Existenzgründerinnen aus Verden/Landkreis und Europäische Förderprojekte bieten Unterstützung

Wenn Frauen ihr eigener Boss sind

Für Frauen, die sich aus der Arbeitslosigkeit heraus selbstständig machen wollen, gibt es im Landkreis Verden viele Fördermöglichkeiten. Pamela Chance hat es geschafft, andere Frauen stehen gerade erst am Anfang.
03.05.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wenn Frauen ihr eigener Boss sind
Von Anna Zacharias
Wenn Frauen ihr eigener Boss sind

Eröffnen ihre eigene Nähstube: Kerstin Kohls-Behnken (links) und Wiebke Lüders (rechts) machen sich gemeinsam in Langwedel selbstständig. Sie wollen dort unter anderem Nähkurse anbieten und Dessous nach Maß anfertigen. Foto: Zacharias

Für Frauen, die sich aus der Arbeitslosigkeit heraus selbstständig machen wollen, gibt es im Landkreis Verden viele Fördermöglichkeiten. Pamela Chance hat es geschafft, andere Frauen stehen gerade erst am Anfang.

Verden·Langwedel. "Das schaffst du nicht". Diesen Satz hatte Pamela Chance oft gehört, bevor sie den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. Heute hört sie ihn nicht mehr. Seit neun Jahren ist sie schon als "Personal Trainerin" ihr eigener Boss und verdient ihr Geld damit, ihre Kunden körperlich fit zu halten, sie zu sportlicher Betätigung anzutreiben oder sie beim Abnehmen zu unterstützen.

"Zu uns kommen viele Frauen, die durch die Familienzeit in ihrem Beruf den Anschluss verloren haben", sagt Ulrike Helberg-Manke, Leiterin der Koordinierungsstelle Frauen und Wirtschaft, die es im Landkreis Verden bereits seit 15 Jahren gibt. Für einen konkreten Geschäftsplan müssen sich die Frauen nach einer Beratung bei ihr allerdings an eine Unternehmensberatung wenden. Warum Frauen im Gegensatz zu Männern eine besondere Förderung brauchen? "Es sind trotz einiger Veränderungen immer noch die Frauen, die durch die Familiengründung aus dem Beruf aussteigen und Probleme mit dem Wiedereinstieg haben", erklärt Helberg-Manke.

Pamela Chance ist in Göttingen geboren und zog mit ihrer Familie nach New York, als sie sechs Jahre alt war. Nach fünf Jahren ging es nach Madrid und schließlich zurück nach Deutschland, wo sie in Northeim ihr Abitur machte. "Ich bin viel herumgekommen. Dadurch habe ich zwar drei Sprachen und viele Kulturen kennengelernt, aber ich musste mich auch oft anpassen", sagt sie heute.

Den Schritt in die Selbstständigkeit hat Pamela Chance nie bereut. Zu ihren Kunden zählen Ärzte, Manager und Führungskräfte – aber zum Beispiel auch ein junger Fußballer, der es in die Bundesliga schaffen will. "Als ich 2003 die Idee hatte, gab es noch nicht so viele Personal Trainer in Deutschland, und hier in der Region um Verden war ich die einzige", erzählt sie.

Die Diplom-Sportwissenschaftlerin hatte ihre feste Anstellung als Sporttherapeutin in einer Klinik aufgegeben und wurde deswegen von Freunden und Bekannten für verrückt erklärt. Heute weiß sie, dass sie den richtigen Schritt gemacht hat.

"Ich bin ein freiheitsliebender Mensch", sagt sie. Dass sie an sich und ihre Idee geglaubt hat, hänge auch mit dem amerikanischen Einfluss in ihrem Leben zusammen. "Man muss sich auf sein Ziel konzentrieren. Wenn man denkt, dass man scheitert, bringt es nichts", sagt sie. Hierzulande hätten viele Menschen Angst davor, diesen Schritt zu wagen und würden sich von diesen Ängsten von ihren Träumen abhalten lassen.

In einem frisch eingerichteten Raum am Bürgerpark 6 in Langwedel sitzt Wiebke Lüders an der Nähmaschine. Die letzten Vorbereitungen müssen getroffen werden, denn am 4. Mai geht es hier mit einem Tag der offenen Tür los. Sie und Kerstin Kohls-Behnken stehen noch ganz am Anfang. Ihre Angst vor der Selbstständigkeit hatten sie schnell überwunden – ihnen blieb keine andere Wahl.

"Als wir im vergangenen Jahr arbeitslos wurden, machte man uns bei der Agentur für Arbeit schnell klar, dass es in unserem Alter nicht mehr viele Möglichkeiten gibt", sagt die 52-jährige Kohls-Behnken. Die beiden Frauen kennen sich seit über 30 Jahren. Gemeinsam haben sie ihre Ausbildung zu Schneiderinnen gemacht und arbeiteten gemeinsam als Ausbilderinnen beim Bildungswerk Niedersächsischer Volkshochschulen. Als die Ausbildungsstätte geschlossen wurde, wurden sie mit einem Schlag arbeitslos.

Da sich die beiden weder vorstellen konnten, als Putzfrau noch als Gabelstaplerfahrerinnen zu arbeiten, beschlossen sie, endlich eine Idee in die Tat umzusetzen, die ihnen schon länger vorschwebte: Sie wollen Dessous nach Maß anfertigen.

"Viele Frauen sind frustriert, weil es sehr schwierig ist, im Geschäft den passenden BH zu finden. Wir fertigen nach Maß an und bieten auch einen Änderungsservice", sagt die Verdenerin Kohls-Behnken.

Die beiden Frauen wollen aber nicht nur selbst schneidern, sondern auch Kurse anbieten. Dafür mieteten sie ein Haus in der unmittelbaren Nähe des Langwedeler Bahnhofs an. Unterstützung bekamen sie von der Unternehmensberatung "Startklar" in Verden, wo sie noch bis Ende Juni an dem im Januar gestarteten EU-Projekte "Frauen Stärken", teilnehmen. Das Angebot richtet sich speziell an erwerbslose Frauen und Berufsrückkehrerinnen. "Dort mussten wir uns damit auseinandersetzen, wer unsere Zielgruppe ist und wie wir sie erreichen wollen, uns aber auch mit Steuerrecht, Rente, Werbung oder Versicherung befassen. Das hilft uns sehr", sagt Lüders. Auch nach dem offiziellen Start im Mai werden die beiden Frauen die Beratung dort in Anspruch nehmen, um zu sehen, wo sie nachbessern könnten.

Geschäftsführerin Min von Cramer hatte "Startklar" 2010 nach der Ausgliederung des "Gründungsateliers" vom Landkreis Verden zusammen mit Geschäftspartner Thomas Mill gegründet. Die Gelder für "Frauen Stärken" seien noch bis Juni 2014 bewilligt. "Seit 2010 hatten wir hier 350 Gründerinnen", sagt sie. In einer Erhebung habe sie herausgefunden, dass 90 Prozent der Absolventen, die vorher Arbeitslosengeld empfangen hatten, anschließend im Arbeitsmarkt integriert seien. "Es sind immer noch die Frauen, die durch die Familie ihr Berufsleben unterbrechen", sagt sie. " Durch die Selbstständigkeit sind sie flexibler, denn Teilzeitstellen sind dünn gesät."

Informationen zu "Startklar" gibt es im Netz unter www.startklar-verden.de. Die Koordinierungsstelle Frau und Wirtschaft beim Landkreis Verden ist unter Telefon 04231/150 erreichbar.

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