

Das Interview führte Patrick Hilmes.

Info

Zur Person

Manfred Blank (62)

ist seit zwei Jahren Abteilungsleiter der Sparte Handicap-Sport beim TSV Achim und war bereits zu den Anfängen dieser Sportarten beim TSV Achim mit von der Partie. Zudem ist Blanke lizenzierter Fußball-Trainer und -Schiedsrichter.

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