Geschäftsbericht: ME International

Tageslicht aus Achim

Künstliches, flackerndes Licht sorgt in Hühnerställen dafür, dass Tiere gestresst sind und sich gegenseitig angreifen sowie verletzen. Eine kleine Firma aus Achim hat etwas dagegen: ein innovatives Lichtsystem.
11.03.2019, 16:44
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Tageslicht aus Achim
Von Kai Purschke
Tageslicht aus Achim

Nina Müller, Geschäftsführerin von ME International Installation GmbH, zeigt die für eine Messe vorbereitenden Strahler, die für ein besonderes Lichtspektrum sorgen.

Björn Hake

Es sei nicht weniger als eine Innovation auf dem Weltmarkt, die da von einem kleinen Achimer Unternehmen realisiert worden sei, sagt Nina Müller selbstbewusst. Die 27-Jährige leitet zusammen mit ihrem Vater Rolf die ME International Installation GmbH, eine in der Geflügelindustrie agierende Firma. „Natürlich hat die Branche ein schlechtes Image. Aber so lange die Massentierhaltung nicht abgeschafft wird, muss man nach Wegen suchen, das Tierwohl zu verbessern“, sagt sie. Das sei der Firma, die sieben Mitarbeiter beschäftigt und ansonsten etwa Brutmaschinen oder Impfgeräte vertreibt, nun mit einem neuen Lichtsystem gelungen.

Denn Hühner sehen UV-Licht, das ihnen herkömmliche Stallbeleuchtungen nicht bieten können. Dieses Problem hat laut Nina Müller zur Folge, dass die Hühner durch zumeist flackerndes Kunstlicht gestresst werden und sie Hierarchien nicht erkennen können, weil sie die anderen Tiere nicht voll wahrnehmen. Mit der flackerfreien in Achim entwickelten Beleuchtung sei es „erstmals möglich“ ein Lichtspektrum nachzubilden, welches im natürlichen Habitat der Tiere als Grundvoraussetzung für eine optimale Entwicklung und ein ausgeglicheneres Verhalten gegeben sei, wie Nina Müller erklärt. Dieses Lichtsystem könne Tageslicht darstellen und vom Landwirt individuell gesteuert werden.

Umgebung erkennen

Ursprünglich hatte die Firma zusammen mit Hochschulen und Instituten an einer innovativen Beleuchtung gearbeitet, dann aber alleine weiter gemacht, „weil es uns zu langsam voranging“. Mit den Achimer Leuchten, dem sogenannten Pollux Lichtsystem, könnten die Hühner ihre Umgebung im Stall wirklich erkennen. „Zunächst zeigten sich die Tiere unter der neuen Beleuchtung merklich entspannt und weitaus weniger gestresst“, blickt Nina Müller auf die Testreihen zurück.

In einem identischen Doppelstall wurde eine Hälfte zehn Monate lang mit einer konventionellen LED-Beleuchtung ausgeleuchtet, die andere mit der Multi-Spektral-Beleuchtung aus Achim. Das Stallpersonal dokumentierte täglich die Entwicklung der Tiere und auch die tierärztlichen Behandlungen wurden in diesem Zeitraum erfasst. „Schnell merkten die Inhaber unserer Testreihen die Elimination des Kannibalismus, die Überflüssigkeit von Antiobiotikaeinsätzen und eine deutliche Steigerung des allgemeinen Zustandes der Tiere“, zählt Nina Müller auf. Sie spricht gar von „unglaublichen Ergebnissen“, die beispielsweise das Publikum auf einer Fachmesse bereits begeistert hätten.

Sterblichkeit halbiert

Denn zugleich seien unter den Achimer Leuchten höhere Befruchtungs- und Schlupfraten festgestellt worden, außerdem seien mehr Bruteier produziert worden, die geschlüpften Küken wogen mehr und die Sterblichkeit der Tiere sei sogar mehr als halbiert worden. „Es gab keine Anzeichen von Federpicken oder Kannibalismus, weshalb keine Verletzungen bei den Tieren vorlagen und auch keine Antibiotika gegeben werden mussten.“

Die Leuchten werden in der Werkstatt der Firma, in der Nina Müller selbst zwei Jahre lang gearbeitet hat, hergestellt. Sie bestehen jeweils aus 28 LED-Einheiten: Sechs Spektralbänder kreieren die gewünschten Lichtkompositionen. Sie können demnach das volle Tageslichtspektrum flackerfrei darstellen und etwa zu vorbestimmten Zeiten auch einen Sonnenaufgang sowie einen Sonnenuntergang simulieren, um den Tieren Ruhezeiten zu ermöglichen. Auch Impfgeräte werden in Achim hergestellt. „Unsere kleineren Maschinen, deren Einzelteile wir übrigens fast ausschließlich von umliegenden Achimer Lieferanten erhalten, liefern wir ausgesprochen erfolgreich in über 60 Länder weltweit“, erzählt die junge Chefin.

Apropos weltweit: Das Achimer System, das als einziges System natürliches Licht darstellen könne, macht sich die Herkunft des Huhns zunutze, das ursprünglich aus dem Dschungel kommt.

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