Fußball

Coaching aus einer anderen Perspektive

Frank Flegel ist Co-Trainer beim SV Vorwärts Hülsen II und hat als erster Rollstuhlfahrer die C-Lizenz erworben.
25.07.2019, 18:51
Lesedauer: 3 Min
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Coaching aus einer anderen Perspektive
Von Patrick Hilmes
Coaching aus einer anderen Perspektive

Selbst vormachen geht nicht, Frank Flegel muss alles im Fußball bildlich erklären.

Jonas Kako

So gut wie jeder Fußball-Trainer hat wohl die gleiche Vorgeschichte: Jeder hat selbst gespielt, selbst gegen den Ball getreten, war selbst Teil einer Mannschaft, hat selbst um Titel und gegen Abstiege gekämpft. Doch nicht so Frank Flegel. „Ich kenne auch keinen.“ Er weiß selbst, dass er ein Unikat ist. Einer, den es sonst nicht gibt, zumindest nicht in Niedersachsen. Denn Frank Flegel aus Westen lehrt Fußball, obwohl er es selbst nicht kann, nie konnte und auch nie können wird. Der Contergan geschädigte Frank Flegel ist der erste Rollstuhlfahrer in Niedersachsen, der die Trainer C-Lizenz erworben hat.

Der Glaube fehlte

Doch wie ist das möglich? Das hatte sich auch Frank Flegel nie wirklich überlegt. „Ich habe nie geglaubt, dass ich das machen könnte. Ich dachte, das wäre für mich nicht möglich.“ Doch heute mit 40 Jahren hat er es geschafft, von Januar bis Mai nahm er jedes Wochenende an den erforderlichen Lehrgängen teil und schloss die anschließende Prüfung erfolgreich ab. Aber das ist nicht der Startschuss der Geschichte. Dieser fiel bereits vor rund drei Jahren, als Frank Flegels Arbeitskollege bei Jazz (Jugendhilfe in Drakenburg) ihn ansprach und fragte, ob er nicht Lust hätte, ihm als Co-Trainer bei seiner Fußball-Mannschaft zu unterstützen. Dieser Arbeitskollege ist Oliver Rozehnal, heute Trainer des FC Verden 04 II und damals Coach des SV Vorwärts Hülsen II.

Frank Flegel bejahte den Vorschlag Rozehnals, doch mit einher kam auch die Angst. „Ich war mega nervös. Ich hatte ein paar unruhige Nächte und bin mit viel Skepsis hingegangen“, erinnert sich Flegel. Kann ich das wirklich? Wie nimmt mich die Mannschaft auf? Wie gehe ich am besten mit den Spielern um? All solche Fragen beschäftigten Frank Flegel. Und das nicht ohne Grund, hatte er doch in einer ähnlichen Situation schon negative Erfahrungen gesammelt. Ein paar Jahre zuvor versuchte Flegel dasselbe beim TSV Jahn Westen. Doch nach einem halben Jahr brach er das Experiment wieder ab. „In Westen hat es einfach nicht funktioniert. Man wird nicht überall mit offenen Armen empfangen und nicht alle machen alles mit. Manche waren auch zu zaghaft, nahmen zu viel Rücksicht. Das brauche ich nicht, ich will behandelt werden wie jeder andere auch.“ Entsprechend groß war die Skepsis vor dem ersten Treffen mit der Hülsener Kreisklasse-Truppe.

In Hülsen von Anfang an wohlgefühlt

Doch unter dieser Nervosität hatte sich auch direkt bei der Fragestellung Rozehnals ein anderes Gefühl gemischt, ein besseres: Vorfreude. Denn Frank Flegel war begeistert von dem Gedanken, er könne bei einer Fußball-Mannschaft mithelfen. Denn er ist schon immer fußballaffin gewesen. „Mein Vater war früher mal Trainer in Hülsen und meine Brüder haben auch Fußball gespielt. Ich bin quasi auf dem Sportplatz aufgewachsen“, erzählt der Werder-Fan. Daher ließ er sich erneut darauf ein. Und diesmal entwickelte sich alles positiv. „In Hülsen war es dann komplett anders, dort bin ich von Anfang an gut aufgenommen worden.“

Zu Beginn seiner Tätigkeit kümmerte sich Frank Flegel ausschließlich um organisatorische Dinge. Mittlerweile ist das anders, im Laufe der drei Jahre übernahm er mehr und mehr Trainertätigkeiten. Trainingsplanung, Hütchen aufstellen, spielerische und taktische Anweisungen – alles was ein Trainer halt so macht, macht Frank Flegel. In der vergangenen Hallensaison übernahm er für den verhinderten damaligen Coach Lasse Gehlich gar das Amt des Chef-Coaches. Zuvor durchlebte Flegel wieder schlaflose Nächte, doch es funktionierte alles bestens.

Mittlerweile ist Frank Flegel beinahe schon unverzichtbar für den SVV geworden. „Für uns ist er ein Trainer wie jeder andere, er ist bei uns hundertprozentig gesetzt und einer von uns. Für uns ist es das normalste der Welt, dass er über seine Rampe bei uns ins Vereinsheim kommt“, sagt Klaas Neumann, 2. Vorsitzender und schiebt noch lachend hinterher: „Aber jetzt mit der Lizenz muss er auch liefern.“

Liefern will Frank Flegel natürlich. Doch nochmals die Frage: Wie ist das überhaupt möglich? Immerhin kann Frank Flegel nicht aus eigener Erfahrung sprechen, kann keine Inhalte vormachen. „Es ist mehr Erklärung, ich muss halt alles bildlich erzählen.“ Pass- und Laufwege aufzeigen, Raumaufteilung erklären, taktische Anweisungen geben – das alles kann Frank Flegel. Und an der Seite des heutigen Chef-Coaches des SVV II, Koray Vurus, tut er das auch. Die Spieler, die hätten sich mittlerweile an das Coaching aus der anderen Perspektive gewöhnt.

Vieles geht, aber nicht alles

Auch bei den Lehrgängen sei es so abgelaufen, Hilfe hatte er keine. „Ich will keine Unterstützung, ich will es selber schaffen.“ Doch nicht alles funktioniert. Das betrifft unter anderem ganz junge Jugendmannschaften. „Mini-Kicker würden für mich nicht funktionieren.“ Flegel kann nur Spielern etwas beibringen, die die Grundidee von Fußball verstanden haben, die wissen, wie sie mit dem Ball umzugehen haben. Denn das ist etwas, was er nicht kann.

Aber alles andere kann und möchte er weiter ausbauen. Erstmal will er jetzt Erfahrungen als Trainer sammeln. „Darüber kommt man nicht hinweg. Ich sehe selbst, dass ich noch Zeit brauche.“ Doch irgendwann will er mal Chef-Coach werden. Gerne von Hülsens zweiter Mannschaft, gerne irgendwann auch mal von der Bezirksliga-Truppe. Doch völlig egal wann, das Wichtigste ist für ihn: Er weiß jetzt, dass es möglich ist.

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