Rasen mähen gegen einen Stapel Bücher / Beim Tauschring geht Wirtschaft ohne Geld

Wo Verdeäpfel eine harte Währung sind

Beim Verdener Tauschring braucht man kein Geld. Abgerechnet wird in "Verdeäpfeln". Von Blumen gießen bis zum Bügeln und den Schrank runter tragen bieten die Mitglieder alles an, was anderswo viele Euros kosten kann.
23.05.2013, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Wo Verdeäpfel eine harte Währung sind
Von Anna Zacharias
Wo Verdeäpfel eine harte Währung sind

Tauschgeschäft im Scharfrichterhaus in Verden (von links): Rosemarie Callies, Angelika Mehrer und Helmut Brammer beraten über den Preis eines Rosmarin-Strauches.

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Beim Verdener Tauschring braucht man kein Geld. Abgerechnet wird in "Verdeäpfeln". Von Blumen gießen bis zum Bügeln und den Schrank runter tragen bieten die Mitglieder alles an, was anderswo viele Euros kosten kann.

Landkreis. Das Prinzip ist so alt wie die Menschheit: Einer hat etwas, und der andere will es haben. Also gibt er ihm etwas von sich dafür. Seit 1998 funktioniert dieses Prinzip auch beim Tauschring in Verden. "Manche denken, das sei eine neue Hippie-Welle aus den USA. Dabei hat es diese Form der Nachbarschaftshilfe immer schon gegeben", sagt Marie-Ann Schwenk. Die gebürtige Rheinländerin ist seit 2002 mit dabei und tauscht, was das Zeug hält.

Das kann so gut wie alles sein. Ein Mittagessen für einen großen Abwasch, einmal Schrank runtertragen für einmal putzen oder den Computer reparieren für einmal Rasenmähen. Nur Schwarzarbeit, betont Marie-Ann Schwenk, gibt es beim Tauschring nicht. Die Währung hier heißt nicht Euro, sondern "Verdeapfel". Sie hat den Vorteil, dass alle Mitglieder ihr Guthaben auch bei allen anderen einlösen können, nicht nur bei der Person, für die sie gearbeitet haben.

Über die Frage, wie viel eine Dienstleistung wert ist, kann es dabei auch schon mal Streit geben. Kompliziert wird es vor allem dann, wenn Gegenstände gegen Dienstleistungen getauscht werden sollen. Zehn Minuten putzen sind ein Verdeapfel, aber wie viele gibt es für einen Stapel Bücher? "Das ist dann Verhandlungssache", sagt Schwenk. "Wir fänden es toll, wenn auch mehr Hartz-IV-Empfänger zu uns kommen würden", so die engagierte Verdenerin, während sie über dem Waschbecken in ihrer Küche Gemüse putzt – sie kocht heute für ein paar Tauschler.

Viele hätten Berührungsängste und dächten, sie hätten nichts Besonderes anzubieten. "Das ist aber Unsinn, jeder kann irgendetwas, das er dem anderen als Tausch anbieten kann, von Blumen gießen bis Bügeln wird alles gebraucht", sagt Schwenk. Sie sei ideologisch überzeugte Tauscherin – und zudem habe der Austausch mit anderen natürlich auch finanzielle Vorteile, zum Beispiel wenn statt der Euros für einen Umzugsservice Verdeäpfel eingesetzt werden können.

Die Mitglieder bezahlen mit gedruckten Gutscheinen, aber es werden auch Listen geführt. Dafür ist Volker Brunkhorst zuständig. Für den Umzug von Marie-Ann Schwenk hat das langjährige Mitglied sogar schon Urlaubstage genommen. Für einen solch umfangreichen Einsatz mit einem hohen "Kredit" braucht es Vertrauen, das sich Neulinge in der Gruppe erst erarbeiten müssen.

"Die Neuen werden zunächst stärker angefragt", erzählt Schwenk. Das Prinzip funktioniere nur, wenn sich Mitglieder nicht mit einem immensen Minus an Verdeäpfeln absetzen. Es gäbe aber auch "reiche" Mitglieder mit 200 Verdeäpfeln, die sich zurückzögen.

Um die 40 Mitglieder hat der Tauschring, etwa 20 von ihnen sind zur Zeit aktiv. Beim Treffen im Scharfrichterhaus halten Rosemarie Callies, Angelika Mehrer und Helmut Brammer die Köpfe zusammen: Sie debattieren, was wohl ein Bündel Rosmarin wert ist. Einmal Wäsche waschen? Hausaufgaben-Nachhilfe für den Sohn? Tauschen mag nicht so simpel sein wie bar bezahlen – aber es macht einfach viel mehr Spaß.

Die Tauschbörse findet immer jeden ersten Mittwoch im Monat ab 20 Uhr im Scharfrichterhaus in Verden und jeden 2. Freitag im Monat ab 20 Uhr im "Liekedeeler" im Ökozentrum statt. Neue Mitglieder sind jederzeit herzlich willkommen.

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