Detlef Rakebrand leitet Freizeiten auf Ameland "Wir machen nicht die Augen zu"

Verden. Gewaltsame sexuelle Übergriffe unter Kindern und Jugendlichen haben die niederländische Insel Ameland ins Gerede gebracht. Kreisjugenddiakon Detlef Rakebrand leitet seit Jahren Freizeiten auf der Insel. Im Interview erzählt er, was zum Schutz der Kinder getan wird.
29.07.2010, 06:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Rolf-Dieter Vogeler

Verden. Gewaltsame sexuelle Übergriffe unter Kindern und Jugendlichen haben die niederländische Insel Ameland ins Gerede gebracht. Kreisjugenddiakon Detlef Rakebrand leitet seit Jahren Freizeiten auf der Insel. Rolf-Dieter Vogeler sprach mit ihm darüber, wie es zu solchen Vorfällen kommen konnte und was zum Schutz der Kinder getan wird.

Herr Rakebrand, Sie haben jahrzehntelange Erfahrungen mit Jugendfreizeiten. In diesem Jahr waren Sie für die evangelische Kirche wieder mit zwei Gruppen auf Ameland. Haben die Vorfälle in Buren Sie überrascht?

Detlef Rakebrand:Überhaupt nicht. Es war schon lange meine Befürchtung, dass so etwas auch auf Jugendfreizeiten geschehen könnte, und ich habe meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch auf das Thema eingenordet. Unter anderem gibt es dafür einen verbindlichen Informations- und Fortbildungsabend in Zusammenarbeit mit der Beratungsstelle 'Horizonte'.

Hätte so etwas auch in einer Ihrer Gruppen geschehen können?

Wir schließen derartiges seit Jahren nicht mehr aus und haben auch auf unseren Freizeiten schon kleine Ansätze zu sexuellen Übergriffen gehabt, denen wir sofort konsequent begegnet sind. Deshalb verstehe ich einfach nicht, weshalb die Betreuer in Buren diese furchtbaren Handlungen nicht unterbunden haben. Mit mangelnder Qualifikation lässt sich das nicht erklären. Man muss nicht besonders qualifiziert sein, um Gewalt zu erkennen und Hilferufe zu verstehen.

Aber die Taten als solche wundern Sie nicht?

Nein, das hat allerdings wenig mit Ameland zu tun, sondern mit den Beteiligten und den Umständen, wie junge Menschen heute aufwachsen. Die Osnabrücker Gruppe bestand aus Zwölf- bis 15-Jährigen, eine pädagogisch sehr schwierige Altersgruppe. Das ist schon Sprengstoff.

Weshalb?

In diesem Alter interessieren sich die Kids immer stärker für das andere Geschlecht. Vor ein paar Jahrzehnten hatte man seine ersten richtigen sexuellen Erfahrungen mit 16 bis 18 Jahren. Heute hat man sie oft schon mit 14,15 Jahren, in Ausnahmefällen auch schon mit 11 oder 12 Jahren. Gleichzeitig wird den Kindern heute eine völlig tabulose Sexualität vorgegaukelt. Sie werden in einer Weise mit Sexualität konfrontiert, die es früher schlicht nicht gegeben hat. Kinder laden sich heute Pornoclips aus dem Internet herunter.

Was ist daran so schlimm?

Dass die Kinder dadurch völlig falsche Vorstellungen von Sexualität und Geschlechterrollen bekommen. Männer sind in Pornos immer potent, Frauen stets willig. Oft ist noch Gewalt im Spiel. Es gibt Clips, die haben bei Kindern und Jugendlichen Kultcharakter. Die müsste man sich eigentlich gemeinsam mit ihnen ansehen, um dann darüber sprechen zu können.

Und diese Kids kommen dann in Jugendfreizeiten - in eine Atmosphäre, die sich schnell erotisch auflädt.

Solche Freizeiten hatten schon immer auch den Eros im Gepäck. Da müssen wir uns nichts vormachen. Und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind nicht nur wegen der schönen Landschaft dabei. Sicher spielt das auf Ameland, bei der Altersgruppe, mit der wir dort unterwegs sind, nur eine untergeordnete Rolle, aber die Anfänge sind auch dort schon zu beobachten und zu erleben. Auf den Freizeiten für die Älteren ist das noch mehr ein Thema - und das ist ja auch völlig in Ordnung. Zwar fördern und forcieren wir diese Dinge nicht, aber wir bieten dafür einen geschützten Rahmen. Es ist enorm wichtig, bestimmte soziale Verhaltensweisen einzuüben, Vorurteile abzubauen und auch Rückmeldungen zum eigenen Verhalten zu bekommen.

Das bedeutet viel Verantwortung für die Betreuer. Wieviele hatten Sie denn auf Ameland dabei?

