Piraten-Pauls Erbe: Kapitän Jan Meyer startet mit der MS Stadt Verden in die Saison

Wo die Aller einen großen Bogen macht

„Ich mache weiter bis ich hundert bin.“ Kapitän Jan Meyer Verden.
13.05.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Dirk Zweibrock

Schiffsführer Jan Meyer sieht aus, als wäre er gerade aus dem Urlaub gekommen. Doch sein sonnengebräunter Teint rührt woanders her – von seinem liebsten Hobby. Als Kapitän steht er schon seit Jahren auf der Brücke des Fahrgastschiffes Stadt Verden. Das hat er gerade wieder sicher durch den alle fünf Jahre fällig werdenden Schiffs-Tüv gebracht. Der neuen Fahrsaison auf Aller und Weser steht nun also nichts mehr im Wege – Leinen los, Schiff ahoi. Von Ostern bis tief in die Adventszeit hinein geht Kapitän Jan Meyer mit seinen Gästen auf große Fahrt. Jeweils mittwochs und sonntags von 14.30 Uhr bis 16.30 Uhr lädt er zur Aller-Weser-Rundfahrt auf Verdens Hausfluss, der Aller, und ihrer großen Schwester, dem Weserstrom.Gerade jetzt im Frühling und Sommer stehen auch wieder die beliebten Grillfahrten nach Bremen, Hoya und Nienburg auf dem Linienfahrplan.

Die Stadt Verden sticht vom Anleger Reeperbahn aus in See. Nein, der Verdener Reeperbahn, nicht der Hamburger – obwohl Meyer auch problemlos Touristen über die sündigste Meile der Welt führen könnte. „Wer so etwas macht wie ich, muss einfach die Leute unterhalten können, Spaß machen, die Gäste zum Lachen bringen“, weiß der dreifache Vater, achtfache Großvater und dreifache Uropa, dass sein Charme sein größtes Kapital ist. Keine Frage, ohne Seemannsgarn geht es selbst auf einem Binnengewässer wie der Weser nicht. „Ich sage den Fahrgästen gleich nach der Begrüßung an Bord, dass sie selber wissen müssen, ob sie alles glauben wollen, was ich ihnen erzähle“, sagt Jan Meyer mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Seine Anekdoten, seine Döntjes, seine Juxraketen und Lachsalven, die er im Minutentakt wie ein Feuerwerk abbrennt, kommen einfach an beim Publikum. Ja, dem Kapitän sitzt der Schalk im Nacken. „Wenn wir Hochzeiten an Bord haben, die Gäste tanzen und es draußen schon dunkel ist, drehe ich gerne auf dem Wasser - dann hört die Hochzeitsgesellschaft sofort auf zu tanzen und hält sich immer ganz ängstlich am Tresen fest“, erzählt er breit grinsend.

Zur Stammbelegschaft auf der Stadt Verden gehören neben dem Schiffsführer auch Matrose Wolfram Stolte und Serviceleiterin Susanne Grundmann. Die hat für die neue Saison bereits etliche Charterfahrten an Land gezogen. Egal ob Hochzeiten, Geburtstage oder Betriebsfeiern – auf dem Fahrgastschiff werden die Feste gefeiert wie sie fallen. An vorderster Front mit dabei: der fast 73-jährige, ständig über das Smartphone wischende Urgroßvater Jan Meyer aus Lunsen. An der Schifferschule Petershagen hat der gelernte Hufschmied damals sein Weser-Patent erworben, im vergangenen Jahr sogar noch den Taxischein gemacht. Als er in Rente gegangen ist, Meyer stand lange in Diensten des Wasser- und Schifffahrtsamts, hat er als Kapitän auf der MS Stadt Verden angeheuert. Bis auf den freien Montag sitzt Jan Meyer in der Saison fast jeden Tag hinter dem Steuerrad.

