Interview mit Achimer Firma

„Der Winter wird hart und er wird lang“

Der Lockdown hat die Veranstaltungsbranche bis auf ein kleines Zwischenhoch seit März fest im Griff, die Firmen und Soloselbstständigen müssen sehen, wie sie über die Runden kommen.
16.11.2020, 15:47
Lesedauer: 5 Min
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„Der Winter wird hart und er wird lang“
Von Kai Purschke
„Der Winter wird hart und er wird lang“

Ulrik Borcherdt (links) und Kevin Marks haben im vergangenen halben Jahr auch andere Jobs angenommen.

Björn Hake
Wenn das Jahr 2020 eine Veranstaltung wäre, wie würden Sie sie nennen?

Kevin Marks: Da fallen mir spontan die Shows „1,2 oder 3“ – ob ihr richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht – oder „Kaum zu glauben!“ ein.

Ulrik Borcherdt: Ja, eine Vorabend-Quizshow wäre passend. Es ist aber kaum in Worte zu fassen, mit welchen Extremen man letztlich konfrontiert wurde und wird.

Gastronomen beschweren sich derzeit massiv über den zweiten Lockdown, der ihnen das Geschäft verhagelt. Darüber können Sie wahrscheinlich nur milde lächeln, denn die Veranstaltungsbranche, zu der Ihre Firma gehört, befindet sich quasi seit März im Lockdown. Oder ist Ihnen das Lächeln in den vergangenen acht Monaten vergangen?

Marks: Zwischenzeitlich ist es ja langsam wieder hochgefahren worden, es gab wieder Betriebsversammlungen und Ähnliches. Da war schon ein Fünkchen Hoffnung und dann kam das ganz dicke Brett, weil wieder alles abgesagt wurde, Aufträge wurden reihenweise storniert. Niemand hat beispielsweise mehr eine interaktive Fassadenbeleuchtung benötigt.

Borcherdt: Für Betriebe wie unseren gibt es ja auch keine Chance auf ein wirklich einträgliches Außer-Haus-Geschäft. Der Lichterkettenverleih für kleinere Feiern lief immerhin.

Marks: Ich würde sagen, das Vertriebsgeschäft ist zu 98 Prozent eingebrochen. Und der Rest war eben der Verleih etwa von Bierzeltgarnituren oder atmosphärischer Beleuchtung für Hochzeiten mit nur zehn Gästen, für diesen Kleinverleih stehen wir aber nach wie vor auch.

Wie schwer haben die politischen Entscheidungen Veranstalter, Techniker, Caterer, Messebauer, Künstler und viele mehr aus der Branche getroffen und welche finanziellen Hilfen hat So Light bisher in Anspruch nehmen können?

Marks: Getroffen hat es alle – voll und komplett. Vor allem hatten alle die Hilfsprogramme in den Köpfen, aber es gibt nicht nur die Soloselbstständigen, die durch alle Raster rutschen und bei denen die Hilfsprogramme gar nicht greifen.

Borcherdt: Das ist das Problem. Wir sind hier sieben Leute, aber eben keine zehn, um in den Genuss einer höheren Zuwendung zu kommen.

Marks: Da stimmt die Verhältnismäßigkeit nicht. Die 9000 Euro, die wir einmalig bekommen haben, sind eine nette Geste, verblassen allerdings, wenn man sieht, was alleine die Lufthansa oder die Automobilindustrie bekommen haben. Zumal in unserer Branche nicht jeder Berufszweig Betriebsausgaben hat, die er geltend machen kann. Ein Techniker oder DJ muss keine Lagerräume anmieten. Den meisten Betrieben der deutschen Veranstaltungswirtschaft wird jede Hilfe verwehrt.

Borcherdt: Es ist eine Perspektivlosigkeit vorhanden in der Branche. Der Winter wird hart und er wird lang. Ich tippe mal, dass wir eventuell Ende April wieder Morgenluft wittern könnten – und das auch nur, wenn dann Freiluft-Veranstaltungen auf der grünen Wiese zugelassen sind. Die Leute wollen ja auch gar nicht in geschlossene Räume.

Wie und womit halten Sie sich und Ihre Firma bis dahin über Wasser und wie lange geht das noch gut?

Marks: Indem wir flexibel bleiben und unsere Manpower anderweitig für andere Betriebe einbringen – mit Lkw fahren, in der Rohstoffrückgewinnung oder Kartoffeln schälen für einen Caterer. Denn unsere Fixkosten müssen wir ja trotzdem noch bezahlen, auch ohne Einnahmen. Seit März haben wir Kurzarbeit angemeldet.

Borcherdt: Und wir haben einen Azubi angestellt, der bei uns schon Praktika gemacht hatte. Der passt hier so gut rein, dass wir das möglich machen mussten.

Marks: Ja, den konnten wir nicht vor dem Kopf stoßen. Ansonsten gilt: Wir sind mit unserer kleinen Firma wie eine Familie. Bevor wir jemals einen Mitarbeiter entlassen, verkaufen wir lieber unser Material, das wir uns dann auch leihen können.

