Volleyball 2. Bundesliga

Werner Kernebeck: „Man muss vor allen Beteiligten den Hut ziehen“

Die Saison 2020/2021 ist für den TV Baden beendet. Im Interview spricht Trainer Werner Kernebeck über die abgelaufene Spielzeit, Partien mit und ohne Zuschauer sowie seinen Wunsch für die kommende Saison.
08.05.2021, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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Werner Kernebeck: „Man muss vor allen Beteiligten den Hut ziehen“
Von Maurice Reding
Werner Kernebeck: „Man muss vor allen Beteiligten den Hut ziehen“

Werner Kernebeck erlebte mit dem TV Baden eine Saison, die Höhen und Tiefen hatte. Am Ende lief das Team auf Platz zehn ein.

Björn Hake
Herr Kernebeck, die Saison 2020/2021 in der 2. Volleyball-Bundesliga Nord war für den TV Baden eine außergewöhnliche: Zuerst durfte noch vor Zuschauern gespielt werden, dann mussten alle Teams ohne ihre Fans auskommen. Mit der Verletzung von Ole Sagajewski trat eine nicht aufhören wollende Verletztenmisere ein. Über den Jahreswechsel stand der Spielbetrieb für mehrere Wochen still. Im März kam die Aussetzung des Abstiegs hinzu, wodurch Sie mit Ihrer Mannschaft den Klassenerhalt vorzeitig sicher hatten. Wie fällt ihr allgemeines Saisonfazit aus?

Werner Kernebeck: Es ist schwierig, ein richtiges Fazit zu ziehen. Allgemein würde ich sagen, dass wir sehr gut durch die Saison gekommen sind. Damit meine ich nicht nur mein Team mit den Widrigkeiten, die wir am Anfang der Saison hatten, sondern auch alles, was drumherum war. Sprich: Hygienekonzept für die Halle oder für das Training, der Spieltag selber mit dem Testen. Das war ein großer Aufwand, den wir betrieben haben, um spielen zu können. Es hat sich auch gelohnt, dass wir das gemacht haben. Schlussendlich muss man vor allen Beteiligten den Hut ziehen, dass es so gut gelaufen ist wie es gelaufen ist.

Die Spielzeit 2019/2020 war ebenfalls besonders, da sie wegen der Corona-Pandemie vorzeitig abgebrochen worden ist. In jener Saison, die Ihre erste als Trainer der ersten Mannschaft war, haben sie das Team auf Platz sechs geführt. Nun ist Rang zehn herausgekommen. Hätten Sie vor der Saison Tabellenplatz zehn unterschrieben?

Nein. Vor der Saison hätte ich gesagt, dass wir uns hinter den ersten vier Teams platzieren können. Irgendwas zwischen Rang fünf und acht wäre realistisch gewesen. Ich glaube auch: Wenn wir die Verletzungsproblematik nicht gehabt hätten, wären wir in diesem Bereich gelandet. Wir müssen aber mit den Situationen umgehen, wie sie sind. Das, was wir beeinflussen können, wollen wir beeinflussen. Das ist auch der Hintergrund hinter meinem Statement, dass es sich schlecht angefühlt hätte, nicht als Trainer weiterzumachen. Wenn wir unter normalen Bedingungen spielen, sind wir stabiler in unserem Volleyballspiel. Da geht es dann nicht immer Spitz auf Knopf zu, sondern wir können die Spiele besser für uns entscheiden.

Die abgelaufene Saison begann mit einem Heimspiel gegen den SV Warnemünde. Zu dieser Partie waren Zuschauer zugelassen. Knapp 80 Fans waren in der Lahofhalle dabei. Was war das für ein Gefühl, nach der längeren Pause wieder vor Fans zu spielen?

Es war ein super Gefühl. Durch den Saisonabbruch war es gefühlt eine Ewigkeit, bis wir wieder gestartet sind. Du trainierst eigentlich nur. Es haben sich alle auf das erste Saisonspiel gefreut, weil wir uns wieder vor Zuschauern auf der Platte zeigen wollten. Die Euphorie und die Motivation waren extrem hoch in diesem Moment. Das hat uns auch das Ergebnis gezeigt (Baden gewann das Spiel mit 3:0, Anm. d. Red.).

Im zweiten Heimspiel haben die Fans Sie und Ihr Team erneut fast zum Sieg getragen. Erst im Tiebreak musste sich der TV Baden dem Kieler TV geschlagen geben.

