Waldheim-Werkstätten in Achim

Arbeiten im neuen Normal

Weil es noch lange Zeit ein Beschäftigungsverbot gab und es nach Wiederaufnahme des Betriebs die Corona-Vorgaben zu beachten galt, mussten die Waldheim-Werkstätten alles auf links ziehen und Platz anmieten.
12.10.2020, 16:06
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Arbeiten im neuen Normal
Von Kai Purschke
Arbeiten im neuen Normal

Für die Beschäftigten der Waldheim-Werkstätten galt wegen der Corona-Pandemie noch ein Arbeitsverbot, als der Shutdown für andere Betriebe und Einrichtungen längst aufgehoben war.

FOCKE STRANGMANN

Die Corona-Pandemie mit dem verordneten Shutdown im Frühjahr hat nahezu allen Betrieben und Einrichtungen im Landkreis Verden alles abverlangt – personell wie finanziell. Dass die Verfügungen zum Teil aber pauschalisiert erlassen wurden und etwa Altenheime mit Behinderteneinrichtungen gleichgesetzt wurden, hat zur Verstimmung bei den Verantwortlichen der Waldheim-Gruppe geführt. „Das ist auch im Sinne der Inklusion schon als sehr kritisch zu sehen, dass da nicht differenziert wurde“, blickt Dieter Haase, Vorstandsmitglied der Waldheim-Gruppe im Gespräch mit unserer Zeitung auf die Ungleichbehandlung zurück. Denn als das (Arbeits-)Leben allerorts schon längst wieder im neuen Normal lief, herrschte für die Beschäftigten der Waldheim-Werkstätten, die in Wohngemeinschaften und -heimen leben, noch bis in den Spätsommer hinein ein Berufsverbot.

Nur ein paar Beschäftigte, die zuhause nicht betreut werden konnten, durften seit März weiter arbeiten – etwa in der Wäscherei der Stiftung Waldheim, wo der Betrieb gerade aufrecht gehalten werden konnte. Das seien aber nur etwa zehn von rund 200 Beschäftigte mit Handicap gewesen, sagt Haase. Die Mitarbeiter der Waldheim-Gruppe bekamen Nähmaschinen, um Stoffmasken zu fertigen. 17 000 Stück wurden es am Ende laut Haase, wobei der Großteil für den Eigenbedarf genäht wurde, Kontingente aber auch über die Alte Apotheke oder direkt an Firmen verkauft werden konnten. Die Produktion fand im von den Waldheim-Werkstätten betriebenen Café im Clüverhaus sowie in den Tagesförderstätten der Stiftung Waldheim statt. Der Notbetrieb der Werkstatt, die fortan ohne Beschäftigte auskommen musste, wurde ebenfalls von den Mitarbeitern geregelt.

Ende Juli, Anfang August, so schildern es Dieter Haase und Waldheim-Werkstätten-Leiter Marcus Scherge, sei der Betrieb dann wieder angelaufen, die Beschäftigten durften an ihre Arbeitsplätze zurückkehren. Allerdings mussten sämtliche Räume in Achim sowie die Organisation wegen der Hygienevorgaben „auf den Kopf gestellt und auf links gezogen werden“, wie Scherge es ausdrückt. So mussten die eigentlich festen Arbeitsgruppen aufgelöst werden, die behinderten Beschäftigten durften nur noch mit den Menschen zusammenarbeiten, mit denen sie auch eine Wohngemeinschaft bilden. Für diese Trennung reichten die Kapazitäten in der Werkstatt nicht mehr aus. „In Thedinghausen haben wir neben der Wohnstätte ein Festzelt als Arbeitsplatz errichtet, das können wir wegen der kalten Jahreszeit jetzt aber nicht mehr nutzen“, sagt Dieter Haase.

Während eine Arbeitsgruppe im ehemaligen Café Chic in Achim aktiv war, mietete die Stiftung Waldheim kurzfristig noch 500 Quadratmeter Bürofläche bei Doyma in Oyten an. „Denn wir hatten plötzlich keinen Pausenraum, keine Konferenz- und Besprechungsräume und keine Turnhalle mehr“, schildert Scherge. Selbst die Küche der Waldheim-Werkstätten wurde als Werkstattraum benötigt. Die Einrichtung platzte aus allen Nähten, damit die erforderlichen Mindestabstände eingehalten werden konnten. „Wir haben wirklich alles umbauen müssen und sind noch dabei“, erklärt Werkstattleiter Marcus Scherge.

Dass die Beschäftigen, die im Wohnheim leben, zuvor zeitweise nicht arbeiten durften, hatte auch zu personellen Problemen bei ihrer Betreuung geführt. Waren sie sonst acht Stunden des Tages arbeiten und mussten in ihrer Wohnform „nur“ 16 Stunden lang am Tag betreut werden, waren es nun 24 Stunden. Daher hat die Waldheim-Gruppe laut Haase 15 bis 20 neue Kräfte für die Betreuung einstellen müssen. „Die kann ich noch nicht genau abschätzen“, sagt Haase auf die Frage nach den Kosten für die corona-bedingten Umstrukturierungen, die sowohl baulich als auch organisatorisch notwendig waren. Aber jeden Freitag komme der Waldheim-Krisenstab zusammen, um die neuesten Auflagen zu besprechen, die immer freitags aktualisiert vorliegen. „Und dann müssen wir schnell reagieren, damit wir es ab dem Montag drauf umsetzen können“, erzählt Haase.

Er spricht von „Glück“, dass es bisher weder in den Wohnformen noch in den Wald-Werkstätten zu einem Corona-Fall gekommen sei. Waren Bewohner und Beschäftigte oder Mitarbeiter getestet worden, seien diese Tests bisher stets negativ ausgefallen. Und immerhin verzeichne die Stiftung Waldheim neben insgesamt 800 Bewohnern über 800 Mitarbeiter. „Das hat bisher gut geklappt“, resümiert also Haase.

Zumal es auch beeinträchtigte Bewohner gäbe, die wegen ihrer Behinderung keine Maske tragen könnten. „Das läuft aber alles ziemlich gut soweit“, freut sich auch Marcus Scherge darüber, dass die Beschäftigten der Waldheim-Werkstätten die Regeln einhalten. Wenn man es also überhaupt „normal“ nennen könne, laufe zumindest der Betrieb in der Einrichtung in Bierden wieder normal. Oder wie Haase es ausdrückt: „Wenn jemand von außen auf die Werkstatt schaut, sieht er vorne Produkte rein- und sie hinten wieder rauskommen“.

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