Interview „Wir haben aus den Ereignissen gelernt“

Die neue Betriebsleiterin des Förderbetriebes Niedersachsen der Dea, Kati Hanack, spricht im Interview über die Wichtigkeit der Aufklärung, Erdbebengefahren und mögliche Frackingvorhaben im Landkreis.
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„Wir haben aus den Ereignissen gelernt“
Von Marius Merle

Frau Hanack, seit dem 1. August sind Sie Leiterin des Förderbetriebes Niedersachsen der Dea, der Deutschen Erdoel AG. Was war Ihre erste Amtshandlung?

Ich habe mich zuallererst mit den aktuellen Aufgaben beschäftigt. Gerade im Sommer, wenn der allgemeine Erdgasbedarf geringer ist, haben wir ganz viele Wartungsarbeiten.

Welche Aufgaben genau umfasst denn Ihr neuer Job?

Ich bin wirklich für alles hier beim Förderbetrieb verantwortlich: sowohl für das Technische, als auch für strategische und wirtschaftliche Komponenten sowie für Personalangelegenheiten. Im Besonderen kommt noch dazu, dass ich eine bergrechtliche Verantwortung habe, also unter anderem dafür Sorge tragen muss, dass die Erdgasproduktion sicher erfolgt.

Bei vielen Menschen in der Region ist die Erdgasförderung seit einigen Jahren ja nicht gerade gerne gesehen. Macht es dennoch Spaß, einen solchen Job zu haben, bei dem man nicht unbedingt positive Resonanz erhält?

Meiner Erfahrung nach hat sich die Situation insgesamt verbessert. Ich wollte vor Ort unbedingt schnell ein Gefühl dafür entwickeln, wie die Wahrnehmung der Menschen ist. Dadurch war ich bereits viel in Kontakt mit Leuten, die hier wohnen. Die waren alle total interessiert. Und trotz kritischer Fragen war es für mich eigentlich eher eine sehr positive Rückmeldung.

Dennoch gibt und gab es in der näheren Vergangenheit immer wieder Kritik: Fühlte sich die Dea dabei manchmal auch ungerecht behandelt?

Ungerecht kann man so nicht sagen. Aber wir haben hier rund 90 Mitarbeiter, Leute, die hier ihre Familie haben, die jeden Tag hierher kommen und wirklich alles geben, um die Produktion sicher darzustellen. Die haben es dann, so glaube ich, leider schon zwischenzeitlich schwer gehabt.

Wenn man sich so umhört, merkt man, dass viele Menschen gar nicht so genau wissen, was die Dea hier vor Ort eigentlich genau macht. Ein Beispiel: In der öffentlichen Diskussion fällt ja immer wieder noch das Wort „Fracking“. Dabei wird ja hier schon seit Jahren nicht mehr gefrackt. Ist da nicht noch mehr Aufklärung gefragt?

Dafür haben wir schon sehr viel getan. Wir müssen aber ohne Frage zusehen, dass wir noch mehr Leute erreichen und diesen die verschiedenen Themen auch persönlich nahe führen. Wichtig sind dabei etwa die Unterschiede, wie ist es hier in Deutschland und wie ist es woanders auf der Welt. Da gibt es doch sehr große Unterschiede. Hier sind die Regelungen vergleichsweise sehr streng.

Also zukünftig noch mehr auf die Menschen zugehen?

Es ist eine beidseitige Angelegenheit. Wir haben etwa Internetseiten, wo jedermann sich informieren kann, geben regelmäßig Informationen heraus und natürlich können die Menschen jederzeit auch gern bei uns anrufen oder uns schreiben. Derweil müssen wir schauen, dass sich noch mehr Leute als bisher trauen, uns ihre Fragen auch direkt zu stellen. Ich denke da insbesondere an die Menschen, die sich einerseits zwar Sorgen machen, andererseits aber bisher noch nicht aktiv auf uns zugegangen sind.

Für besonderen Gesprächsstoff haben natürlich die leichten Erdbeben gesorgt, die es hier seit 2008 immer mal wieder gab. Wie hoch schätzen Sie das Risiko für weitere Beben ein?