Auch das war besonders. Natürlich sind die Spiele gegen Kiel immer etwas Besonderes, weil zwischen Kiel und dem TV Baden Freundschaften geschlossen wurden. Da will sich jeder so gut wie möglich präsentieren. Das war ein sehr gutes Zweitligaspiel.

Gleichzeitig war es aber auch das letzte Saisonspiel, das der TV Baden vor Zuschauern austragen durfte. Hat die Geisteratmosphäre dazu beigetragen, dass die eine oder andere Partie nicht zugunsten Ihrer Mannschaft ausging?

Schwer zu sagen. Was man sagen muss: Wenn Spiele ohne Fans ausgetragen werden, ist es nicht vergleichbar. Es hat einen anderen Charakter. Da haben alle Mannschaften erst mal gebraucht, um mit der Situation klar zu kommen. Das war für alle neu, es waren gefühlt Testspiele unter Wettkampfbedingungen.

In der Partie gegen Kiel verletzte sich Ole Sagajewski, danach kamen immer wieder neue Ausfälle hinzu. Was für Gedanken schossen Ihnen angesichts der nicht aufhören wollenden Verletztenmisere durch den Kopf?

Als Erstes denkst du daran, was du verändern kannst. Was habe ich im Training falsch gemacht oder habe ich eine bestimmte Belastung nicht richtig gesteuert? Dann reflektierst du: Welche Verletzung ist es? Konnte ich sie so steuern, dass sie nicht passiert? Ich bin dann zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht ganz so viel an den Verletzungen hätte ändern können. Bei Ole Sagajewski ist das Problem über Jahre gewachsen. Patrick Pfeffer ist mit Jan-Henrik Radeke zusammengestoßen, genauso wie Moritz Wanke bei seinem Fingerbruch mit Simon Bischoff. Bei Ole Seuberlich war es eine Verletzung, die schnell passiert. Einmal schnell angetreten, schon hat man eine Muskelverletzung. Wenn die Schulter so viele Schlagbewegungen macht, ist ein gewisser Verschleiß da. Das sind keine Verletzungen, wo ich sage: Ich habe im Training völlig falsch gesteuert. Aber man macht sich über so etwas natürlich Gedanken.

Trug die Verletztenmisere dazu bei, dass fünf Spiele in Folge mit 0:3 verloren gingen?

Ich musste teilweise in der Woche vor dem Spiel das Training umgestalten, weil sich jemand verletzt hat. Du stellst die Mannschaft danach auf, was man in dieser Situation überhaupt noch machen kann. Du musst spielfähig sein und bleiben, weißt aber: Es müssen schon mehrere Dinge gut laufen, um Punkte zu holen. Diese Phase haben wir versucht zu überstehen und haben sie überstanden. Es geht darum, aus jedem Spiel – auch wenn du es 0:3 verlierst – die Punkte zu analysieren und reflektieren, die positiv waren und die in die nächste Trainingswoche und das kommende Spiel mitnehmen, ohne das Negative komplett zu vergessen. Man muss mehr auf das Positive schauen. Im Nachhinein ist es nachvollziehbar, warum wir in der Phase keine oder nur wenige Punkte geholt haben.

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Neben den vielen Ausfällen und mehreren Pleiten kam über den Jahreswechsel der nächste Einschnitt in der Saison. Die Volleyball-Bundesliga verordnete wegen der steigenden Corona-Infektionszahlen eine mehrwöchige Zwangspause bis Mitte Januar. Hat es unter den Gegebenheiten noch Spaß gemacht?

Es waren natürlich Momente da, wo alle Schwierigkeiten hatten, sich voll zu motivieren, weil immer wieder etwas Neues kam. Auf der anderen Seite haben wir uns immer wieder gesagt: Wir sind absolut privilegiert in dieser Situation, wir dürfen Sport machen – mit unseren Kumpels. Wir treffen uns dreimal die Woche und können zum Spiel fahren. Dieser ganzen Misere durch Corona konnten wir an drei, vier Tagen die Woche entfliehen. Wenn man sich das vor Augen führt, baut man automatisch eine Motivation auf.

Wie haben Sie die Spieler in der Zeit erlebt?

