Vorleseprojekt in Achim

Wenn aus Mäusen Leseratten werden

Das Vorlesen ist für Grundschüler sehr wichtig. Doch in vielen Familien wird dies nicht geübt – insbesondere, wenn die Muttersprache der Eltern nicht Deutsch ist. Hier setzt das Projekt „Lesemaus“ an.
18.11.2019, 17:11
Lesedauer: 2 Min
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Wenn aus Mäusen Leseratten werden
Von Björn Struß
Wenn aus Mäusen Leseratten werden

Mit der Geschichte vom Sams und Herrn Taschenbier hat Maja Grunert (rechts) ein beliebtes Kinderbuch mitgebracht.

Björn Hake

Lesen und Schreiben zu lernen, muss sich für Kinder in etwa so anfühlen, wie für einen Erwachsenen das Entziffern von Hieroglyphen. Erst Stück für Stück werden aus den merkwürdigen Zeichen Wörter, dann irgendwann Sätze und später eine ganze Geschichte, die sich im Kopfkino abspielt. Für diesen Prozess ist das Vorlesen wichtig – nicht nur in der Schule, auch daheim. Doch dieser zweite Teil des Lernens fehlt in manchen Familien, insbesondere wenn die Muttersprache nicht Deutsch ist.

Hier setzt das Projekt „Lesemaus“ an. Einmal pro Woche versammeln Sozialarbeiter Mehmet Ateş und FSJlerin Maja Grunert eine Gruppe von etwa 16 Grundschülern im Bürgerzentrum Magdeburger Viertel, um gemeinsam zu lesen. In welcher Reihenfolge die „Lesemäuse“ vorlesen, bestimmt der Zufall. „Mit einer Leseschwäche trauen sich viele zunächst nicht, vor einer Gruppe zu lesen“, sagt Grunert. Doch das Gefühl, mit diesem Problem nicht allein zu sein, sei eine große Hilfe. Inzwischen gibt es unter den Grundschülern auch echte Vorbilder, die völlig unaufgeregt einen Absatz nach dem nächsten lesen.

FSJ in der Stadtbücherei

Grunert ist es gelungen, sich binnen weniger Wochen bei den Grundschülern beliebt zu machen. Insbesondere die Mädchen begrüßen sie mit strahlenden Augen. „Vielleicht liegt das in der Familie. Meine Mutter ist Erzieherin“, sagt Grunert. Schon als Leiterin einer Pfadfindergruppe habe sie gemerkt, dass sie einen guten Draht zu Kindern und Jugendlichen aufbauen kann. Deshalb könne sie sich vorstellen, für ihren beruflichen Weg eine pädagogische Richtung einschlagen. Im September begann für die 18-Jährige aber zunächst das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) in der Stadtbücherei. Zu ihren Aufgaben gehört es auch, am Freitag das Bürgerzentrum zu besuchen, um mit den Lesemäusen für 90 Minuten in die Welt der Kinderbücher einzutauchen.

Während die Kinder vorlesen, hält sich Grunert zurück. Sie hilft nur, wenn ein schwieriges Wort so gar nicht über die Lippen gehen will. Grunert achtet aber auch darauf, dass die Kinder die gelesenen Worte auch verstehen. „Spotten – weiß jemand, was das bedeutet?“, fragt sie in die Runde. Ein Mädchen verwechselt den Begriff mit dem Stottern, doch eine andere Grundschülerin ist auf der richtigen Fährte. Sie ist schüchtern, doch Sozialarbeiter Ateş ermuntert sie, das Wort zu ergreifen. „Wenn man schlecht über jemanden redet“, sagt sie. Neben einem Lob von Ateş erntet sie auch aus der Gruppe viele anerkennende Blicke. Die Schüchternheit verwandelt sich für einen Moment in Stolz.

Idee entstand nach Flüchtlingskrise

Die Idee für das Kooperationsprojekt zwischen Stadtbibliothek und Bürgerzentrum entstand vor etwa drei Jahren. Wenige Monate, nachdem in Folge der Flüchtlingskrise auch Achim vor der Aufgabe stand, die neuen Mitmenschen zu integrieren. „Viele Familien habe ich selber angesprochen“, erinnert sich Ateş. Einige Schützlinge seien vom ersten Tag dabei und hätten beeindruckende Fortschritte gemacht. „Es geht uns darum, Lesestärke zu vermitteln und die Kinder von den Handys wegzuholen“, erklärt der Sozialarbeiter. Sehr beliebt seien die Märchen der Gebrüder Grimm, insbesondere die Geschichte der Bremer Stadtmusikanten gefalle den Kindern.

Zum Abschluss ist Kreativität gefragt: Mit einer Bastelarbeit oder gemalten Bildern sollen die Kinder die soeben gehörte Geschichte verarbeiten. Diese letzten rund dreißig Minuten haben auch den Charakter einer Belohnung und sorgen dafür, dass sich der Besuch des Bürgerzentrums nicht wie Nachhilfe anfühlt.

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