Auf seinem Mobiltelefon hat Jan Meyer auch die Bilder vom jüngsten Schiffs-Tüv gespeichert. Mehrere Tage lang war der Kapitän dafür im März mit seinem Schiff in Minden. Der Schiffs-Tüv, die Suk, hat die Stadt Verden dort genauestens inspiziert, keine gravierenden Mängel festgestellt. „Mit fünf Millimetern ist der Boden noch stark genug“, freut sich Meyer und ergänzt: „Bei weniger als vier Millimeter hätte eine Platte angebracht werden müssen.“ Die Stadt Verden, Baujahr 1980, ist rund 30 Meter lang und 6,50 Meter breit. Tiefgang: 1,10 Meter, Antrieb: 180 Pferdestärken. Kapazität: bis zu 250 Passagiere. Sie fährt mit Dieselkraftstoff. „Früher war das Schiff ja noch unter dem Namen Allerland bekannt und gehörte Piraten-Paul, heute ist es eins von insgesamt neun Fahrgastschiffen der Reederei Flotte Weser mit Büros in Nienburg und Hameln“, berichtet Jan Meyer.

2,5 Stunden benötigen der Kapitän und seine Crew von der Allerstadt Verden bis zum Anleger Dörverden. „Meistens fahre ich so zwölf Stundenkilometer“, erzählt der Schiffsführer. Klar könne er auch schneller über den Fluss schippern, aber wozu? „Wir haben doch schließlich Zeit“, findet der gebürtige Thänhuser, der heute in Lunsen zu Hause ist. Auf der Fahrt durch den Südkreis signalisiert ihm das blinkende Licht, welche Schleusenkammer in Dörverden gerade frei ist. Hat die Stadt Verden die kleine Schleuse binnen zehn Minuten passiert, dauert es in der großen eine geschlagene halbe Stunde. „Zwischen Bremen und Minden hat die Mittelweser fast 40 Meter Gefälle“, erzählt Meyer von den insgesamt sieben Staustufen, darunter auch Langwedel und Dörverden, die den Fluss auf diesem Abschnitt regulieren. Nach Bremen und in die Gegenrichtung nach Nienburg benötigt die Stadt Verden für eine Strecke ungefähr vier Stunden. Nach zwei Stunden Aufenthalt, inklusive Stadtführungen, geht es dann wieder vier Stunden retour zur Anlegestelle Verden. Kapitän Meyer hat bislang noch jede Klippe sicher umschifft, warnt aber vor den Weser-Engstellen Nienburger und Horstedter Bucht. „Talfahrt hat immer Vorfahrt, Bergfahrt muss warten“, fasst der Schiffsführer zusammen.

Vier Streifen zieren die Schulterklappen des Kapitäns, der Matrose glänzt dagegen nur mit drei. Mit seinem blütenweißen Hemd und der schicken Krawatte braucht Jan Meyer den Vergleich mit Sascha Hehn nicht zu scheuen. Gut, der steht auf der Brücke eines Kreuzfahrtschiffes, Meyers Fahrgastschiff mit seinen beiden Salons fällt dann doch eine Spur kleiner aus als das Traumschiff. Im Winter 2015/2016 hat Jan Meyer die MS Stadt Verden gar nicht in den Verdener Hafen gebracht. Während der kalten Jahreszeit hat sie an der Reeperbahn überwintert. Lediglich bei Sommerhochwasser lotst Meyer das Schiff in sichere Gefilde. „2013 mussten wir zwei Wochen lang unfreiwillig pausieren“, erinnert sich Serviceleiterin Susanne Grundmann. Schiffsführer Jan Meyer wünscht sich, dass er noch möglichst viele Jahre stets eine Handbreit Wasser unter dem Kiel hat. Von Bord gehen will der Lotse nämlich noch lange nicht. „Ich mache weiter bis ich ich hundert bin. Danach gehe ich mit meiner Frau zehn Jahre in den Garten“, scherzt das Thedinghäuser Original.

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