Parzival-Hof

Zwischen Wunsch, Wille und Würde

Was steckt hinter dem Konzept der Sozialraumorientierung in der Behindertenhilfe? Über dieses Thema hat der renommierte Professor Wolfgang Hinte am Dienstag im Quelkhorner Parzival-Hof referiert.
17.04.2018, 17:29
Lesedauer: 2 Min
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Zwischen Wunsch, Wille und Würde
Von Lars Köppler
Zwischen Wunsch, Wille und Würde

Heimleiter Stefan Bachmann (links) begrüßte Vertreter aus der lokalen Politik und Wolfgang Hinte (sitzend, Dritter von links).

FOCKE STRANGMANN

Quelkhorn. Worin besteht in der Behindertenhilfe der Unterschied zwischen Wunsch und Wille? Wie lassen sich kreative Arrangements schaffen, damit Menschen mit Behinderungen ihre Ziele verwirklichen können? Und was verbirgt sich eigentlich hinter dem Konzept der Sozialraumorientierung? Um Fragen wie diese ist es am Dienstagvormittag in einem launigen und informativen Vortrag im Saal des Quelkhorner Parzival-Hofes gegangen.

In Wolfgang Hinte hatte Heimleiter Stefan Bachmann nicht nur einen ausgewiesenen Fachmann zum Thema Sozialraumorientierung nach Quelkhorn geholt, sondern auch einen exzellenten Redner, der dem bunt gemischten Publikum aus Parzival-Bewohnern sowie Vertretern regionaler Einrichtungen und lokaler Politik die schwierige Materie ebenso anschaulich wie pointenreich näher brachte. Die Sozialraumorientierung ist demnach ein ganzheitliches Handlungskonzept der sozialen Arbeit, dessen Konzept laut Hinte auf mehreren Prinzipien fußt. Im Kern gehe es darum, die Lebensbedingungen aller Menschen in einem Sozialraum zu verbessern. Deren Interessen und Bedürfnisse stünden dabei im Vordergrund.

Das Konzept der Sozialraumorientierung setzt an den Fähigkeiten jedes Einzelnen an und aktiviert diese. Wichtigster Aspekt ist für den renommierten Professor der Wille dieser Menschen. "Gute sozialraumorientierte Arbeit setzt immer dort an, was die Menschen wollen. Doch dagegen wird in diesem System am häufigsten verstoßen", erklärte Hinte. Der Wille sei etwas ganz anderes als der Wunsch, denn wer seinen Willen bekunde, trage immer selbst zur Erreichung eines Zieles bei. "Deshalb dürfen Wünsche in der Behindertenhilfe keine Rolle spielen", dozierte Hinte. Vielmehr sei es wichtig, passgenaue und auf die Menschen abgestimmte Lösungen und Arrangements zu schaffen, damit auch behinderte Menschen so leben können, wie sie es wollten. "Das ist unser Job." Dabei sind es laut Hinte meist vermeintliche Kleinigkeiten, die eine große Wirkung auf das Leben dieser Menschen haben. Aus seiner praktischen Arbeit weiß Hinte, dass es manchmal einfach nur der Drang ist, dass es den Tieren und Pflanzen an nichts mangelt. Und genau dieser Wille müsse respektiert und erfüllt werden. Doch gerade diese kleinen und doch so wichtigen Dinge des Lebens seien in der Behindertenhilfe oft nicht kompatibel mit der Bürokratie oder würden einfach übersehen.

Das Konzept der Sozialraumorientierung soll also Menschen in ungünstigen Lebenssituationen ermutigen, Veränderungen im Leben selbst in die Hand zu nehmen. "So wenig Hilfe wie möglich", heißt ein weiteres Prinzip in dem Konzept. "Wenn wir Inklusion wollen, dann geht das nur über Normalität. Wir brauchen Einrichtungen, in denen auch mal etwas schief gehen kann", erläuterte Wolfgang Hinte provokant und fügte hinzu: "Im derzeitigen System der Behindertenhilfe können die Menschen ihre Würde oft nicht entfalten." Das dritte Prinzip setzt bei den Ressourcen der Menschen an. "Jeder hat Eigenschaften und wir müssen daraus den Rahmen schaffen", forderte Hinte. Ein Beispiel, wo sich Fähigkeiten zu Ressourcen machen ließen, seien Integrationsklassen.

Für Hinte ist die Sache klar: "Gute Teilhabepläne beschreiben niemals die Schwächen dieser Menschen." Daher müsse es ein System geben, dass sich über Ressourcendiagnostik definiere und nicht die Defizite in den Mittelpunkt rücke. Heimleiter Stefan Bachmann war mit den Ausführungen des Forschers und erfahrenen Praktikers sowie dem offenen und konstruktiven Austausch im Anschluss vollauf zufrieden: "Es war eine sehr positive Veranstaltung. Aber es ist noch sehr viel Zukunftsmusik, daher können wir jetzt nicht sofort Beschlüsse fassen. Das Thema werden wir auf jeden Fall vertiefen."

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