Ehepaar fühlt sich von Rentner schikaniert / „Alles gelogen, das schwör ich bei Gott“ Streit um lauten Toilettendeckel

Seit 1988 leben sie in ihren Reihenhäusern Wand an Wand – Wohnzimmer an Wohnzimmer, Küche an Bad. Obwohl die Häuser offenbar extrem hellhörig sind, gab es keine Probleme. Vor etwa zehn Jahren aber war es mit dem Frieden vorbei, seither pflegen die Nachbarn eine Dauerfehde. Nachdem eine Amtsrichterin den Streitwert hochsetzte, beschäftigt der Fall aus Stuhr jetzt das Landgericht Verden.
14.08.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Streit um lauten Toilettendeckel
Von Anke Landwehr

Seit 1988 leben sie in ihren Reihenhäusern Wand an Wand – Wohnzimmer an Wohnzimmer, Küche an Bad. Obwohl die Häuser offenbar extrem hellhörig sind, gab es keine Probleme. Vor etwa zehn Jahren aber war es mit dem Frieden vorbei, seither pflegen die Nachbarn eine Dauerfehde. Nachdem eine Amtsrichterin den Streitwert hochsetzte, beschäftigt der Fall aus Stuhr jetzt das Landgericht Verden.

Landkreis. Im Saal 256 des Landgerichts Verden sitzen sich vier Männer gegenüber: Ein Kläger und ein Beklagter mit jeweils einem Anwalt an ihrer Seite. Zwischen ihnen, hinter dem Richtertisch, Katharina Krützfeldt. In ihr glimmt ein Fünkchen Hoffnung auf, als der Rechtsbeistand des Beklagten an diesem zweiten Verhandlungstag etwas Neues zu berichten hat: Sein Mandant, sagt er, beabsichtige, sein Reihenhaus in Stuhr zu verkaufen und dahin zu ziehen, wo er geboren sei – nach Fischerhude. Die Gegenseite glaubt das nicht. "Also weiter wie bisher?", fragt die Richterin. Zustimmendes Nicken.

Daraufhin werden drei Zeugen vernommen: Ehefrau, Stiefsohn und Schwiegertochter des Klägers. Noch einmal kommen alle unappetitlichen Einzelheiten auf den Tisch, die dem 72-Jährigen als schikanöses Verhalten vorgeworfen werden. Originalton: Der Mann rülpst und rotzt, gibt laute Würgegeräusche von sich, schreit rum, schmeißt mit Klodeckeln, pinkelt im Stehen. Die Aussagen sollen belegen, warum das Ehepaar T. den Nachbarn W. nicht mehr erträgt und warum es will, dass er keine Geräusche über 45 Dezibel/A macht.

"Letztes Wochenende war mal wieder richtig Alarm", gibt T. zu Protokoll. Der Senior sei betrunken gewesen. "Dann schreit er den ganzen Tag rum, das geht jeden Sonnabend so." Vor Weihnachten sei es besonders schlimm gewesen, erzählt die Ehefrau. "Da war er jeden zweiten Tag betrunken und hat ständig ’Immer dieses blöde Geld’ geschrien." Außerdem kriege er in diesem Zustand "das große Rennen, läuft rein-raus, rein-raus." Nicht nur das: "Er geht dann jede Stunde aufs Klo und schmeißt danach den Deckel."

Frau T. hat der Richterin einen sechsseitigen Brief geschrieben, in dem sämtliche Verfehlungen des Nachbarn aufgeführt werden. Da steht auch, dass W. die Treppe runterspringt. Krützfeldt mag es kaum glauben: "In dem Alter? Erstaunlich!" Nun, da soll sie sich mal nicht vertun. "Der hat eine Konstitution wie ein 40-, 50-Jähriger", weiß die Zeugin."

Dass der Rentner seinen Fernseher immer sehr laut drehe, damit habe man sich arrangiert. "Wir haben uns Kopfhörer gekauft, damit gucken wir jetzt Fernsehen." Und wollten sie in Ruhe lesen, gingen sie nach oben. Von hier aus hat das Ehepaar mit ansehen müssen, wie der 72-Jährige auf seinem Rasen stand und "Übergebungsgeräusche" von sich gab. Sagt Frau T.

Diese akustischen Belästigungen seien nicht etwa normale Alltagsgeräusche. "Der will uns provozieren", so das Ehepaar. Je öfter sie sich beschwerten, desto toller treibe es der Nachbar. Einmal habe sie ihn massiv beschimpft, gesteht die Frau ein. Das war, als sie abends im Garten eine Zigarette rauchte und dabei am Palisadenzaun stand, der die beiden Grundstücke seit einiger Zeit voneinander trennt. "Er hat dagegen gepinkelt. Das ist doch eklig."

Der Stiefsohn sagt aus. Ab und an besucht er die Eltern. Da hat er mitbekommen, wie der Rentner in seinem hinter der Küchenwand befindlichen Bad den Klodeckel mit Schmackes zugeworfen hat. Woher er denn wisse, dass es der Toilettendeckel gewesen sei, fragt die Richterin. "Weil ich direkt davor gehört habe, wie er im Stehen gepinkelt hat", erwidert der Zeuge. Auch seine Frau sagt, dass die Toilettengänge des Nachbarn in der Küche der Schwiegereltern deutlich zu hören seien. "Da vergeht einem der Appetit."

Richterin Krützfeldt weist auf die Rechtslage hin. Der Beklagte könne nur dann zur Unterlassung verurteilt werden, wenn die von ihm ausgehenden Geräusche unzumutbar laut seien oder er sich schikanös verhalte. Was den Klodeckel angehe, sei das ein Problem. "Wie stelle ich fest, ob das Runterklappen mehr als 45 Dezibel verursacht?"

Kläger T. hätte da eine Idee. "Ich habe schon dem Schiedsmann vorgeschlagen, für 14 Tage bei uns einzuziehen." Die Richterin trocken: "Tut mir leid, das ginge weit über meine Dienstpflichten hinaus." Der Vorschlag des Beklagten-Anwalts findet dagegen ihren ungeteilten Beifall. Er rät dem Ehepaar zu Schallschutzmaßnahmen. Drei Zentimeter, sagt er, und zeigt sie zwischen Daumen und Zeigefinger an, könnten sehr viel bewirken. T. signalisiert, dass dies keine Lösung wäre, weil der Nachbar sie ja vorsätzlich provoziere, und zwar immer dann, wenn er allein zu Hause sei. "Wohnten Lebensgefährtinnen bei ihm, war Ruhe – bis er sie rausgeschmissen hat."

Bis hierhin hat W. mit verschränkten Armen und ausgestreckten Beinen zugehört – wie ein Rentner, der entspannt im Straßencafé sitzt und das Treiben um sich herum beobachtet. Doch nun kommt Leben in ihn. "Alles gelogen. Das schwör’ ich bei Gott", ruft er laut. Er habe seine Lebensgefährtin nicht rausgeworfen. "Die hat eine Million durchgebracht. Darum geht das. Und das andere geht Euch gar nichts an", erregt er sich. Der Anwalt legt eine Hand auf seinen Arm. Wenn er sein Haus verkaufe, sagt W., nun etwas ruhiger, dann könne das ein, zwei Jahre dauern. "Ich will das Geld haben, das ich da reingesteckt habe. Eher gehe ich da nicht raus." Richterin Krützfeldt erklärt, dass sie am 4. September das Urteil verkünden wird.

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