Serie „Blick zurück“

Als die Welt aufs Weserstädtchen blickte

Die Schotten an der Weser: Für die Dänen kämpfen schottische Söldner einst vor 400 Jahren in Achim.
04.09.2020, 16:48
Lesedauer: 5 Min
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Von Rainer Pöttker
Als die Welt aufs Weserstädtchen blickte

Die Wälle der Schwedenschanze, die von den Dänen erbaut wurde.

Sammlung Rainer Pöttker

Vor gut 400 Jahren begann im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ ein Krieg, der mit dem Fenstersturz im fernen Prag seinen Anfang nahm und Habsburgs Gegenschlag trieb Europa drei Jahrzehnte in einen Strudel von Gewalt Krieg und Verwüstung. Diese Konfessions-Katastrophe riss Deutschland in den Abgrund, es erholte sich jahrhundertelang nicht. Die Feldzüge und Schlachtfelder zogen sich über das ganze Land hin und der Krieg entwickelte sich zum blutigen Geschäft mit Söldnern aus ganz Europa. Die Auseinandersetzungen erfassten Deutschland nicht flächendeckend und es sollte noch acht Jahre dauern, bis die Kriegsfurie die hiesige Gegend erreichte, wo es doch eigentlich nicht viel zu holen gab.

Am 27. August 1626 schlug der Oberbefehlshaber der katholischen Liga, Graf von Tilly, den nach Süden vorstoßenden Dänenkönig Christian IV. als Heerführer und Beschützer der niedersächsischen Protestanten in einer der verlustreichsten Schlachten des großen Krieges am Harz bei Lutter am Barenberge. Im Dänischen Heer fielen an die 4000 Mann, etwa ebenso viele Söldner desertierten oder liefen zur feindlichen Armee von Tilly über, es fielen auch 100 Fahnen, 22 Geschütze und der größte Teil seiner Bagage in Feindeshand. Tillys Verluste dagegen soll nur etwa 700 Mann betragen haben.

Schanze in Uphusen

Der Winter 1626/27 brachte dann für sämtliche Armeen die übliche Kampfpause. Die Engländer und Holländer als dänische Bundesgenossen zögerten aufgrund der totalen dänischen Niederlage, direkt in das Kampfgeschehen einzugreifen. Sie unterstützten ihn aber durch die Entsendung von schottischen und englischen Söldnertruppen, die sich umgehend in die bei Uphusen aufgeworfene Schanze oder den „Landwehrgraben“ begaben. Das Schottenregiment unter Sir Donald Mackay, Oberst im Dienste Seiner Majestät von Dänemark, traf gegen Ende des Jahres 1626 auf dem Schiffswege in der Festung Glücksstadt an der Elbe ein.

Wenn die Truppenstärke durch die schweren Kämpfe dezimiert wurde, füllte man sie durch geworbene Söldner aus Schottland wieder auf. Der Dänenkönig kam 1627 zur Aufstellung der neuen Verteidigungslinie durch Achim, um diese Zeit blickte die Weltöffentlichkeit auf das Weserstädtchen und die starken Befestigungsanlagen. Große Truppenverbände zogen sich an der Weser zusammen, und die ersten deutschen Zeitungen brachten in kurzen Abständen Berichte aus dieser Region.

Die in Stuttgart herausgegebene Zeitung – mehr ein Propagandablatt – berichtete darüber im April 1627: „Vom Weserstrom schreibt man folgendergestalt: Zu Staden seien etlich hundert Schotten für den König in Dänemark angekommen, deren sollen noch etlich tausend folgen, sonst wird der König nun mehr aufziehen, den Kaiserischen von Bremen aus den Pass zu sperren zu Achim, wo starke Schanzen und eine Schiffsbrücke über die Weser zu machen und daselbst ein Lager zu schlagen. In Nienburg seien vor zwei Tagen 400 Wagen mit Proviant angekommen und ein Scharmützel bey Üse so bey Achim liegt geschehen, auch solle der König sich jetzt vorm Langwedel sich verschanzen.“

Aus dem Tagebuch des Robert Monro

Robert Monro, der zu dieser Zeit als Leutnant im Schottenregiment Mackay diente, berichtet später in seinem Tagebuch: „Als wir uns nach unserem Marsch zu Weser mit den Streitkräften des Generals Morgan vereinigt hatten, wurden wir in offenen Dörfern einquartiert, nicht weit weg vom Feind.“ Für ihn sei es ein Glück, gleich in der ersten Nacht Wache zu haben, als Hauptmann der Wache alle Posten zu beaufsichtigen. Die Straße zum Dorf – vermutlich Uphusen – war an allen Punkten mit geeigneten Wachen und Posten gut besetzt. „Um uns auf die Probe zu stellen, da wir ja noch junge Soldaten waren, gab General Morgan, der von vier Gentlemen mit Feuergewehren begleitet wurde, in der Stille der Nacht auf unseren Außenposten einen Schuss ab“, schrieb Monro.