Wir waren nacheinander mit zwei gemischten Gruppen von jeweils 42 Teilnehmern auf der Insel. Die erste Gruppe mit Kindern im Alter von sechs bis zehn Jahren hatte elf Betreuer, bei der zweiten mit Kindern von zehn bis 13 Jahren waren es zehn. Plus Kochteam und meine Person als verantwortliche Gesamtleitung.

Wie waren die Betreuer für ihre Aufgabe qualifiziert?

Es handelte sich durchweg um ausgebildete, gut vorbereitete Jugendgruppenleiter, überwiegend erfahrene Kräfte, aber auch Neulinge, die erstmals dabei waren. Ihr Alter lag zwischen 16 und 25 Jahren. Größtenteils waren sie früher selbst Ameland-Kinder. Alle Mitarbeiterinnen waren mir schon im Vorfeld persönlich bekannt, und das Team wurde nach verschiedenen Gesichtspunkten zusammengestellt. Ich käme niemals auf die Idee, über die Zeitung nach Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dafür zu suchen oder gar mir unbekannte Menschen mitzunehmen. Persönliches Vertrauen in die Fähigkeiten, Übertragung von Verantwortung und ständiger Austausch und Reflexion des Tagesgeschehens während der Freizeit ist für eine solche Aufgabe unbedingt nötig.

Wie sahen die Vorbereitungen für die Betreuer aus?

Für alle unsere Sommerfreizeiten beginnen die Vorbereitungen bereits im November/Dezember des Vorjahres mit regelmäßigen Treffen zur Vorbereitung. Wir hatten im Vorfeld etliche Treffen, darunter ein Wochenende zur Vorbereitung. Dabei spielten die Themen Kindeswohlgefährdung, Sexualität und Gewalt eine sehr wichtige Rolle. Wir haben immer wieder besprochen, was sich daraus für Aufgaben, Pflichten und Gefahren ergeben. Aber ich muss auch zugeben, dass wir noch keine echte pädagogische Antwort auf die neuen Fragen haben, die zum Teil auf uns einstürzen. Aber wir sehen die Fragen und machen nicht die Augen zu.

Was tun Sie in der Praxis, um die jungen Teilnehmer zu schützen?

Vor allem haben wir ein Auge auf sie. Sie sollen sich nicht ständig beobachtet fühlen, aber merken, dass wir da sind. Es gibt bei uns die sogenannten CdT - die Chefs des Tages. Das sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die den ganzen Tag über für die Kinder als Ansprechpartner ständig erreichbar sind. CdTs haben keine Mittagspause, sind immer sicht- und erreichbar - auch dann, wenn kein Programm ist. Die Kinder schlafen in 6er-Zimmern, die Mitarbeiter auf dem selben Flur, aber in eigenen Zimmern. Und allein die natürliche Bauweise niederländischer Häuser lässt einen immer hören, wenn da etwas im Gange ist. Bei unseren Freizeiten gibt es 'Einschlafwachen' auf den Fluren, die erst dann in die abendliche Teambesprechung gehen, wenn zu vermuten ist, dass die Kinder auch tatsächlich schlafen. Und natürlich tauschen wir im Betreuerkreis unsere Erfahrungen und Beobachtungen aus, beraten über Probleme und achten gegebenenfalls auf einzelne Teilnehmer ganz besonders.

Kann es nicht auch zu heiklen Situationen zwischen jugendlichen Betreuern und Betreuten kommen?

Sicher, könnte es. Betreuer von 16 oder 17 Jahren werden von den Teilnehmerinnen oftmals geradezu angehimmelt. Da gilt die eindeutige Devise: Finger weg von den Teilnehmern. Die Betreuer sind für den Verlauf der Freizeit Erziehungsbeauftragte und haben eine Aufsichtspflicht. Kämen sie den Teilnehmern zu nahe, wäre das ein Gesetzesverstoß. Das wissen meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ganz genau und verhalten sich entsprechend. Was natürlich nicht ausschließt, dass ein herzliches Verhältnis besteht und Kinder auch in den Arm genommen werden. Aber es ist für die Teammitglieder jederzeit klar, wo die Grenze liegt.

Um noch einmal auf Ameland zurückzukommen. Glauben Sie, die Täter wussten, dass sie etwas Kriminelles taten? Oder könnten sie das auch für eine Art von forciertem Spiel gehalten haben?

Zumindest teilweise müssen sie es gewusst haben, was man auch den Veröffentlichungen entnehmen kann. Wenn ich nach einer Erklärung für diese Vorkommnisse suche, dann denke ich daran, dass es auf solchen Freizeiten oft ganz seltsame Riten gibt.

... ähnlich wie in Institutionen wie etwa der Bundeswehr, was immer mal wieder Schlagzeilen macht.

Ja, ich denke, so etwas könnte auf der Insel auf furchtbare Weise ausgeartet sein. Auf unseren Freizeiten würden wir solche Riten sofort unterbinden.

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