Sie haben sich auf jedes Training und Spiel gefreut und wussten das Privileg, spielen zu dürfen, zu schätzen. Menschen sind in ihrer Emotionslage unterschiedlich. Es gibt natürlich die einen, die emotionsgeladener sind und andere, die das weniger sind. Allen war bewusst, dass das etwas Besonderes war, was sie machen durften. Sie hatten Lust, sich mit den Jungs zu treffen und zu den Spielen zu fahren – alles, was man sonst nicht darf. Das konnte man die ganze Zeit spüren und in den Gesichtern auch immer wieder sehen. Wir hatten Lust und Bock auf den Sport.

Wie haben sich die Einschränkungen auf Ihre Arbeit allgemein als Trainer ausgewirkt?

Training und Spielvorbereitung liefen so wie sonst auch. Da gab es zu einer normalen Saison keine Unterschiede. Der Unterschied am Spieltag war, dass keine Zuschauer da waren. Man konnte sich deshalb während des Spiels unterhalten. Das ist etwas ganz Neues gewesen, was in manchen Hallen nicht so einfach ist. Wenn ich da an Kiel denke, wo 500 Zuschauer in der Halle sind und ihr Team anfeuern: Da ist es schon schwieriger, von der Trainerseite den Spieler auf der anderen Seite verbal zu erreichen. Das war in dem Moment etwas Positives.

Nach dem Spiel beim PSV Neustrelitz hat der TV Baden fast durchgehend überzeugt und sich mit dem einen oder anderen Punkt belohnt. Was waren die Gründe für den Leistungsumschwung?

Nach den ganzen Verletzungen ist Alexander Decker aus der zweiten Mannschaft zu uns hochgekommen. Am Anfang hat er noch ein bisschen Zeit gebraucht. Nach dem Spiel in Neustrelitz hat Rädchen für Rädchen – beispielsweise die Umstellungen – wieder ineinander gepasst, was vorher durch ständiges Neuorientieren des Teams nicht funktioniert hat. Ole Seuberlich kam zurück und hat direkt wieder gut gespielt. Daran kann man dann auch erkennen, dass man es schaffen kann. Was immer schon bei uns funktioniert hat, ist die Block-Feld-Abwehr. Wir kämpfen in jedem Spiel, auch wenn wir klar verlieren. Die Abstimmung kam Schritt für Schritt zurück. Wie heißt es dann so schön: Dann kommen die Ergebnisse automatisch.

Welche Spieler haben in dieser Saison besonders überzeugt?

Ich finde es immer schwierig, jemanden herauszunehmen. Was ich aber sagen muss und alle anderen auch gesehen haben: Alexander Decker war – wie er trainiert und gespielt hat – schnell wieder auf Zweitliga-Niveau. Das ist eine super Entwicklung. Als sich unser Libero Nummer eins Jan-Henrik Radeke in Schüttorf verletzt hat, ist Simon Bischoff eingesprungen. Generell kann man sagen: Jeder, den wir diese Saison gebraucht haben oder eingesprungen ist, hat sofort funktioniert. Deshalb ist es schwierig, einzelne Spieler herauszunehmen. Jedem war seine Aufgabe in diesem Moment bewusst und hat sie dann auch erledigt. Das gehört ein Stück weit zu einem intakten Mannschaftsgefüge dazu und war sehr, sehr schön zu sehen. Insgesamt haben sich aber alle gut entwickelt.

Normalerweise wird der Saisonabschluss beim TV Baden gebührend mit den Fans gefeiert. Das finale Heimspiel gegen Neustrelitz fand aber ohne Zuschauer statt. Wie sehr haben die Fans in diesem Moment gefehlt?

Das tat allen ein bisschen weh. Du willst dich von den Fans verabschieden, bedanken und irgendwas von dem Privileg zurückgeben, das du die ganze Zeit genossen hast. Das durften wir in dem Moment nicht und war daher frustrierend.

Wenn Sie einen Wunsch für die kommende Saison frei hätten, welcher wäre das?

(überlegt) Mit dem Team verletzungsfrei vor Zuschauern spielen. Damit habe ich mehrere Wünsche in einen gepackt (lacht).

Das Interview führte Maurice Reding.

Info

Zur Person

Werner Kernebeck (53)

ist seit Ende Oktober 2019 Trainer der ersten Mannschaft des Volleyball-Zweitligisten TV Baden. Der 53-Jährige übernahm das Amt von Fabio Bartolone. Zuvor hatte Kernebeck die Reserve der Schwarz-Weißen trainiert. Unter seiner Regie belegte der Klub aus dem Weserort im Volleyball-Unterhaus die Tabellenplätze sechs und zehn. Kürzlich verlängerte der Coach seinen Vertrag um eine Saison.

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