Und: „Unser Posten zog sich, nachdem er zurückgeschossen hatte, auf den nächsten Posten zurück. Als ich fand, dass sich der Alarm immer weiter fortpflanzte, ließ ich die Wache heraustreten und befahl deren Sergeanten, mit zwölf Musketieren vorzurücken und mit dem Feind zu scharmützeln. Ich wollte erfahren, welche Bewandtnis es mit diesem Alarm habe und welchen Hinterhalt der Feind uns lege.“

Abmarsch aus Achim

Ebenso ist Monros Aufzeichnungen zu entnehmen: „Da der Oberst und der Oberstleutnant abwesend waren, hatte Major James Dumbarre den Oberbefehl und er bekam alles, was für unseren Marsch nötig war: Munition, Proviant und Wagen für unser Gepäck. Unsere Kranken, für die gesorgt wurde, ließen wir zurück, und wir brachen am 10. Juli 1627 von der Weser auf, begleitet von einem Regiment zu Pferde, das abkommandiert war, um unseren Marsch zur Elbe zu decken.“ Damit verlieren sich die Schotten aus dem Bereich Achim.

Sie marschierten und kämpften neun Jahre für wechselnde Kriegsherren durch den 30 Jahre andauernden Krieg auf deutschem Boden. Nach dem Lübecker Frieden im Mai 1629 dankte das Schottenregiment Mackay aus dänischen Diensten ab. Im November 1629 trat es mit 1400 Soldaten in zwölf Kompanien in den Dienst des schwedischen Königs Gustaf II Adolf, nach seinem Tode löste sich das Regiment unter Monro auf und „verlief sich im Kriege“ oder kehrte nach Schottland zurück.

Damit war das Elend für die hiesigen Dörfer nicht vorbei, denn die Kaiserlichen unter Graf Anhold sammelten die Truppen im Hoyaischen, überquerten die Weser auf einer Schiffsbrücke bei Uesen, besetzten im September 1627 das Gohgericht Achim und pressten den Unterhalt für die Soldatska aus der schon verarmten Bevölkerung.

Auf nach Ottersberg

Aber alle Beschwerden des Gohgräfen Alverich Clüver halfen nichts. Aus dem kaiserlichen Quartier zu Achim berichtete man am 24. September 1627: „Nachdem die große Schantz an der Ostseite der Weser erobert (die sogenannte „Schwedenschanze“ bei Uphusen), hat man gegenüber in der niedrigen Schanz dem Gubernator Schäff genannt auch angemuthet, dass er quittieren solle. Welcher geantwortet hat, er sei ein Teutscher, gedächte nicht, wie seine Gesellen auszureißen sondern zu fechten. Also hat man die Stuck (große Kanone) aus der großen Schantz darauf gestellet und der Obrister Gallas den Ernst sehen lassen, worauf er endlich den 25. September mit Accord abgezogen. Also ist der Bremer Paß nunmehr ganz und gar eröffnet. Ihre Excellenz marschieren fort, um die üebrigen Oerter als Ottersberg, Bremervördt und was sonsten noch uebrig, einzunehmen.“

Graf Anhold verfolgte die flüchtenden Engländer und Schotten bis an die Elbe. Über Achim wird berichtet: „Hier sind über 50 Feuerstätten abgebrannt, es stehen noch drei Häuser, es sind keine Leute da außer ein paar weinende Kinder.“ Hier war ein Pulverwagen des Dänenkönigs in die Luft geflogen und hatte das Dorf bis auf die Kirche in Schutt und Asche gelegt. In den Nachbardörfern sah es ebenfalls schlimm aus, die Häuser waren teilweise abgebrannt und die Bewohner waren tot oder geflüchtet.

Heute erinnert sich kaum ein Uphuser noch an die von den Dänen gebauten „Schwedenschanzen oder Landwehrgraben“ am Ortsausgang von Uphusen beim Kilometerstein 23,1 in Richtung Verden in den bis zu 16 Meter hohen Dünen zwischen Uphusen und Bierden. Im Jahre 1960 standen die Reste der geschichtsträchtigen Befestigung noch unter Denkmalschutz und 1962 fielen sie dem Sandhunger des Wiederaufbaus im beginnenden deutschen Wirtschaftswunder zum Opfer.

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