Zunächst erst einmal, ohne es kleinreden zu wollen: Ich würde gerne von „seismischen Ereignissen“ sprechen. Wir haben in der Tat ein paar dieser Ereignisse gehabt, deren Schwinggeschwindigkeiten aber im Bereich von maximal fünf Millimetern pro Sekunde lagen, sodass es größtenteils um leichte Gebäudeschäden ging. Wir hoffen natürlich, dass es keine weiteren dieser Ereignisse geben wird. Aber wir können nicht ausschließen, dass es so kommt. Wir gehen im Moment aber nicht davon aus, dass mit einer extremen Zunahme und einer Erhöhung der Gefahr zu rechnen ist. Es wird sich irgendwann stabilisieren, aber es ist nicht sicher vorhersehbar, wann das der Fall sein wird.

Aber Sie können garantieren, dass bei einem weiteren Erdstoß die entstandenen Schäden schnell ersetzt werden?

Unbedingt. Dabei ist es uns besonders wichtig, dass die Geschädigten nicht die Rennerei haben, das heißt, wirklich unbürokratische Hilfe erhalten.

20 Bohrungen gibt es aktuell im Landkreis Verden. Sollen alle Stellen weiter betrieben werden oder sind sogar weitere Fördergebiete geplant?

Da würde ich gerne ein bisschen ausholen: Wir sind ja hier in Deutschland und hier gilt das Bundesberggesetz. Dieses wiederum verhindert Raubbau, wodurch wir verpflichtet sind, nachhaltig zu fördern. Das heißt: Wenn wir jetzt einmal angefangen haben, die ganze Infrastruktur aufzubauen, dann sollten wir auch möglichst effektiv dieses Feld ausfördern. Das ist natürlich endlich. Wir sind gerade in einem natürlichen Abfall der Produktion, planen aber weitere Projekte. Dazu zählen etwa Ablenkungen bestehender Bohrungen, um Bereiche, die bisher nicht ausreichend gefördert wurden, ebenfalls anzuschließen. So könnten wir den natürlichen Produktions-Abfall bestenfalls dämpfen aber nicht mehr umkehren. Aber es kann auch durchaus noch einmal eine neue Bohrung geben.

Wann wäre das Feld hier leer gefördert?

Wir gehen derzeit davon aus, dass wir noch rund 15 Jahre hier fördern können.

Und was würde dann mit den Flächen passieren?

Auch dafür gibt es ganz eindeutige Regelungen. Selbstverständlich müssen die Anlagen zurück gebaut und die Bohrungen fachgerecht verfüllt werden. Auch die Renaturierung steht dann an. Bei vielen Bohrstellen sieht man heute gar nicht mehr, dass dort einmal gefördert wurde.

Zurück in die Gegenwart: Was genau passiert mit dem Lagerstättenwasser, das durch die Förderung im Landkreis Verden mit an die Oberfläche kommt?

Wir haben im Landkreis Verden keine Verbringungsstätte unter Tage. Die nächste sogenannte Injektionsbohrung befindet sich im Landkreis Rotenburg – in diese wird rund 40 Prozent unseres Lagerstättenwassers gebracht. Weitere rund 40 Prozent gehen zu zertifizierten Entsorgern, um dort fachgerecht aufbereitet zu werden. Den Rest injizieren wir in spezielle Bohrungen unserer sogenannten Kosortialpartner.

Kommen wir noch einmal auf das Thema „Fracking“ zurück. 2011 wurde diese Fördertechnik hier letztmals angewendet. Die bundesweit gültigen neuen Fracking-Regeln sind mittlerweile in Kraft getreten und erlauben Fracking unter strenger Reglementierung. Plant die Dea im Landkreis Verden nun weitere Fracks?

Wir prüfen das natürlich. Derzeit haben wir aber keinen Frackingantrag eingereicht.

Zum Abschluss: Was ist Ihre persönliche Zielsetzung als Betriebsleiterin für die nächsten Jahre?

Mein Vorgänger, Mike Schreiter, hat für den Förderbetrieb einen sehr guten Weg eingeschlagen. Er hat wieder Kontakte aufbauen können zu den Menschen um uns herum. Und jetzt ist es mir ein persönliches Anliegen, das unbedingt weiter fortzuführen, auszubauen und so die Akzeptanz in der Bevölkerung für unsere Arbeit zu erhöhen. Wir haben aus den Ereignissen in der Vergangenheit gelernt. Mir ist es insbesondere wichtig, unsere Erdgasproduktion so sicher wie möglich zu machen – und darüber sprechen wir hier im Betrieb jeden Tag.

Das Gespräch führte Marius Merle.

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