So Light hat sich wie viele andere Unternehmen aus der Region der Initiative Alarmstufe Rot angeschlossen, die vor allem in Berlin Stimmung gemacht und dort den Hilferuf der Veranstaltungswirtschaft platziert hat – was ist seitdem geschehen?

Borcherdt: Auf jeden Fall haben wir jetzt eine richtige Lobby, vorher gab es nur einzelne Interessensverbände und viel Konkurrenzdenken. Es wurde ja auch viel mit der Politik gesprochen und die schien die Bedeutung der Veranstaltungswirtschaft als sechstgrößter Wirtschaftszweig mit 100 000
Betrieben und mit über einer Million Beschäftigten zu verstehen, aber es hapert an der Umsetzung, denn: Es kommt bei den Betroffenen nichts an.

Was haben Sie aus den vergangenen acht Monaten, in denen es ein Quasi-Berufsverbot für Sie gab, gelernt?

Marks: Dass wir ein großartiges Team haben, auf das wir uns verlassen können und das geschlossen hinter uns steht.

Borcherdt: Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich mal acht Monate am Stück an jedem Wochenende zuhause bin, das kannten wir ja gar nicht.

Ich hoffe, diese Situation hat Ihren Beziehungen nicht geschadet, wenn Ihre Frauen Sie plötzlich zuhause hatten?

Borcherdt: Nein, nein, wir sind beide noch glücklich verheiratet. Es ist aber erstaunlich, wie viele Nebenkosten man nun verbraucht – vorher waren wir ja immer im Hotel.

Was hat Sie in dieser Zeit am meisten überrascht – in jeglicher Hinsicht?

Borcherdt: Unsere Branche ist ein bunter Haufen, von daher freut es mich, dass wegen der Krise alle Unternehmen an einem Strang ziehen, wenigstens dafür war die Pandemie gut. Es hat mich aber auch überrascht, wie gewisse Menschen zu einem stehen. Wir haben als Firma genau registriert, wer mal nachgefragt hat, wie es uns geht, und wer nicht. Wenn es einem gut geht, wollen nämlich immer alle etwas von einem und klopfen dir auf die Schulter. Und nun in der Krise zeigt sich, welche Leute sich positiv hervortun und von wem nichts gekommen ist.

Marks: Wir freuen uns über großartige Kunden, die ihre Veranstaltungen nicht streichen, sondern sie verschieben oder die versuchen, uns anderweitig zu unterstützen, damit es uns dann noch gibt, wenn sie uns brauchen. Letztlich arbeiten wir in einer Branche, in der uns keiner wahrnimmt, so lange alles funktioniert. Aber wenn bei einem Konzert der Ton ausfällt, dann ist das Geschrei groß.

Borcherdt: Ja, man hat das Gefühl, wir werden auch von der Politik nicht für voll genommen – was verwunderlich ist angesichts der Größe der Veranstaltungsbranche.

Auch in Achim sind Veranstaltungen, an denen So Light mitwirkt, ausgefallen: Afa und Stadtfest. Bis vor Kurzem bestand wenigstens noch Hoffnung auf kirchliche Gottesdienste an Heiligabend mit 250 Besuchern und mit Ihrem Support – in einer beheizten Halle bei Desma. Aber auch das hat sich mittlerweile zerschlagen, warum?

Borcherdt: Wir sind nun darüber informiert worden, dass die beiden Achimer Kirchengemeinden, die das mit unserer Hilfe geplant hatten, wegen der sprunghaft gestiegenen Infektionszahlen im Landkreis Verden davon Abstand genommen haben. Für uns wäre das innerhalb von fünf Tagen zu bewerkstelligen, aber nun hat man sich frühzeitig entschieden, keine Superspreader-Veranstaltung zu riskieren. Die Lage ist eben so.

Wenn selbst Weihnachten dieses Jahr der Pandemie zum Opfer fällt, was macht Ihnen Hoffnung, dass es auch wieder bergauf geht?

Borcherdt: Wir haben fast fertig ausgearbeitete Konzepte in der Schublade, dank denen 400 Leute nächstes Jahr auf der grünen Wiese Veranstaltungen erleben könnten – und das in Achim, Schleswig-Holstein und auf Helgoland. Damit bietet sich die Chance, Geld zu verdienen.

Marks: Wir bleiben optimistisch. Wo Schatten ist, da ist auch Licht. Es wird ein neues Normal geben und weiterhin Veranstaltungen. Die Menschen lechzen nach Unterhaltung und Kultur, aber die wollen sie mit anderen zusammen erleben – wenn auch im kleineren Rahmen als bisher.

Das Gespräch führte Kai Purschke.

Info

Zur Person

Kevin Marks

ist geschäftsführender Gesellschafter der Firma So Light, die es seit 2012 gibt. Er ist 30 Jahre alt und verheiratet. Er lebt seit seiner Geburt in Achim.

Ulrik Borcherdt

ist Inhaber und Gründer von So Light Veranstaltungstechnik. Der 51-Jährige ist verheiratet und lebt ebenfalls seit seiner Geburt in Achim.

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